Leserbrief: Mein persönliches 25jähriges – innerlich wie äußerlich zerknittert

1. August 2015 at 22:36

Leserbrief 25jähriges Wir haben hier einen sehr persönlichen Einblick von einem Kollegen bekommen. Eine eher traurige Geschichte, die sehr nachdenklich stimmt. Zum Schutz des Kollegen veröffentlichen wir den folgenden Leserbrief anonym:

Mein Schichtumlauf beginnt mit einem Spätdienst. Wochen vorher hatte ich eine Einladung erhalten. Mein Direktionsleiter lädt zur Urkundenübergabe ein, zum 25jährigen. Dazu soll ich eine Stunde früher da sein.

Wir sitzen im lockeren Rahmen im Büro des Dienststellenleiters zusammen. Neben mir bekommen noch zwei Kolleginnen ihre Urkunde ausgehändigt. Sie haben ihre Kinder mitgebracht, es sind Ferien. Direktion- und Dienststellenleiter wechseln sich in ihrer Rede ab. Es geht um Personalmangel, Geldmangel, Flüchtlingsproblematik. Während der Dienststellenleiter resümiert, was es im Einstellungsjahr für wichtige Ereignisse gab (Gorbi, Wiedervereinigung, Take That wurde gegründet!), schweifen meine Gedanken ab. Ich schaue auf das Einladungsschreiben, welches vor ihm liegt und erst hier fällt mir etwas auf:

PHK’in…
POK’in…
PK (ich)

Die beiden Kolleginnen haben jeweils mehrere Kinder und daher auch entsprechende Auszeiten durch Mutterschutz und Elternzeit. Ich dagegen habe durch gedient. Ich mache den beiden keinen Vorwurf, ganz im Gegenteil, ich gönne es ihnen, sie bekamen Möglichkeiten und haben sie genutzt. Ich frage mich, wo meine Möglichkeiten waren.

Nach den beiden Ansprachen bekommt jeder seine Urkunde und die Runde ist beendet.

Einen Tag später bin ich im Nachtdienst und es geht gleich los. Unser erster Auftrag ist schnell erledigt, falscher Alarm, alles in Ordnung. Danach werden wir gleich zu einem randalierenden Jugendlichen gerufen. Auf der Fahrt dorthin sehen wir groß und leuchtend den Vollmond über den Dächern stehen. Das verheißt nichts Gutes.

Am Einsatzort angekommen steigen meine Kollegin und ich aus. Ein Jugendlicher steht dort auf der Straße und wird von einem Mann locker festgehalten. Die Situation sieht mehr oder weniger entspannt aus. Als ich fragen möchte, was passiert ist, rennt der Jugendliche plötzlich los.

Ich laufe hinterher und bekomme das T-Shirt zu fassen. Der Jugendliche kommt ins Stocken auf seiner Flucht. Ich fasse nach und bekomme mit der linken Hand den rechen Arm zu fassen. Immer noch im Lauf erwischt mich der Jugendliche auf dem sprichwörtlichen linken Fuß. Er reißt sich los und ich habe gerade in diesem Moment keinen sicheren Stand. Ich komme ins Schlingern und falle zu Boden.

Ich stehe gleich wieder auf und orientiere mich. Die Kollegin war zwischenzeitlich erfolgreich und hatte den Jugendlichen zu Boden gebracht. Ich gehe zu ihr und wir legen die Handfessel an. Als wir ihm aufhelfen, bäumt er sich wieder auf und schreit herum. Es hilft nichts, wir müssen ihn wieder zu Boden bringen, weil er auch nach uns treten möchte. Die Kollegin ruft über Funk Verstärkung.

Als wir den jungen Mann etwas beruhigt hatten, setzen wir ihn in den Streifenwagen. Ich betrachte nun meine Wunden. Es hat mich am linken Arm und der rechten Hand erwischt. Auch das linke Hüftgelenkt schmerzt, weil ich auf die Taschenlampe, die dort am Gürtel hängt, gefallen war.

