Marode Schießstände in Berlin – Training nur noch eingeschränkt möglich – Gesundheitsgefahr für Polizisten

15. Oktober 2015 at 19:44

Schiessen_BerlinIn den letzten Monaten wurde bereits durch verschiedene Medien darüber berichtet, dass die Polizei Berlin ein Problem mit ihren Schießständen hat. Es war die Rede davon, dass das Schießtraining nur noch eingeschränkt möglich sei und die Gefahr bestehe, das die Polizisten das Schießen verlernen.

Nun haben sich Polizisten und Schießtrainer an die Öffentlichkeit gewandt, müssen jedoch zum Eigenschutz anonym bleiben. Der Grund, warum verschiedene Schießstände geschlossen wurden und Polizisten erkrankt sind, liegt in einer akuten Gesundheitsgefahr auf den maroden Schießständen, da die Umluftanlagen unzureichend oder fehlerhaft sind.

Der MDR berichtet in der Sendung Klartext von den Zuständen, und dass diese bereits seit Jahren bekannt sind, aber niemand etwas dagegen unternahm. Dabei ist bereits aus dem Jahr 2005 ein Gutachten vorhanden, das die Gesundheitsgefahr der Schießstände belegt, seit 2010 auch über den Schießstand, über den im folgenden berichtet wird.

Ein Beispiel: Im Landeskriminalamt (LKA) wurde 1996 ein neuer Schießstand eingeweiht. Die Lüftungsanlage darin sei völlig unzureichend. Denn anfangs betrug die Distanz zwischen Zielscheibe und Schütze 50 Meter. Dieser verkürzte sich bis auf 5 Meter und auch die Schusszahl erhöhte sich.

Die fehlerhafte Lüftungsanlage, eine sogenannte Mischlüftung, sorgte dafür, dass der Pulverdampf nicht abgesaugt, sondern zum Schützen wieder zurück geführt wurde.

Ein Schießtrainer, der im Bericht zum Eigenschutz Wotan genannt wird, erklärt hierzu: “…das führte dann dazu, dass wir über Kopfschmerzen, tränenden Augen und Kurzatmigkeit und bzw starken Husten beklagt habe, so dass wir sehr häufig die vorhandene die Tür, die eigentlich eine Notausgangstür war, öffnen mussten, um wenigstens etwas frische Luft in diese Halle zu bekommen.”

Seit 2003 wiesen die Schießtrainer darauf hin und baten um Abhilfe. Aber nichts geschah. 2012, also 9 Jahre später, wird eine Koordinierungsstelle zur Überprüfung aller Schießstände eingesetzt. Die Unterstützung der Koordinierungsstelle hält sich jedoch in Grenzen. Akten müssen mühsam zusammen gesucht werden.

So kommt dann auch eher zufällig heraus, dass die Lüftungsrohre der Schießanlage im LKA kiloweise mit unverbranntem Schießpulver kontaminiert sind. Es bestand Explosionsgefahr. Erst 2013 wird der Schießstand im LKA geschlossen. Das Gutachten aus 2010, welches die Gesundheitsgefahr dieses Schießstandes belegt, hat daran offenbar wenig bewirkt und bleibt unter Verschluss.

Der Schießstand im LKA ist jedoch nicht der einzige, in dem solche Zustände herrschen sollen.

So heißt im Bericht von Klartext:

“Wotan kann ohne Asthmasprays nicht mehr leben. Steven hat Konditions- und Herzprobleme. Andy kämpft mit Krebs. Es gibt rund 100 Schießlehrern, die dauerhaft trainieren. Wir wissen von 10, die an Krebs erkrankt sind. Fünf von sind gestorben. Ob Krebs-, Herz- oder Lungenleiden, einige Betroffene kämpfen seit der Schließung der Anlagen um eine Anerkennung einer Dienstkrankheit. Bislang mit wenig Erfolg.”

Stefan Redlich, Pressesprecher der Polizei Berlin, kann diesen Vorgang auch nicht erklären. Gegenüber dem MDR sagte er: “2010 ist tatsächlich ein Gutachten erstellt worden, indem auch bestimmte Schwächen sich festgestellt wurden.” Auf die Nachfrage, ob es sich bei diesen Schwächen auch um Schadstoffe gehandelt habe, antwortet Redlich: “Auch Schadstoffe genau, aber damals wurde nicht darauf reagiert.”

Wieso darauf nicht reagiert wurde, weiß Redlich allerdings nicht: “Das kann ich Ihnen heute nicht sagen, warum darauf nicht reagiert wurde.”

Der Landesvorsitzende Berlin des Bundes Deutscher Kriminalbeamten (bdk) fordert nun eine Studie: “Man hat die Kollegen, die seit 10 Jahren über Lungen- und Atembeschwerden klagen, nicht ernst genommen und sie offenbar in kontaminierten Räumen schießen lassen. Das muss aufgeklärt werden. Wir werden jetzt einen Aufruf starten, damit wir eine Statistik erstellen können, wie viele Beamte noch betroffen sind.”

Schützenhilfe erhält er von Christian Witt, Universitätsprofessor und praktizierende Pneumologe an der Charité Berlin, da er einen medizinischen Zusammenhang nicht für ausgeschlossen hält.

Den kompletten Beitrag von Klartext kann man hier nachlesen, bzw. auch im Videobeitrag anschauen:

https://www.rbb-online.de/klartext/archiv/20151014_2215/marode-schiessstaende.html

http://www.hannover-zeitung.net/aktuell/vermischtes/47229289-gesundheitsrisiken-bei-der-polizei-in-berlin

Einfach unglaublich, wie hier mit der Gesundheit der Kollegen umgegangen wird. Zum Schein wird dann eine Koordinierungsstelle gegründet, die zwar später Schießstände schließt, aber die Probleme, die zur Schließung führen und an anderer Stelle ebenso vorhanden sind, nicht abstellt.

Und dann wird als Krönung auch noch die Anerkennung als Dienstunfall verweigert. Die Fürsorgepflicht des Dienstherrn beruht nicht auf Freiwilligkeit, sondern ist eine gesetzlich auferlegte Verpflichtung!

Bei den betroffenen Berliner Kollegen handelt es sich nicht um leere Uniformhülsen oder Roboter, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Nicht nur sie leiden unter den Umständen und dem eingeatmeten Schießpulver, sondern auch ihre Familien, wenn sie, wie aufgezeigt, erkranken, oder sogar sterben.

Warum wird hier nicht mal in der Presse offen von einem (Polizei-) Skandal gesprochen, an anderer Stelle aber schon, auch wenn sich herausstellt, dass nichts dran war!?