Flüchtlinge: Was so in keiner Meldung steht

30. Januar 2016 at 23:07

Flüchtlinge, eine andere GeschichteWenn man schon das Wort Flüchtlinge liest, denken viele mittlerweile unweigerlich an Kriminalität: von und gegen Flüchtlinge. Das ist es, was man überwiegend in den Meldungen und den Medien liest.

Dass der dienstliche Kontakt mit diesen Menschen auch ganz andere Einsätze bedeuten kann, soll die folgende Geschichte zeigen, die mir bis heute im Kopf und im Herzen geblieben ist:

Spät abends, auf einem Bahnhof, irgendwo in Deutschland. Eine syrische Flüchtlingsfamilie steht am Bahnsteig und wartet auf den Anschlusszug, der sie mitsamt ihren Koffern und Taschen zur Einrichtung bringen soll. So steht es im Zugticket. Als dieser Zug angekommen ist, sind die drei Erwachsenen damit beschäftigt, die Koffer in den Zug zu wuchten. Die drei Kinder, allesamt aufgeregt wie ein Sack Flöhe, tollen herum.

Plötzlich schließt sich die Tür des Zuges und er setzt sich in Bewegung. Fragende Blicke in der Runde und dann: oh Schreck! Die Tochter ist alleine im Zug!

Das Geschrei am Bahnsteig ist groß, keiner weiß, wie es weiter gehen soll, als ein Bahnbediensteter auf das Geschrei aufmerksam wird. Er erkundigt sich was los ist und versteht bei nur bruchstückhaftem Englisch zumindest das Wesentliche. Die Notsituation wird deutlich, da kann nur noch die Polizei helfen.

Als wir, eine Streifenbesatzung der Landespolizei, auf dem Bahnsteig ankommen, kann man den Schrecken in den Augen der Anwesenden heraus lesen. Die zwei Kinder weinen. Wir erkundigen uns nach dem was vorgefallen war. Es ist schwierig, ein Stück weit englisch, der Rest mit Händen und Füßen.

Ok, verstanden. Gibt es ein aktuelles Bild der Tochter? Und wie alt ist sie überhaupt? “Six”, sagt der Vater und hält uns sein Smartphone vors Gesicht. Das Bild zeigt ein kleines süßes Mädchen im Wintermantel und mit Lächeln auf dem Gesicht. Ganz anders zum Gesicht des Vaters, das pure Verzweiflung erkennen lässt.

Es folgen ein paar Funksprüche und Telefonate. Kontakt zu den Kollegen der Bundespolizei wird hergestellt. Und jetzt heißt, so schwierig es auch fällt: warten…

Wir versuchen zu erklären, dass wir uns darum kümmern und dafür sorgen werden, dass die Tochter wieder wohlbehalten zurück kommen wird. Aber das wird nicht wirklich verstanden. Sei wegen der Sprachbarriere, sei es wegen der allgemeinen Aufregung. Denn hektische Gespräche zwischen den Erwachsenen, deren Inhalt wir nicht verstehen, aber erahnen können, bestimmen nun das Bild.

Minuten später, Rückmeldung der Bundespolizei: im Zug befindet sich ein junges Mädchen zwischen Koffern und weint fürchterlich. Es wird von den Kollegen aufgenommen und zusammen mit dem Gepäck zurück zu den Eltern gebracht. Erleichterung!

Als wir diese frohe Botschaft den Eltern verkünden, ist die Luft zum zerreißen. Einerseits die Anspannung, ob die Tochter wirklich wohlbehalten zurück kommt. Andererseits Freude darüber, dass Uniformierte sich ohne viel Federlesens um die Angelegenheit kümmern, ohne Bedingungen oder Forderungen zu stellen.

Die Fahrt der Kollegen der Bundespolizei dürfte etwa eine halbe Stunde dauern. Für die Eltern eine verdammt lange halbe Stunde. Und das merkt man. Alle paar Minuten kommt der Vater und fragt sinngemäß: Wie lange noch? Und wer bringt meine Tochter? Police? Really? How long?