Der Jugendliche bringt sich nun im Streifenwagen sitzend in Rage. Er schlägt mit dem Kopf gegen den Vordersitz und beginnt zu hyperventilieren. Während ich vor mich hin blute, rede ich beruhigend auf ihn ein. Er beruhigt sich wieder, um sich anschließend wieder selbst aufzuregen. So geht das Spiel eine ganze Weile. Ich tippe auf Mischkonsum, das würde das Verhalten erklären.

Nach etwa 20 Minuten kommt die Verstärkung an und zu unserer Überraschung sind es nicht unsere Kollegen der Schicht, sondern ein Streifenwagen des Nachbarbezirks und zwei Hundeführer.

Nun erinnere ich mich an die Worte meines Chefs. Es ist Landeskontrolltag „Drogen und Alkohol“, die anderen Kollegen sollen im Rahmen des Regeldienstes für Zahlen sorgen. Ich frage mich in diesem Moment, ob Zahlen wirklich wichtiger, als die eigenen Kollegen sind…

Da der Jugendliche über Schmerzen klagt, wird ein Rettungswagen gerufen. Dieser bringt den jungen Mann ins Krankenhaus.

Ich nehme noch den Schaden auf, den der Jugendliche an einem geparkten Auto zuvor verursacht hatte und begebe mich dann selbständig ins Krankenhaus, um meine Wunden ausspülen zu lassen. Nachdem ich verarztet wurde und der Arzt mir eine Krankschreibung gegeben hat, fahre ich auf die Dienststelle.

Meinem Chef brauch ich nicht zu zeigen, was mit mir geschehen war, es ist allzu offensichtlich. Ich winke ihm mit dem gelben Schein zu und lege diesen in die Dienstpost. Dann erzähle ich ihm den Sachverhalt und beginne mich abzurüsten, um erstmals in meiner 25jährigen Dienstzeit die Schicht vorzeitig zu beenden.

In dieser Zeit fragt mich mein Chef kein einziges Mal, wie es mir geht. Es kommt ihm offenbar auch nicht komisch vor, dass ich abrüste. Erst, als ich mir meinen Rucksack schnappe um die Heimreise anzutreten, fragt er mich, was ich da mache. Ich sage ihm, dass ich krankgeschrieben bin und mir alles weh tut, ich so auf keinen Fall mehr einsatzfähig bin. Den Chef interessierte nun nur noch die Personalstärke, falls ich doch länger ausfallen sollte.

Während ich hinaus gehe, ruft er mir noch „gute Besserung“ nach. Ich bedanke mich brav, aber für mich spielt es in diesem Moment keine Rolle mehr.

Während ich mich mit meinem Auto von der Dienststelle entferne, kommen mir meine Kollegen im Streifenwagen in ruhiger Fahrt entgegen. Sie haben es offenbar nicht eilig. Und wieder kommt in mir die Frage auf, ob Zahlen wichtiger als die eigenen Kollegen sind…

Nun sitze ich hier und bin innerlich wie äußerlich zerknittert. Während ich diese Zeilen schreibe (was wegen der Schmerzen in beiden Händen mehr schlecht als recht funktioniert), fühle ich mich zurück erinnert, als sich vor einigen Jahren ein Kollege aus der damaligen Schicht erschossen hatte. Wochen später saß dann der damalige Direktionsleiter vor der Dienstgruppe und entschuldigte sich für unseren Dienststellenleiter, weil dieser nämlich genau das für die Mannschaft getan hatte: NICHTS. Ihm war es wichtiger gewesen, sich um die Witwe zu kümmern, als um die eigenen Kollegen.

Um eines klar zu machen: ich bin mit Leib und Seele Polizist. Ich habe viele Höhen und Tiefen in den vergangenen Jahren dienstlich durchlebt. Es war in der Tat nicht alles Negativ. Aber bei dem, was ich hier beschrieben habe, (ver-) zweifle ich nicht an dem Job, sondern an dem System Polizei und an der fehlenden Menschlichkeit.

Happy Silbernes Dienstjubiläum!