Mobbing, Fesselspiele, Alkoholexzesse beim Kölner SEK – Ein Skandal, der keiner war

12. Oktober 2015 at 0:45

SEK_KoelnWochenlang hatten die Medien darüber berichtet, dass beim Spezialeinsatzkommando (SEK) in Köln (Nordrhein-Westfalen) unhaltbare Zustände vorherrschten. Von “brutalen Stammesriten”, menschenverachtenden Vorgängen, Fesselspielen und Alkoholexzessen wurde da berichtet. Alles passte offenbar zu gut in die Klischee-Schublade der harten Kerle vom SEK. Das war auch der Grund, warum wir uns bislang nicht an dieser “Bericht”-Erstattung beteiligten.

Wie mittlerweile bekannt wurde, hatte die Staatsanwaltschaft Aachen, die für die strafrechtlichen Vorwürfe zuständig war, die Ermittlungen eingestellt hatte. Und nicht nur das: wie die Staatsanwaltschaft heraus fand, wird dort der Polizist Thorsten K., der den Stein ins Rollen brachte, als “problematische Persönlichkeit” bewertet.

Ihm habe es an Leistungsbereitschaft, Einstellung und Kritikfähigkeit gefehlt. Da er scheinbar zu oft schlecht über seine Kollegen redete, musste er das SEK verlassen und schwärzte dann sein ehemaliges Team an.

Aber das ist nicht alles. Der vom Kölner Polizeipräsidenten Wolfgang Albers beauftragte Sonderermittler, der ehemalige Leiter des Landeskriminalamts (LKA), Wolfgang Gatzke, kann nun auch bei den internen Ermittlungen keine Hinweise auf Mobbing, fragwürdige Riten oder andere Dinge finden, die in den Medien wochenlang breit getreten wurden.

Ganz im Gegenteil, die SEK-Beamten sagten gegenüber Gatzke aus, “keiner der befragten Beamten hat Aufgabenstellungen als demütigend und erniedrigend empfunden”, sondern als “wichtiges und den Gruppenzusammenhalt förderndes Gemeinschaftserlebnis wahrgenommen”.

Wer meint, hier hätten sich die Kollegen untereinander abgesprochen, der wird auch durch harte Fakten eines besseren belehrt: von den 1.000 Beschwerden, die über Kölns Polizisten im Jahr 2013 eingereicht wurde, betraf nur eine einzige das SEK; und selbst die war nachweislich unbegründet.

Allerdings deckte Gatzke bei seinen Ermittlungen auch Fehler bei der Führung des SEK, im Präsidium und im Innenministerium auf. Er sieht z.B. keinen Grund dafür, warum die Probezeit für neue SEK-Beamte zwei Jahre betragen solle und regte an, dies auf ein sinnvolles Maß zu kürzen.

Des Weiteren bemängelte Sonderermittler Gatzke, dass es “dringend erforderlich” sei, dass freie Stellen als Einsatzführer endlich ausgeschrieben und auch besetzt würden. Auch bei der Fortbildung der SEK-Beamten sah Gatzke Luft nach oben. So musste z.B. ein Kommandoführer, der den Posten zunächst kommissarisch besetzte, zwei Jahre auf einen Lehrgang warten, den er bereits vor Übernahme seines Amtes hätte absolvieren müssen.

Der Gesamtvorfall, der als skandalträchtig bei den Medien kolportiert worden war, führte zur Auflösung des SEK 3 in Köln. Der Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium, Wolfgang Düren, begründete im Innenausschuss des Landtages diese Maßnahme unter anderem damit, dass Thorsten K. Eis hätte essen müssen, das aus Körperflüssigkeiten bestanden habe.

Auch das war nachweislich nicht richtig, denn K. gab selbst zu Protokoll, dass es sich um eine Tzatziki-Knoblauch-Chili-Mischung gehandelt habe. Düren gab zwischenzeitlich diese Fehler zu und muss möglicher Weise nun selbst mit einem Disziplinarverfahren rechnen.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/koelner-sek-affaere-sonderermittler-entlastet-spezialeinheiten-a-1056969.html

Zur Stunde findet in Köln eine Pressekonferenz statt, in der Polizeipräsident Albers und Sonderermittler Glatzke die Einzelheiten der Untersuchungen und dessen Ergebnisse vorstellen.

http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/12415/3143730

Es ist schon erstaunlich, wie schnell einzelne Polizisten oder auch gleich eine ganze Einheit ins Zwielicht geraten, selbst wenn überhaupt nichts an den Vorwürfen dran ist. Es passt einfach zu gut in ein Klischee und so werden Fakten beschworen, die keine sind.

Schaden nimmt daran die Polizei, denn irgendwas bleibt von diesen kolportierten Gerüchten immer hängen, und auch die Polizisten in Köln, aber ganz speziell die Beamten des SEK.

Sie wurden vorschnell mit Vorwürfen konfrontiert, an denen nichts den Tatsachen entsprach. Ihre Einheit wurde aufgelöst und für jeden stellte sich die Frage, wie es nun beruflich weiter geht, mit entsprechenden Auswirkungen auf das Familienleben. Denn so etwas steckt man nicht einfach so weg, ohne dass es einen selbst oder die Liebsten belastet.

Und für was?! Für die gebrochene Eitelkeit eines einzigen Beamten, der seine ganze ehemalige Einheit zu unrecht zu Fall brachte.

Es wird Zeit, dass in der Polizei eine Fehlerkultur Einzug hält, die nicht im vorauseilenden Gehorsam Fakten schafft, die im Nachhinein nicht mehr zu heilen sind.

Auch bei der Polizei handeln Menschen, Menschen machen Fehler und das muss ihnen auch zugestanden werden.

Die Einzigen, die hier allerdings Fehler machten, waren nicht die SEK-Kollegen, sondern – wie sich offenbar zeigt – allein Thorsten K. und alle anderen Akteure, die dazu beitrugen, dass das SEK 3 in Köln aufgelöst und die Kollegen nun (zwar rehabilitiert) mit offenen Fragen die berufliche Zukunft betreffend dastehen.

Mal abwarten, wie da die Konsequenzen aussehen…