Leserbrief: Polizei – Gehasst, Verdammt, Benötigt! Warum es manchmal so schwer ist…

1. Oktober 2015 at 19:54

Leserbrief_gehasst_verdammt_benoetigt

In jungen Jahren den Beruf für sich entdeckt, Abitur, Bewerbungen, 3 Jahre Studium und schneller als man schauen kann entwickelt sich rasch ein seelisches Ungleichgewicht als Folge von Konfrontationen mit menschenunwürdigen Verhältnissen, grausamen Bildern, roher Gewalt, kaum vorstellbaren Umständen!

Schwere Unfälle, bestialische Gewalttaten, Angriffe mit Waffen oder durch Menschen mit hochinfiziösen Krankheiten, tagtäglicher Abnehmer für jeglichen Kummer von Menschen – sämtliche Situationen in denen Unbeteiligte/Unschuldige sinnlos aus dem Leben gerissen werden bzw. denen ein Teil ihres Lebens genommen wird. Vorfälle in denen Kinder seelischer und/oder körperlicher Misshandlung ausgesetzt sind.

Dinge, die getan werden müssen. Dinge, die jeden Polizisten irgendwann in seinem Berufsleben über seine körperlich oder seelisch verschmerzliche Grenze bringen.

Dinge, die viele nicht oder nur schwer verarbeiten können. Dinge, die Polizisten ungewollt auf ihre Liebsten abwälzen, indem sie, dank der schlimmen Einblicke hinter fremde Gardinen, emotional abgeflacht oder aufgebracht sind – also Dinge, die psychologisch als Abwehrmechanismus so natürlich sind wie die krummen Beine bei einem längeren Toilettenaufenthalt.

Polizist zu sein heißt in verschiedenen Rollen lageangepasst zu improvisieren.

Ein Leben, abgestempelt als

Hassobjekt,
Zielscheibe,
Frustventil

oder

Seelsorger,
Zuhörer,
Hilfegebender;

Ein regelrechter Drahtseilakt mit der Rolle als Teufel zur Linken und der eines Engels zur Rechten – oft als fauler Nichtskönner dargestellt und doch so dringend als „Alleskönner“ benötigt. Ein ständiger Wandel, der binnen Sekunden von einem Extrem in das Andere umschlagen kann.

Einer alten Dame ihren entlaufenen demenzkranken Ehemann nach Hause zurück zu bringen. Jene bis eben noch verzweifelte Dame dankt schließlich freudestrahlend den Polizisten mit einem herzerfülltem Lächeln, dass sie ihren Ehemann wieder hat.

Im nächsten Moment:

Einen bewaffneten Räuber, der zu allem bereit ist und nichts zu verlieren hat, festzunehmen ohne diesen oder sich selbst dabei zu verletzen.

Zu jeder Tages -und Nachtzeit in der Lage zu sein voller Entschlossenheit Gewalttäter festzunehmen, übermüdet trotzdem schneller als ein flüchtender Dieb zu sein, Verständnis für überforderte und hilfsbedürftige Mitmenschen zu haben, Ansprechpartner oder einfach nur Zuhörer für wirklich alle erdenklichen Lagen zu sein, die das Leben so zu bieten hat.

Jungen Eltern sagen zu müssen, dass ihr Ein & Alles, ihre Tochter oder ihr Sohn, Opfer einer Straftat wurde oder bei einem Unfall die Tragödie ihren Lauf nahm und einem Menschen, in viel zu jungen Jahren, des Lebens beraubt wurde.

Fassungslosigkeit… Tunnelblick… eine Situation, die so grausam und schrecklich nah ist. Mit einem regelrechten Ohnmachtsgefühl den schicksalsgetroffenen Menschen gegenüber zu stehen und ihnen das Schlimmste nur erdenkliche mitteilen zu müssen.

Mit jeder Reaktion rechnen zu müssen und jeglicher unmittelbaren verbalen oder nonverbalen Einwirkung auf sich selbst einverstanden sein zu WOLLEN und zu müssen, trauernd und den Kopf gesenkt das Haus zu verlassen und … sofort ein neuer Einsatz!

