Denken Polizisten/innen vorurteilsbehaftet?

1. November 2015 at 22:12

vorurteilsbehaftetUns Polizisten wird immer wieder vorgeworfen, wir würden in allem nur das Böse sehen, weil wir es überwiegend mit Kriminellen zu tun hätten. Insbesondere, wenn wir es mit Ausländern/Migranten/Flüchtlingen zu tun haben und uns zu dieser Thematik äußern, wird dies gern als Gegenargument angeführt.

Dabei liegt es nicht in unserem Sinn, alle Ausländer oder alle Kriminellen über einen Kamm zu scheren.

Zwei Einsatz-Beispiele sollen die beiden Seiten der Medaille aufzeigen:

Es ist nachts gegen 01:00 Uhr und wir werden in die Innenstadt gerufen. Ein südländisch aussehender Mann stehe betrunken dort und schreie herum. Als wir dort eintreffen, erkennen wir einen alten Bekannten mittleren Alters wieder. Bereits in vielen Einsätzen hatten wir es mit diesem Türken zu tun und meist war Alkohol im Spiel.

Wir sind eine gemischte Streife und wir wissen beide ganz genau, die Kollegin kann sich zurück halten. Bereits mehrfach hat der Mann unmissverständlich klar gemacht, dass er sich von einer Polizistin nichts sagen lässt. Um die Situation nicht zu eskalieren, übernehme ich als männlicher Kollege die Wortführung.

Denn noch etwas ist klar, auf dem Land kann es mit der Unterstützung dauern, wenn sie überhaupt zur Verfügung steht.

Ich spreche mit ihm, wie mit einem alten Bekannte, ohne den Zeigefinger zu heben. Der Mann kann beruhigt werden und dann tritt er den Nachhauseweg an. Situation geklärt, aber wir mussten uns seinen Spielregeln fügen.

Beim Abrücken Kopfschütteln im Streifenwagen.

Anderes Beispiel:

Der Fahrer zu einem Verkehrsdelikt ist zu ermitteln, der Name des Halters klingt türkisch. Als wir, abermals gemischte Streife, nachmittags bei ihm eintreffen, ist er nicht anwesend, aber der Rest der Familie ist da. Wir werden herein gebeten und sollen auf dem Sofa Platz nehmen.

Die Frage, ob wir einen Tee möchten, beantworten wir mit „Ja“, wohlwissend, dass ein Nein ihre Gastfreundschaft mit Füßen treten würde. Auch türkisches Gebäck wird gereicht, denn das Familienoberhaupt wird erst in etwa 10 Minuten von der Arbeit heimkehren.

In dieser Zeit unterhalten wir uns mit den drei Frauen und dem Mann über Gott und die Welt. Und wir erkennen, diese türkische Familie ehrt zwar ihre Traditionen, ist aber im Westen, in Deutschland, angekommen. Man sieht sich als Teil der Gesellschaft und möchte nicht neben, oder außerhalb von ihr stehen.

Als das Familienoberhaupt und Halter des Fahrzeugs eintrifft, betritt er die Wohnung, nicht ohne die Schuhe auszuziehen, was im Übrigen von uns nicht verlangt wurde. Auch hier bekommen wir freundliche Worte und wie selbstverständlich gibt er den Verkehrsverstoß zu.

Nach einer kurzen Unterhaltung verabschieden wir uns und können diesen Einsatz erfolgreich beenden.

Im Streifenwagen stellen wir gemeinsam fest, dass es für einen Austausch über kulturelle Grenzen hinweg keine Schulungen über „interkulturelle Kompetenz“ braucht, sondern Menschenkenntnis und Toleranz völlig ausreichen; auf beiden Seiten!

Im gemeinsamen Umgang, egal ob Deutsche oder Ausländer, braucht es den Willen, vernünftig miteinander umzugehen. Empathie und Toleranz ebnen den Weg und wer mit offenen Augen durch die Welt geht, der findet nicht nur DEN bösen Deutschen oder DEN bösen Migranten, sondern auch gute Deutsche/Migranten.

Wir Polizisten sehen also durchaus auch das Gute im Menschen, egal welcher Hautfarbe oder Herkunft. Es benötigt aber das Verständnis und die Akzeptanz auf beiden Seiten, bei den Polizisten und dem polizeilichen Gegenüber.