Abschiebung – Eine Bundespolizistin vom Flughafen Berlin Schönefeld gibt Einblick

15. Dezember 2015 at 21:16

Abschiebung

Bild: Markus Wächter via weser-kurier.de

Abschiebung, ein Wort, das für die Betroffenen Endgültigkeit bringt und die schriftliche Ablehnung als Maßnahme vor Augen führt. Eine Zwangsmaßnahme. Im Behördendeutsch heißt Abschiebung “Rückführung”. Das klingt netter, täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die Betroffenen zurück müssen; zurück in das Land, aus dem sie geflohen sind.

Wie auch bei der Ankunft in Deutschland kümmert sich die Bundespolizei um diejenigen, die offiziell kein Bleiberecht in Deutschland bekommen. Die Polizisten, die sich um die Rückführung kümmern, heißen Personenbegleiter Luft (PBL).

Die 29jährige Bundespolizistin Kristin Imken, die ihren Dienst auf dem Flughafen Berlin Schönefeld versieht, gab dem Weser Kurier einen sehr persönlichen Einblick in ihre Arbeit als PBL. Ihr Name wurde von der Redaktion geändert.

Die Dienststelle der Bundespolizei in Schönefeld befindet sich in der alten “Generalsvilla”. Der ehemalige DDR-Bau, in dem damals Erich Honecker Staatsgäste empfing, sieht nicht unbedingt einladend aus. Linoleumböden, Spanplattenschränke, vergitterte Fenster auf der einen Seite, Kronleuchter im marmorierten Foyer, schmiedeeisernes Treppengeländer auf der anderen.

Hier ist Platz für etwa 130 Menschen, die in ihre Länder zurück geführt werden. Nach Ethnien getrennt warten sie hier auf ihren Flug. Auf den Holztüren stehen dann auch die Kürzel der Herkunftsländer: PRN, BEG und TIA stehen für Kosovo, Serbien und Albanien; also für die Balkanländer, die als sicherer Drittstaat gelten und deren Flüchtige kaum Aussicht auf ein Bleiberecht in Deutschland haben.

Kristin Imken wirkt müde, als sie von ihrer Arbeit erzählt. Sie ist eine von deutschlandweit 635 PBL, die die Menschen auf ihrer Rückreise begleiten. Alleine dieses Jahr war sie bei 23 Rückführungen dabei. Ihre Flugmeilen kann sie schon gar nicht mehr zählen.

Sie erzählt, wie es ist, diese Menschen in ihre Heimatländer zu begleiten, die eine lange Odyssee von beschwerlicher Reise, Anträgen, Widersprüchen hinter sich haben und dennoch vergebens kämpften:

“Die Menschen erzählen einem sehr viel aus ihrem Leben, wie sie hergekommen sind, was sie durchgemacht haben. Wenn man fliegt, verbringt man Stunden, manchmal den ganzen Tag mit den Menschen im Flugzeug” erzählt Imken.

Sie macht den Job schon seit eineinhalb Jahren. Für kleinere Gruppen gibt es Platz in Linienflügen, bei größeren Gruppen wird eine extra Maschine gechartert. Für die 815 Menschen, die im vergangenen Jahr von dort abgeschoben wurden, kostete Berlin die Rückführung 400.000 Euro, deutschlandweit 2,5 Mio.

“Es gibt gewisse Momente, die man nicht vergisst. Aber es ist halt mein Job. Dem muss ich nachgehen”, sagt Imken und lächelt kühl. “Natürlich spielen wir hier auch mit den Kindern. Wir nehmen sich auch in den Arm. Ich denke dann manchmal, dass die Eltern den Kindern dieses Verfahren ersparen könnten, wenn sie freiwillig ausreisen”, fügt die Polizistin an.

Dieser Job verlangt schon eine Menge an Empathie, Einfühlungsvermögen und Taktgefühl von den Polizisten. Und so sagt Polizeihauptkommissar Thorsten Peters von der Polizeidirektion Berlin, der zusammen mit Imken seinen Dienst versieht:

“Wir sind das Ende einer Kette und vollziehen eine Maßnahme. Wir leisten Hilfe, dass die Menschen in ihrem Zielland ankommen. Für uns selbst müssen wir eine Distanz aufbauen. Sicherlich sind es alles Einzelschicksale, niemand will sich davon frei machen. Aber wir sind Polizisten.”

“Das hier ist ein Spannungsfeld. Wir wollen die Situation entschärfen”, ergänzt Peters. Und wie entschärft man eine solche Situation, die für die Betroffenen Endgültigkeit und keine Hoffnung bedeutet? Mit Reden.

“Die Menschen erzählen mir, was sie am Abend vorher noch gemacht haben, was sie im Fernsehen geschaut haben, wie Deutschland sucht den Superstar. Auf einmal fängt der Mensch an zu singen, und dann singt man auch mal mit”, erzählt Imken.

Kann man immer eine Distanz zu dem aufbauen, was man bei einer Rückführung, beim persönlichen Kontakt mit den Betroffenen, erfährt und erlebt? Bröckelt da nicht auch mal die Fassade?

Auch wenn sich die Menschen bei Ankunft am Heimatflughafen oft mit einem Händedruck verabschieden, den Polizisten danken, weil sie genau wissen, dass sie in anderen Ländern anders behandelt worden wären, nicht unbedingt besser, bleibt etwas zurück.

“Einige Menschen bleiben im Gedächtnis, definitiv”, sagt Polizistin Imken. So kann es auch mal vorkommen, dass die PBL mal einen Tag nicht fliegen möchten, nicht fliegen können. Sie brauchen eine Auszeit, Abstand zu den menschlichen Dramen, die sie miterleben.

Allerdings wissen sie dennoch, dass sie in Zukunft nicht weniger werden fliegen müssen, sondern mehr. Denn, so sagt Imken: “Die Politik will das so.”

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