Leserbrief: Ich musste einen Menschen im Dienst erschiessen

18. September 2015 at 15:24

Das hat mich verändert, dienstlich und privat…

Fritz_Schusswaffengebrauch

von Fritz

Dass Polizisten im Dienst ihre Waffe notfalls auch einsetzen müssen, ist eine traurige Tatsache. Bestenfalls reicht ein Warnschuss um das polizeiliche Ziel zu erreichen, schlimmstensfalls verliert dabei ein Mensch ein Leben.

Aufgaben von Polizisten ist es Sachgüter und Menschen zu schützen. Umso schlimmer wirkt es sich auf einen Kollegen aus, wenn er doch einmal die Waffe gegen eine Person nicht nur erheben, sondern tatsächlich auch abdrücken muss. Die Konsequenzen verfolgen diese Polizisten teils ein Leben lang.

Von einer solchen Geschichte berichtet uns Fritz. Er hat einen Mann erschießen müssen und für ihn hat sich damit alles verändert. Dienstlich und privat:

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Hallo,

ich bin Fritz, bin Polizeibeamter in den Niederlanden und möchte euch heute eine sehr schlimme Geschichte aus meinem Dienstleben erzählen.

Es war ein Sonntag, gegen 22:35 Uhr, als ich den Einsatz mit der Information ,,Prio 1″, was so viel heißt wie „Lebensbedrohliche Situation“ oder andere Einsätze, die gefährlich sein könnten. Der Einsatzort war keine 2 Minuten von meinem Standort.

Ich fragte bei der Leitstelle nach, ob es weitere Informationen zum Einsatz gibt. Doch die Disponentin wusste auch nur von einem Nachbarn, dass wir uns beeilen sollen, sonst stirbt jemand, und die Adresse.

Aufgrund der Einsatzmeldung, und da ich alleine auf dem Streifenwagen war, wurden 3 Streifenwagen angefordert, wovon allerdings zwei von der Nachbarinsel kommen müssen und ein anderer am anderen Ende der Insel war. Als ich am Einsatzort eintraf hörte ich bereits von weitem Schreie von einer etwas älteren, männlichen, und einer jüngeren weiblichen Stimme.

Ich klingelte an der Tür und es dauerte etwas, bis ein Mitte 40-Jähriger mir die Tür öffnete. Als die Tür offen war hörte ich nur: „Hilfe er hat ein Messer!“ Also verschaffte ich mir Zugang zum Haus, indem ich den Mann wegschubste. In der Küche saß ein 16-jähriges blondes Mädchen mit einer Stichwunde am Arm und einem blauen Auge, weinend auf den Boden.

Ich wollte gerade einen Rettungswagen anfordern, doch das Mädchen (was damit vermutlich ihres und mein Leben gerettet hat) schrie auf einmal ganz laut: „Nein !!!“ Ich drehte mich um und sah den Mann mit dem Messer der gerade ausholte.

Ich trat den Mann zurück, ging einen Schritt zurück und zog meine Dienstwaffe. Ich forderte ihn mehrmals auf, dass Messer fallen zu lassen. Dem kam er nicht nach, so schoss ich ihm in sein Bein. Es brachte nicht viel. Es schien ihn sogar stärker zu machen.

Er ging erneut auf das Mädchen oder mich zu. Die ganze Zeit: „61/61 Melden Sie sich! Brauchen sie Hilfe?“ Ich sah keinen anderen Ausweg – und Schoss. 2 Treffer in den Bauch. Er sank zu Boden.

Ich versuchte das Mädchen zu trösten, wobei ich nicht wusste, was für sie schlimmer war: Das ich gerade ihren Vater erschossen hatte, oder alles andere was an diesem Abend vorgefallen war.

Wenig später hörte ich die Sirenen der anderen Streifenwagen. Das Bild was die Kollege sahen, ließ nicht viele Optionen offen: Ich, mit einem blutenden Mädchen im Arm, daneben eine Leiche überdeckt mit meiner Jacke und daneben meine Waffe.

Die Kollegen forderten 3 Rettungswagen an – nur dem Vater brachte der Notarzt nicht viel. Zum Glück müssen wir, wenn wir alleine auf Streife sind, eine BodyCam tragen. Durch die Aufzeichnungen konnte im Eilverfahren festgestellt werden, dass ich aus Notwehr gehandelt habe.

Ich konnte gut 2 Wochen nach dem Waffengebrauch nicht wirklich Schlafen. Ich bin teilweise um 3 Uhr aufgewacht und bin dann auch nicht wieder eingeschlafen. Nach der Untersuchung legte sich das Ganze auch nicht.

Immer wieder fing es mir durch den Kopf: „Warum habe ich kein Pfefferspray oder andere Einsatzmittel eingesetzt?“. Eine Antwort darauf habe ich nicht wirklich. Auch wenn mir meine Kollegen, Freunde, meine Schwestern, meine Freundin und auch das Mädchen versuchten mir einzureden, dass ich richtig gehandelt habe.

Aber immerhin habe ich einen Menschen erschossen. Dieser wollte wiederum seine Tochter und mich erstechen, aber durch den Einsatz des Pfeffersprays hätte alles folgend verlaufen können: Ich hätte ihn überwältigt, man würde seine Augen ausspülen, er wäre vor Gericht verurteilt und hätte eine Haftstrafe bekommen.

Aber ich habe geschossen. Ich habe rechtmäßig gehandelt, aber trotzdem einen Menschen getötet.

Und damit muss ich fertig werden. Natürlich habe ich dabei Hilfe. Ich habe eine neue Dienstwaffe bekommen und will bereits früher auf meine alte Wache zurück.

Zu dem Mädchen hatte ich regelmäßig Kontakt. Kürzlich haben wir uns beim Jugendamt getroffen und nun steht einer Adoption nichts mehr im Wege.

Vielen Dank für’s Lesen!

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Ein schlimmes Erlebnis! Hoffen und wünschen wir, dass für Fritz, seine Familie und das Mädchen sich alles zum Guten wendet und aus einer Tragödie vielleicht doch noch so etwas wie ein “happy end” wird.

Unsere besten Wünschen hierzu mögen euch begleiten!