Leserbrief: „…unseren täglich Dienst gib uns heute…“

25. September 2015 at 21:31

WildVU

Es war mal wieder so ein Tag, an dem man besser mit dem Ar*** (ihr wisst schon, was) im Bett geblieben wäre!

Arzttermin nicht geschafft, Stress in der Spätschicht, nachmittags rief der Ehemann an, sein Auto wäre schon wieder in der Werkstatt, komische Einsätze, etc.

Wieder Kollegen krank, wieder wurde der Dienstplan umgeworfen.
Hinzu kam, daß „Cheffe“ sich wieder über jeden Mist aufregte – hat er wieder von „oben“ böse Sprüche bezüglich unserer schwindenden sog. „TÄT-Zahlen“ bekommen?

Was bitte sollen wir noch tun? Ursprünglich starke Dienstgruppen wurden auf 2/3 und weniger ihres Ursprungs zusammen gekürzt. Umsetzungen, Versetzungen, Pensionierungen im laufenden Jahr ohne Nachersatz, Dauerkranke, Wachen-Wechsler, etc.pp.

Die Arbeit wird nicht weniger, zwei zusätzliche Asylbewerberheime über Nacht aus dem Boden gestampft (zusätzlich zu den bereits vier existierenden), Objektschutz angesagt.
ET? Fehlanzeige, wurde bereits aus Sparmaßnahmen aufgelöst – Kriminalitätsbekämpfung soll der Wach- und Wechseldienst in der „dunklen Jahreszeit“ dann eben selbst zwischendurch machen.

Da war es auch nicht verwunderlich, wenn „Cheffe“ sich aufregte, daß er wieder einen Wechselwunsch (von mir) auf dem Tisch liegen hatte (auch wenn ich mal behaupte, daß wir uns gegenseitig wohl nicht gerade „fehlen“ würden….).

Da freute man sich natürlich, ausnahmsweise mal recht pünktlich den Polizeihof verlassen zu können.
Die Strecke nach Hause schon hunderte mal gefahren, man kennt alle Tücken, die Kurven, jedes Schlagloch.

Plötzlich ein Schatten mit leuchtenden Augen auf der rechten Seite – ein Reh! Sofort abgebremst und kurz gehupt und es läuft in´s Dunkel weiter, man ist erleichtert.
Dann noch einmal aufblitzende Augen von links, ein brauner Kopf auf der Fahrbahn, und es knallt.

Trotz sofortigem Bremsen spürt man das Rumpeln und weiss: Es ist zu spät.
Ich stieg aus und war geschockt, es war ein Kitz!
Die Mama hatte es geschafft, aber ich habe ihr Baby getötet…

Eigentlich hartgesotten vom Beruf stand ich, die Uniform mit einer langen Ziviljacke verdeckend, vor dem Kleinen, das noch einige Minuten vor meinen Füßen strampelte und stöhnte, bis es endlich erlöst war.

Für jemanden wie mich, die selbst Tiere hat und sogar Kröten über die Fahrbahn der Dorfstraße hilft, ein Super-GAU!

Ich rief sofort die Kollegen aus dem zuständigen Bereich an, es hieß auch, sie kommen.
Nun stand ich da, mitten im Nirgendwo. Ich wohne in einem sehr kleinen Dorf, rundherum dieser unbeleuchteten Landstraße ist die Bevölkerung auch nicht viel dichter.

Trotz 22:00 Uhr und tiefster Dunkelheit mitten in den Pampas – hielten geschätzte 10-15 PKW kurz an, um zu fragen, ob alles o.k. sei und ob man helfen könne!
Unglaublich! Ich habe ja eigentlich tagtäglich mit den mir „negativ Gesinnten“ zu tun, werde bei nicht wenigen Einsätzen, in denen ich selbst anderen zu ihrem Recht verhelfen will, von Personen jeden Alters, Geschlecht und Nationalität angepampt.

Da war dies einfach zur Abwechslung mal toll zu erfahren. Nein, man konnte meine Uniform nicht sofort erkennen, ich war zu diesem Zeitpunkt ein „Normalo in Warnweste“, die, einem Häufchen Elend gleich, zwischen plattem Rehkitz und plattem Auto hin und her lief.

Jemand kümmerte sich um das kleine Todesopfer. Er erklärte, den Jagdpächter zu kennen und fuhr kurz zu diesem – und ich stand wieder alleine im Dunkel, immer noch kein Streifenwagen in Sicht.

Nach einer Stunde Wartezeit, ca. 23:00 Uhr, ein Rückruf der Leitstelle – „Es kommt niemand, kein Fahrzeug frei, du musst zur Wache kommen“.

Ja toll, jetzt war ich selbst auch mal Opfer unseres Personalschwundes geworden! Anderen Behörden ergeht es also nicht besser. Und wieder hielt jeder PKW an, der mich passierte, immer die Frage „Alles in Ordnung? Kann ich/können wir helfen?“

Es wurde sich schließlich um mein kleines Unfallopfer gekümmert und ich schlich mit meiner „rollenden Tatwaffe“, die doch stärker beschädigt war, als ursprünglich ersichtlich, in Richtung nächstgelegene Wache.

Wie gesagt, es war wieder einmal einer dieser Tage……

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Die Autorin ist uns bekannt, möchte jedoch anonym bleiben.