Leserbrief: Ich wurde Opfer von Cybermobbing

30. Juli 2014 um 20:30 Uhr

Leserbrief: Ich wurde Opfer von Cybermobbing

Nach unserer Berichterstattung über die Gefahren von Cybermobbing erreichte uns die Geschichte eines “Opfers”. Aus verständlichen Gründen halten wir die die Identität des Autors/der Autorin anonym. Das Wort “Opfer” schreiben wir an dieser Stelle bewusst in Anführungszeichen, denn niemand muss sich mit der Opferrolle abfinden! Jeder kann und sollte etwas dagegen tun, wie auch die folgenden Zeilen zeigen:

“Es fing alles damit an, dass meine Mitschüler im Unterricht immer wenn sie meinen Namen sagten, anfingen zu lachen. Ich fühlte mich schon hierbei nicht ganz wohl in meiner Klasse.

Ein paar Tage später, es war ein Sonntagabend in diesem Jahr, fingen sie dann an sich in einem Klassenchat auf Whatsapp über mein Profilbild und meinen Status lustig zu machen. Ich fühlte mich gekränkt, als ich Kommentare wie „Ihr Bild toppt alles“ und „So ein Opfer zu lesen“. Ich fing an zu zittern, Tränen stiegen mir in die Augen, ich war fertig. Ich fragte mich, was ihnen an meinem Profilbild nicht passen könnte, fand darauf jedoch keine Antwort. Ich hatte weder ein Bild mit Ausschnitt noch sonst was benutzt, was also war ihr Problem?

Montags wollte ich nicht in die Schule, hätte dann aber meine Eltern anlügen müssen, um zuhause zu bleiben. Also ging ich in die Schule, ich fühlte mich sehr unwohl. Als dann im Unterricht ein Geodreieck auf mich und meine Freundin geworfen wurde, war es genug für mich. Ich entschied mich dafür, sobald ich zuhause sein würde, würde ich meiner Mutter sagen, was in der Schule und auch in Whatsapp passiert war.

Als ich ihr das erzählte, fragte sie mich zuerst, wie lange das schon so ginge, ich war froh, ihr erzählen zu können, dass es noch nicht lange war. Meine Mutter schrieb noch am selben Nachmittag eine E-Mail an meinen Klassenlehrer, in der sie ihn über das vorgefallene informierte. Zwei Tage später, ging ich gemeinsam mit meiner besten Freundin zu meinem Lehrer, er nahm sich direkt die Zeit und wir schilderten ihm, was passiert war. Ich fand es relativ schwer, weiß jedoch nicht, weshalb. Er meinte am Ende des Gespräches, er würde das Thema mal mit der gesamten Klasse ansprechen.

Von da an hatte ich das Gefühl, etwas getan zu haben, was nicht in Ordnung ist. Ich hatte eine gewisse Angst davor, dass er das Thema anspricht, Angst, dass sie mich dann irgendwie fertig machen werden.

Am nächsten Tag sprach er das Thema dann an, ich saß auf meinem Platz, ganz still, kämpfte – erfolgreich – mit den Tränen. Als der Lehrer dann außerhalb des Klassenzimmers war, fingen sie an darüber zu diskutieren, was sie denn gemacht hätten, sie meinten es wäre keine Art von Mobbing. Ich biss mir auf die Lippen, stellte mir persönlich die Frage, ob sie nur so dumm tun, oder ob sie es wirklich sind. Ich glaube, sie sind wirklich so dumm.

Abends kam die Frage auf, wer die Hausaufgaben schicken könne, ich hatte sie zwar, sah und sehe aber nicht ein, die Hausaufgaben für den Rest der Klasse zu erledigen. Also antwortete ich nicht, wie schon seit dem Wochenende. Es kamen Nachrichten wie „Hey … wir wissen, dass du online bist und die Hausaufgaben hast.“ „… Raff dich mal und schicke die Hausaufgaben“.

Zwischenzeitlich wurde eine andere Gruppe aufgemacht, in der eine andere Freundin von mir war, sie schickte mir einen Screenshot, ich war schockiert, sie hatten vor mich zu spammen, bis das Handy explodiert, beleidigten mich in diesem Chat auch als Deutsche Kartoffel. Wieder kamen mir die Tränen. Während ich mit anderen Freunden schrieb, kamen von den Personen, die dies machten teilweise bis zu 200 Nachrichten, zu viel für Whatsapp und mich, ich blockierte die Personen.

Wieder fragte ich mich, was ich getan habe. Am nächsten Tag gingen wir – diesmal zu dritt – zu meinem Klassenlehrer. Dieser meinte, dass es ein absolutes No-go meiner Kameraden war. Er empfahl mir zur Schulsozialarbeiterin zu gehen, er machte mir einen Termin bei ihr für den nächsten Tag. Als ich nach Hause kam, sah ich, dass ich aus der Gruppe entfernt worden war, hätte sie aber sowieso selbst verlassen.

Meine Freundin war noch immer in der anderen Gruppe, über sie erfuhr ich, dass ich als Hure, Deutschekartoffel, Nazi, … beleidigt wurde. In einer Sprachmemo hieß es, dass ich noch sehen würde, ich frage mich bis heute, was ich sehen werden soll. Und wieder musste ich mit den Tränen kämpfen, überlegte sogar gemeinsam mit meiner Mutter darüber, wenn es schlimmer werden würde, Anzeige gegen diese Personen zu erstatten.

Am nächsten Mittag ging ich mit meinen beiden Freundinnen zur Schulsozialarbeiterin, auch sie meinte, dass, wenn Drohungen kommen würden, ich zur Polizei gehen solle. Außerdem gab sie uns einen Flyer, fragte, seit wann es ging und so weiter. Auch meinte sie am Schluss, dass ich immer zu ihr kommen könne, sie anrufen könne. Ich war froh über das Angebot. Noch am selben Nachmittag wurde meine „Informantin“ aus der Gruppe entfernt.

Ich wurde in der Schule gefragt, was mit mir los sei, ob ich vor ihnen Angst hätte, ich bräuchte keine Angst haben. Na dann, ich hörte ihnen zu, ignorierte sie aber, das heißt ich antwortete nicht. Fraß es ein wenig in mich hinein. Anschließend waren zwei Wochen Ferien, ich bin froh, dass diese Zeit kam, denn in diesen zwei Wochen hörten sie – Gott sei Dank – auf. Ich war froh.

Jetzt fand ich endlich den Mut, zu fragen, weshalb sie es gemacht haben, als Antwort erhielt ich, ich hätte alles zu ernst genommen. Ich rede inzwischen wieder mit den Personen, kann auch wieder lachen. Aber mein Selbstbewusstsein ist noch immer sehr klein, ich hoffe, dass sich das bald ändern wird.

Ich schaue jetzt optimistisch in die Zukunft, zwei der Personen werden nächstes Schuljahr nicht mehr in meiner Klasse sein – Glück für mich. Ich bin all den Personen dankbar, die mich in dieser Zeit unterstützt hatten, die zu mir hielten, mich aufbauten.

Und ich möchte eines an alle neuen „Opfer“ sagen, fresst nicht alles in euch hinein. Geht zu einer Person, der ihr vertraut, wehrt euch!”