Keine Zeit für eine Reflektion – für ein Begreifen der Situation: Ruhestörung – mehre betrunkene randalierende Jugendliche auf der Straße; am Einsatzort: „ACAB“; „H**ensöhne“; „Verpisst euch!“ – der erste Stein fliegt, die ersten Rennen davon und lachen über diese empathielosen gefühlsneutralen schlagenden Uniformträger, denen man es völligst zurecht mal ordentlich gezeigt hat, nachdem sie das letzte Mal wieder Spielverderber sein mussten…

Rückfahrt zum Revier, in seinem Dienstmailpostfach bekommt man noch höflichst von seinem Chef mitgeteilt, dass man an seinem nächsten freien Sonntag, aufgrund einer Einsatzlage, mal wieder nicht bei seiner Familie/seinen Freunden sein kann…

Dienstende!

Zuhause, das Wochenende ist geschafft… endlich wohlverdiente 2 oder bestenfalls 3 Tage frei – es ist unter der Woche… Kinder im Kindergarten oder Schule und der Partner/die Partnerin bzw. Freunde sind auf der Arbeit! Man ist gezwungen auf einen gemeinsamen freien Tag zu warten… Wocheennde?! Ach nee… da war ja wieder der Einsatz von dem mein Chef sprach!

Man beschäftigt sich, trotz genügend vorhandenen sozialen Kontakten, zeitlich bedingt mal wieder alleine!

Viele werden denken, dass sie eben beschriebenes schon so oft gelesen haben und es nicht mehr sehen können. Polizisten haben sich diesen Beruf schließlich selbst ausgesucht und müssen mit stressigen Diensten rechnen.

JA, stimmt! Das weiß jeder von uns!

Aber wer sagt denn, dass eine bewusste Entscheidung für diesen Job eine Immunität gegen dramatische Geschehnisse zur Folge hat? Fürchterliche Bilder von geschundenen Menschen dominieren ein „Danke“, welches eventuell doch ab und zu dem einen oder anderen mal über die Lippen gleitet.

Seelischen Ausgleich im privaten Umfeld widerfährt man, wenn ein gemeinsamer freier Tag nicht mal wieder durch die Arbeit ersetzt werden muss…

Der Mensch verliert mit der Ernennung zum Polizeibeamten weder seine Würde, seine Empathiefähigkeit, noch sonstige menschliche Eigenschaften, die es zu schützen und zu wahren gilt! Genau deshalb entscheidet man sich für diesen Beruf und nicht, um Lob/Anerkennung oder Mitleid zu erfahren.

Ich komme hiermit auf den Grund für das Verfassen dieses Textes: Ich möchte es anhand der Parole „ACAB“ (= All Cops are Bast**ds“) verdeutlichen….

  • Alle Polizisten sind scheiße? NEIN! Aber es gibt leider Ausnahmen…
  • Alle Deutschen sind scheiße? NEIN! Aber es gibt leider Ausnahmen…
  • Alle Ausländer sind scheiße? NEIN! Aber es gibt leider Ausnahmen…

Polizisten möchten nicht gesondert oder besser von der Gesellschaft beurteilt bzw. betrachtet werden! Wir, ich spreche für den Großteil der Polizistinnen und Polizisten, möchten für unsere GUTE Arbeit individuell und von den übrigen paar Prozent, welche zwangsläufig ihren Beruf völligst zurecht verlieren werden, klar abgegrenzt bewertet werden!

Leider gibt es Pfuscher und personelle Nischen in jeder Berufsgruppe, auch bei uns – leider!

Wir, d.h. jeder einzelne Mensch, unabhängig von Beruf/Herkunft/Religion oder Sonstigem, möchte für das geschätzt werden, was er für andere tut. Wir möchten nicht für das Büßen müssen, was andere Menschen, die uns lediglich ähnlich sehen (seien es schwarze Haare, dunkle Hautfarbe, blaue Augen, Glatze oder Uniform), durch totale Charakterlosigkeit zerstören.

Trinke nicht und fahre anschließend Auto, schlage niemanden, achte die Rechte eines jeden Einzelnen und schon vermeidest du je etwas mit der Polizei zu tun haben zu müssen, obwohl du es nicht möchtest!

Wenn du aber doch mal über die Stränge schlägst und dabei erwischt wirst… Zeige Charakter, stehe dazu, wehr dich nicht und gewährleiste durch dein Verhalten, dass die Polizistin/der Polizist, der später deine Kinder beschützt, an diesem Abend zu seinen eigenen Kindern gehen kann!

Niemand hat ein Problem mit dir als Mensch, allenfalls mit einer Tat, die du begangen und somit zu verantworten hast!

Liebe Grüße – ein Polizeibeamter aus Frankfurt am Main – #RefugeesWelcome

Der Autor ist uns bekannt, möchte jedoch nicht namentlich erwähnt werden. Das respektieren wir.