Irgendwann haben die Erwachsenen die Zufahrt zum Bahnhof entdeckt und gefragt, ob ihre Tochter von dort aus gebracht würde. Ich ahne, was nun kommen wird und nicke zustimmend.

Also setzt sich der gesamte Tross in Richtung Bahnhofsvorplatz in Bewegung. Dort heißt es nun weiterhin: warten…

Als ein Auto sich in Richtung Bahnhof nähert, dreht sich der Vater zu mir um: Police? Ich verneine, es war ein ziviler Wagen, keiner von der Sorte, die von der hiesigen Polizei benutzt würde. Enttäuschung.

Bei einem weiteren Wagen Minuten später wiederholt sich das Ganze. Der Vater blickt mich erwartungsvoll an, sagt nichts, ich schüttel den Kopf. How long? 10 Minutes, ist meine Antwort. Die Kinder weinen wieder. Sie spüren die Verzweiflung der Eltern, auch wenn sie unsere Unterhaltung nicht verstehen.

Noch bevor diese von mir geschätzten zehn Minuten vorüber sind, nähert sich offenbar ein uniformiertes Fahrzeug. Nicht blau-silber, wie unsere, sondern blau-weiß. Ok, jetzt ist es soweit.

Und auch hier dreht sich der Vater wortlos zu mir um: ich grinse und nicke. Nun ist keiner mehr zu halten und ich habe Sorge, dass sie vor lauter Aufregung den Kollegen vors Auto springen, noch bevor der Streifenwagen angehalten hat.

Aber es geht alles gut. Der Wagen stopp direkt vor uns, die Tür geht auf und ein tränenreiches Wiedersehen ist die Folge. Nachdem die Tochter im Kreise der Familie ausgiebig begrüßt worden war und sich die emotionalen Wogen geglätten hatten, zeigt der Vater auf mich, während er seine Tochter auf dem Arm hält.

Irgendwas, was ich nicht verstehen kann, sagt er zu ihr und sieht mich dabei an. Nur das Wort Police kann ich verstehen. Die Tochter nickt zustimmend und sieht mich mit leuchtenden Augen an.

Während ich die ganze Zeit über nur tatenlos der Szene mit einem Gefühl der Dankbarkeit und Freude zugesehen habe, kommen Vater und Tochter nun auf mich zu. Der Vater umarmt mich, sagt nichts. Aber das braucht er auch nicht. Ich verstehe die Botschaft. Dann gibt es ein Küsschen der Tochter. Sie strahlt wieder. Mein Herz schlägt höher. Ich kann mich dieser ansteckenden Freude einfach nicht widersetzen. Aber das möchte ich auch nicht. Es tut gut.

Während die Kollegen der Bundespolizei das Gepäck aus dem Kofferraum klaubten und auf dem Boden abstellten, verabschiedet sich die Familie. Im Weggehen sagt der Vater nochmals kurz Police, blickt in meine Richtung und hebt den Daumen.

Diese Dankbarkeit, diese herzliche und ehrliche Dankbarkeit, in den Augen wie auch in den Taten, sind mir bis heute in Erinnerung geblieben. Dabei habe ich nur meinen Job gemacht…

Aber auch ich fühlte Dankbarkeit. Gegenüber dem Schicksal, dass es doch noch gut meinte. Und gegenüber den Kollegen der Bundespolizei, die ohne Absprache von sich aus den Plan hatten, die Tochter zu uns zu bringen. Ein sehr guter Plan, denn irgendjemand musste auch bei den Eltern bleiben und ihnen beistehen.

Diese Menschen, die nach Deutschland kommen, sind nicht nur Kriminelle. Es sind auch Mütter, Väter und Kinder, mit den selben Sorgen und Nöten, wie man sie hier auch kennt. Und darin unterscheiden sie sich in Nichts: Eltern sind Eltern sind Menschen.