Für mehr Respekt untereinander und für mehr Miteinander

18. November 2015 at 1:52

Leserbrief T.Leserbrief eines Polizisten. Auf Wunsch bleibt er anonym. Er ist Polizeibeamter und der Administration der Seite bekannt. Seine Äußerungen müssen nicht der Meinung der Seitenbetreiber entsprechen.

Mein Text ist lang aber Gedanken brauchen manchmal ein paar Zeilen mehr.

Ich bin Polizeibeamter und meine folgenden Zeilen spiegeln meine Gedanken zu aktuellen Ereignissen aber auch allgemein zu unserer Gesellschaftsentwicklung dar.
Ich habe diese Gedanken vor den Anschlägen von Paris gefasst aber die Anschläge haben nichts an meinen Gedanken geändert.

Ich mache mir Sorgen.

Was ist los mit euch/uns/denen/allen?

Ich stelle mir diese Frage mittlerweile immer häufiger, eigentlich schon täglich, denn ich komme nicht mehr mit.

Ich möchte und kann mit meinen Worten nicht die Flüchtlingskrise lösen und ich kann auch die sonstigen Missstände, welche uns Polizisten und Polizistinnen und die Polizeien als Institution betreffen, nicht damit beseitigen.

Ich möchte aber zum Ausdruck bringen, dass mir vieles Angst/Sorge macht und da gehört nicht nur die Flüchtlingskrise dazu, welche mich mit Sorge erfüllt.

Wie sollen wir Polizisten/wir die Polizei, den Bürgern ein Gefühl von Sicherheit geben, wenn wir bzw. viele von uns, da ich nicht für jeden sprechen möchte, selbst nicht dieses Gefühl verspüren? Wie sollen wir dem Bürger und dazu zähle ich nicht nur den deutschen Bürger sondern jeden Menschen der bei uns lebt, die Sicherheit geben die jeder Einzelne verdient, wenn wir nicht wissen, wer im Rahmen der Flüchtlingskrise zu uns kommt? Wenn wir als “Schützer” schon nicht wissen, ob jeder der zu uns kommt, auch der ist der er vorgibt zu sein, dann geht Sicherheitsgefühl verloren und zwar bei uns Polizisten genauso wie beim Bürger.

Der Bürger verfügt oftmals nicht einmal über die wenigen Informationen über die wir als Polizisten verfügen und wir wissen wohl alle, dass Unwissenheit zu Angst und Angst zu Hass gegenüber dem Unbekannten führen kann und wie man immer gehäufter sieht, dies auch der Fall ist. Also brauchen wir Sicherheit für die Schützer, also die Polizeien und das heißt, wir müssen wissen wer zu uns kommt.

Dies kann man auch als Appell an die Flüchtlinge selbst sehen. Helft uns euch zu helfen und seid ehrlich zu uns, werft eure Pässe nicht weg und helft uns dabei wieder Vertrauen zu schaffen. Vertrauen der Bevölkerung euch gegenüber.

Aber in diesem Zusammenhang möchte ich auch den Bürger ansprechen und bitten uns ebenso zu helfen und damit meine ich gar nicht die Hilfe vor Ort, um Flüchtlinge zu versorgen usw., denn da ist die Hilfestellung vorbildlich. Ich meine damit, dass ich mir vom Bürger wünsche, dass er sich selbst kontrolliert und dies vor Allem bei seiner Sprache. Das Wort ist mächtig, es kann heilen, es kann trösten, es kann Frieden stiften aber es kann auch töten, es kann vernichten und es kann Kriege entfachen.

Seit Beginn der Flüchtlingskrise fällt mir auf, dass die Sprache noch mehr verroht, als das sowieso schon der Fall war und mit Begriffen um sich geworfen wird, welche einem Angst und Bange werden lassen.

