Hilferuf einer Flüchtlingshelferin

30. September 2015 at 22:24

Hilferuf_Helferin

“Polizisten, Ehrenamtliche und freiwillige Helfer haben die letzten Wochen alles gegeben und die Kraft geht aus.”

Oft lesen wir von den unhaltbaren Zuständen bei der Betreuung der Flüchtlinge. Alle, die mit dieser Thematik beschäftigt sind, gehen an ihre Grenzen und darüber hinaus. Doch selten bekommt man einen solch authentischen Einblick von jemand, der sich selbst und freiwillig engagiert hat und aus Rücksicht auf die eigene Gesundheit letztendlich die Hilfe einstellen musste.

Eine freiwillige Flüchtlingshelferin (die Autorin ist uns bekannt) hat uns zwei Schilderungen zugesandt, die beschreiben, was sie erlebt hat und wie es ihr dabei ging. Zwischen beiden Schilderungen liegen nur wenige Tage und dennoch bemerkt man sehr deutlich die emotionale Weiterentwicklung und umso eindringlicher wird die Bitte an die Verantwortlichen, endlich etwas zu tun:

“Wir hier in Bayern haben definitiv Land unter, was die Flüchtlingslage angeht. Ich war gestern hier in einer Notunterkunft – wir hatten überwiegend Frauen und Kinder und viele Jugendliche. Und entgegen vieler Meinungen – ich habe noch nie Menschen gesehen, die für so wenig so dankbar waren. Neugeborene hatten keine warme Kleidung und die Kinder freuten sich wie Könige über Spielzeug und Malsachen.

Aber es kommen auch irgendwie Fragen auf, ob der aktuellen Situation.

Alle, die irgendwie helfen, laufen am Limit. Und ich glaube, es spielt im Moment nicht mal mehr eine Rolle, ob jemand eine Uniform trägt oder nicht. Die Momente, die wir alle mit Flüchtlingen erleben, werden alle berühren und an niemandem spurlos vorbeigehen. Aber es sind auch Bilder und Erlebnisse, die verarbeitet werden wollen, die ihre Zeit brauchen – und dafür braucht es eine Atempause.

Wir alle versuchen, Mensch zu sein, den Flüchtlingen und besonders den Kindern einige wenige schöne Momente zu bescheren, um ihnen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Aber wie wird es weitergehen? Bislang hatte ich den festen Glauben, es ist gemeinsam hinzubekommen. Und diesen Glauben wollte ich mir auch nicht nehmen lassen.

Schaut man sich aber an den “Brennpunkten” um, sieht man eines: erschöpfte Gesichter in allen Reihen. Polizisten, Ehrenamtliche und freiwillige Helfer haben die letzten Wochen alles gegeben und die Kraft geht aus. Gemeinsam wurde unglaublich viel bewegt – wir alle waren und sind immer noch Mensch. Aber jeder Mensch kann nicht unendlich viel leisten und immer mehr geben. Irgendwann sind die Akkus leer und ich glaube, diesen Punkt haben wir alle erreicht.

Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen wird, die Infos vor Ort machen eine vernünftige Planung absolut unmöglich, man kann immer nur innerhalb von Stunden reagieren und dann Unmögliches möglich machen.

Ein Ende ist nicht in Sicht, alle schlagen Alarm, weil sie ihre Leistungskapazität schon lange überschritten haben.

Aber trotz allem wird eines bleiben: auch wenn alle am Limit laufen, es sind die vielen kleinen unzähligen Momente, in denen wir die Menschlichkeit nicht verloren haben. Und wie schnell könnte sich im Chaos auch das verlieren.

Wir brauchen Lösungen – ich persönlich bin der Meinung, Verantwortliche haben zu lange geschlafen, vieles war abzusehen, aber man hat zugesehen. Jetzt ist eine Situation da, die nicht innerhalb von wenigen Tagen oder Wochen zu lösen ist, sondern die uns auf Jahre beschäftigen wird – und das in allen Bereichen.”

Dies waren die ersten Zeilen, wenige Tage später erhielten wir die folgenden Worte. Der Ton hat sich geändert, das Verlangen nach Hilfe wird stärker. Und noch etwas wird deutlich: der zu erwartende Einfluss auf unsere eigene Gesellschaft:

“Wenn die von der Regierung nicht bald – sprich in den nächsten Tagen eine Lösung haben, haben wir hier echt Land unter.

Ich kenne jetzt echt beide Seiten: die Frauen und Kinder, die vor einigen Tagen hier waren in der Notunterkunft und jetzt die, die da sind: 90 % junge Männer.

Alter Schwede, da liegen Welten dazwischen. Ich bin ja echt eine emotionale Pflanze und bei den Kindern und Frauen bin ich heulend heim, weil mich das so gerissen hat.

Hier ist jetzt gerade eine härtere Gangart gefordert. Wir hatten über Nacht 32 Abgänge, weiß der Himmel, wo die abgeblieben sind. Gestern ist die Quarantänestation ausgebüchst und einen Tbc-Fall mussten wir ins Klinikum bringen lassen. Willkommen in der Realität.

Ich war ja echt immer Optimist, aber so langsam fürchte ich echt Schlimmes.

Seit gestern kann ich auf englisch brüllen und mein Vorteil ist gerade meine Körpergröße. Die Männer sind superlieb, wenn sie was haben wollen, aber wehe, Du sagst “Nein, das geht jetzt nicht”. Du diskutierst mit einem und der vermehrt sich innerhalb von Sekunden und Du hast 20 um Dich herum. Da wird auch nicht mehr gefragt, was eigentlich das Problem ist, sondern grundsätzlich verbünden die sich.

Morgen Vormittag wird der Rest auf andere Orte verteilt, morgen Nachmittag/Abend werden weitere mind. 100 erwartet. D.h. innerhalb von wenigen Stunden 100 Betten beziehen, alles neu machen und es gibt keine helfenden Hände mehr.

Gestern früh standen wir mit 3 Mann 100 Flüchtlingen gegenüber, um das Frühstück geregelt zu kriegen.

Und wenn ich mir überlege, dass ich nun keine Uniform trage, d.h. die reißen sich bei mir wahrscheinlich noch zusammen, aber ich habe gestern und heute erlebt, wie schnell sich total lächerliche Kleinigkeiten innerhalb von Sekunden hochkochen können.

Kurz und gut: es ist echt nur noch zum Davonlaufen….”

Wann also darf man damit rechnen, dass die Verantwortlichen endlich etwas tun?! Wie sollen die Helfer, egal ob die vielen Freiwilligen oder die Hauptamtlichen/Uniformierten, das alles verkraften? Und welche Auswirkungen wird der massenhafte und ungebremste Zustrom von Flüchtlingen auf unsere eigene Gesellschaft haben?

Fragen, auf die es so langsam Antworten geben sollte, auf die aber niemand eine Antwort hat. Und die Helfer werden weiterhin im Stich gelassen. Sie machen das Unmögliche möglich. Was macht die Politik? Sie sagt “Wir schaffen das“. Wirklich….??