Gedanken eines Polizisten

21. Dezember 2015 at 19:26

Gedanken eines Polizisten

Ich lese Eure Seite seit einiger Zeit, anfänglich mit etwas Skepsis, weil es einfach zu viele Seiten gibt, die meinen in irgendeiner Form ein “politisches” Statement oder eine Zugehörigkeit zu irgendeiner Gruppe darstellen zu müssen oder zu wollen, wo viel geschrieben wird aber letztendlich wenig Inhalt ist.

Bei Euch bin ich insofern positiv überrascht worden, als dass Eure “Berichterstattung” doch sehr neutral und “qualifiziert” ist und immer noch jeder sich seine eigene Meinung zu dem Geschriebenen bilden kann.

Auch die “Kunden” dieser Seite laufen nur seltenst aus dem Ruder was für eine hohe Qualität spricht, denn wo die “Führung” sich in gewissem Rahmen bewegt, zeigt die Erfahrung, dass es die Follower auch so zu tun pflegen.

Weswegen ich Euch aber schreibe ist, dass ich – der ich mittlerweile auch seit über 20 Jahren diesen Job versehe, seit einiger Zeit schon darüber nachdenke, ob ich Euch auch mal ein paar Zeilen aus meinem Alltag und/oder meinem Kopf schreiben sollte.

Ich weiß nicht, ob meine (ehrlichen, ungeschönten) Worte unbedingt “allgemeintauglich” wären, aber ich bin sicher dass sich eine Menge Leute aus unserer “Firma” wiedererkennen würden.

Ich selber bin derzeit frustriert und habe resigniert.

Das ändert nichts daran, dass meine moralischen Grundsätze, die Leitlinien meines Lebens, die die Basis zur ordentlichen und rückhaltlosen Erfüllung dieser Berufung sind, nach wie vor existieren.

Aber der Adressat ändert sich.

Als man angefangen hat, war man noch der Meinung, die Welt retten zu können und zu wollen. Heute – 20 Jahre später – ist man endgültig erwacht.

Dass man nicht die Welt retten kann und dass das gar nicht gewollt und erwünscht ist, merkt man schon binnen einiger Jahre.

Aber

  • dass es immer schlimmer wird, man immer mehr gegen die (politisch aufgestellten) Wände läuft,
  • dass man keinen Rückhalt von der eigenen Führung bekommt und die Beschwerden eines (auch unzurechnungssfähigen) Bürgers ernster genommen wird als intern angesprochene Missstände,
  • dass die Judikative die gesetzlich möglichen Konsequenzen nicht mal im Ansatz ausschöpft und durch ihre Ignoranz und regelmäßigen, nicht nachvollziehbaren Entscheidungen konsequent gegen “uns” und den Rechtsstaat arbeitet,
  • dass bei uns Quoten erfüllt werden sollten (natürlich nicht! ) und somit der Bürger, als unser wichtigster Protagonist zu kurz kommt und entsprechend auch nicht mehr uneingeschränkt zu uns hält

und noch viele viele andere Punkt führen dahin, dass man irgendwann “anders” arbeitet.

Ich selber sehe deutlich jüngere Kollegen mich “rechts und links überholen”. Das ist ein Stück weit frustrierend, weil ich der Meinung bin, dass 20 Jahre gute, qualifizierte Arbeit mit einem großen Maß an Empathie und überdurchschnittlicher Menschlichkeit irgendwann auch einmal belohnt werden dürften.

Aber das ist nicht so – weder gewollt, noch gefördert.

Gefördert werden die “unmenschlichen”, die eine Barverwarnungsquote erfüllen, weil sie (übertrieben gesagt) dem Opa von nebenan ein paar Euro für den abgelaufenen Verbandskasten aus den Rippen leiern.

Das Vermögen, das Unverständnis über fehlende Menschlichkeit in seinen Augen zu lesen ist dafür nicht vorhanden. Ich höre jetzt erst mal auf, sonst schreibe ich in 2 Stunden noch.

Ich könnte Euch seitenweise Sachen schreiben, erst aus dem letzten Nachtdienst, wo ich es nach über 20 Jahren tatsächlich einmal in Kauf genommen hätte, eine Anzeige zu kassieren, weil eine junge Frau die berühmte “Ohrfeige” MEHR als verdient hätte.

Es wäre sicherlich sehr unrühmlich gewesen, aber man muss ganz deutlich sagen: Es wäre es auch wert gewesen – in diesem Moment. Ich bin im Nachhinein froh, dass deren Freunde (Migranten) in untypisch vernünftiger Weise dazwischen gegangen sind und uns getrennt haben und sie mir vom Hals gehalten haben.

Aber nach 13 Stunden Nachtdienst und einem mittlerweile bei mir vorhandenen globalen Unverständnis über die Entwicklung der Menschheit und vor allem die Respektlosigkeit unserer Kunden uns gegenüber werden auch meine Empfindungen einmal intensiver bzw. die Empathie lässt nach.

Da kehrt auch ein Stück Menschlichkeit ein, denn nicht nur Stärke zeigen und Empathie ist menschlich, sondern auch Emotionen zeigen und Schwächen haben (was wir natürlich nicht dürfen!) …

Der uns namentlich bekannte Autor möchte anonym bleiben.