Pauschalisierungen und Verallgemeinerungen sind an der Tagesordnung und selbst auf Seiten, die für eine Solidarisierung mit der Polizei stehen, wie Solidarität mit den Beamten der Davidwache, Polizei-Mensch, Polizei-Jugend und vielen anderen ähnlichen Seiten im Netz, wird von vielen Kommentatoren, also Menschen und Bürgern, eine Sprache gewählt und ich unterstelle dies passiert ganz gewollt so, welche nicht mehr den Grundsätzen unserer Zivilisation entspricht und daher nicht gesellschaftsfähig sein sollte aber sie ist da.

Dabei spielt es keine Rolle, ob in die eine oder die andere Richtung verallgemeinert und pauschalisiert wird. Egal ob pauschalisiert Kritiker als Rassisten und Nazis tituliert werden oder aber Befürworter und weniger kritische Menschen als Gutmenschen abgekanzelt werden und egal, ob ständig in Bezug auf Flüchtlinge negativ pauschalisiert wird.

Es ist falsch!!!

Und wir erreichen nur Eines damit. Ein Mehr an Unsicherheit, ein Mehr an Hass, ein Mehr an Spaltung und damit für uns alle, ob Bürger oder Menschen die zu uns flüchten, ein Mehr an Verlust in allen Lebensbereichen.

Ich will keine Bürgerschelte betreiben aber auch der Bürger muss sich selbst hinterfragen.

Dazu möchte ich auch einmal mein Wort an diejenigen richten, die ständig die Polizei kritisieren, ob es in Bezug auf die Flüchtlingskrise ist oder in Bezug auf die vielen anderen Bereiche mit denen die Polizeien konfrontiert sind.

Lasst euch bitte gesagt sein. Wir sind keine willfährigen Erfüllungsgehilfen einer Politik, wir sind keine willenlosen Marionetten, wir sind auch keine Helfers Helfer für kriminelles Handeln von irgendjemandem. Wir sind Menschen, die einen Beruf ausüben, der den Menschen dienen soll, der sie schützen soll, wo sie sich selbst nicht schützen können.

Wir sollen aber wir wollen auch dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft so sicher ist wie möglich und das jeder so viel Freiheit genießen kann wie nur irgend möglich. Dafür setzen wir uns jeden Tag des Jahres ein, auch mit unserer Gesundheit und manchmal auch mit unserem Leben.

Dafür haben wir euren Respekt verdient und ja, den fordere ich auch von euch und zwar auch dann, wenn ich oder ein Kollege euch einmal anhalten weil ihr zu schnell gefahren seid, auch dann, wenn wir euch beim Telefonieren am Steuer erwischt haben, auch wenn wir euch mal kontrollieren und für euch zunächst kein erkennbarer Grund dafür vorliegt und auch dann, wenn wir euch mal nicht sofort helfen können.

Wir versuchen alles aber wir sind nicht allmächtig und wir sind Menschen, mit allen Vorzügen aber auch mit allen Negativerscheinungen. Der Beruf macht uns nicht fehlerfrei und er verhindert auch nicht, dass es auch bei uns das sogenannte “schwarze Schaf” gibt aber damit müsst ihr leben, das sage ich ganz deutlich, denn wir sind nicht anders als ihr. Aber, wir sind für euch da, so gut es geht, also seid ihr bitte auch für uns da und behandelt uns, auch in Schrift und Wort, mit Respekt und versachlicht eure Kritik wieder.

Das sind meine Gedanken zur aktuellen Situation aber auch zur generellen Entwicklung unserer Gesellschaft unabhängig von aktuellen Ereignissen. Wir befinden uns auf keinem guten Weg und nur Ihr, die Bürger, könnt eine Trendwende einleiten. Keine Politik, kein Richter und kein Polizist kann dies vollbringen aber ihr, die fast 120 Millionen Bürger dieses Landes und auch Österreichs und der Schweiz oder auch Luxemburgs und Hollands könnt es, um nur bei denen zu bleiben, die deutschsprachig sind oder zum Teil aber jeder Einzelne muss dafür zunächst bei sich selbst anfangen und sich selbst hinterfragen. Dabei nehme ich mich selbst nicht aus.

Für mehr Respekt untereinander und für mehr Miteinander. Das ist mein Wunsch.

Gruß, T.