Gastbeitrag: Aus der Praxis… (von Peter Hirth)

22. Januar 2016 at 1:53

Aus der Praxis

Bild: Peter Hirth

Kollege Peter Hirth ist Polizist in Berlin. Er betreibt eine eigene Internetseite, da er nebenbei auch gerne fotografiert. Nun hat er sich als Polizist geoutet und berichtet dort über seinen Dienst.

Der folgende Text “Aus der Praxis…” ist lang, aber Peter hat etwas mitzuteilen – und das macht er auch, ziemlich unverblümt und direkt, aber so sind die Berliner halt 😉

Ich schicke voraus, dass ich Polizist bin. Klingt komisch, is aber so. Unter anderem am Alexanderplatz.

So … für alle, die es noch nicht wussten, jetzt mal kurz sacken lassen.

Ich gebe hier nur meinen Eindruck wieder, obwohl ich weiß, dass viele meiner Kollegen genau so denken. Aber ich möchte bitte nicht, dass diese Zeilen verallgemeinert für die gesamte Behörde verwendet werden.

Ich bin mir auch bewusst, dass es sich bei denen, mit denen wir zu tun haben, wahrscheinlich um das berüchtigte 1% handelt … dieses eine Prozent hat auch in Hollister schon gereicht, für die Öffentlichkeit ein prägendes Bild zu liefern.

Als die „Flüchtlingskrise“ begann, war ich (und viele Kollegen), der Meinung, dass das System, tausende Menschen, die offensichtlich nicht dem EU-Raum angehören in das Land zu lassen, Probleme mit sich bringt. Zur Erklärung für diejenigen, die damit wenig Erfahrung haben:

Du kommst unkontrolliert in ein Land, meldest Dich an einer Behörde, die völlig überlastet ist, gibst irgendeinen Namen an und bekommst daraufhin ein gesiegeltes Stück Papier, mit dem Du Dich ausweisen kannst. Nebenbei bekommst du natürlich auch für die nächsten 12 Wochen Bargeld, damit Du für die nächsten drei Monate unregistriert bleibst und dem völlig überlasteten Amt nicht weiter auf den Sack gehst. Leider lassen sich keine konkreten Zahlen dazu recherchieren, was ja vielleicht auch gewollt ist.

Ein Schuft, der böses dabei denkt … aber wenn Du wolltest, könntest Du das gleiche in anderen überlasteten Städten wiederholen. Macht natürlich niemand. Es sind ja alle arme und hilfsbedürftige Flüchtlinge, die nur aus dem Krieg weg wollen.

Jetzt kommt hinzu, dass eine Vielzahl derer, die als Flüchtling straffällig werden, offensichtlich weiß, dass ihnen sowieso nichts passiert. Sei es, dass sie mit abgebrochenen Flaschen aufeinander losgehen und mich hinterher noch provozieren, obwohl sie gerade jemandem diese Flasche in den Bauch gestochen haben, sei es, dass ich das dritte mal in dieser Schicht in einem der Billigläden am Alex bin, um Ladendiebe abzuholen.

Schon bei dem Auftrag denke ich: „Scheisse, wieder ne Einlieferung“, weil ich damit mindestens drei Stunden beschäftigt bin. Wenn alles Rund läuft, aber das ist eine andere Geschichte, die zu einer anderen Zeit erzählt werden soll.

Drei Stunden, in denen ein Funkwagen ausfällt, und die, die wirklich Hilfe brauchen, warten müssen.

Ich versuch mal, denen, die dazu keinen Bezug haben, nahezubringen, was diese nirgendwo registrierten Ladendiebe für uns bedeuten.

Du hast diesen Zettel vom LaGeSo in der Hand, auf dem irgendwelche Personalien stehen. Du fragst diese Personalien ab und bekommst als Antwort, dass diesen Menschen nicht gibt … klar, weil nirgendwo registriert.

Vor dem gleichen Problem werden die Ermittler in Köln stehen. Sage und schreibe 16 Täter sind auf Videomaterial zu erkennen. Nicht schlecht bei bisher 121 Strafanzeigen … wenn die Ermittler Glück haben, ist wenigstens ein kleiner Teil davon registriert. Ob sie allerdings namhaft gemacht werden können, stelle ich in Frage.

Zurück nach Berlin.

Du hast also einen Ladendieb, der zusammen mit seinen Freunden, die natürlich auch nicht registriert sind, Klamotten für einige Hundert Euro aus dem Laden schleppen wollten.

Seitdem wir den Auftrag erhalten haben und Klärung, wie es eigentlich weitergeht, ist inzwischen im günstigsten Fall ne halbe Stunde vergangen. Wenn es suboptimal läuft, sind wir inzwischen bei ner schlappen Stunde.

Ok, wir haben hier also drei Täter, die es eigentlich nicht gibt. Also nehmen wir die drei mit.

Die Sammelstellen für Festgenommene sind inzwischen auch völlig überlastet. Wenn wir Glück haben, nur ne halbe Stunde Fahrt, wenn es mal wieder nicht optimal ist, sind wir auch da ne knappe Stunde unterwegs.

Letztendlich liegt die Entscheidung, was passieren soll, beim Richter.

Kurz zur Erinnerung – es gab eine Zeit, in der Ausländer, die nirgendwo registriert waren, als illegal galten. Sie wurden ohne großes Aufsehen einfach eingesperrt und die Ausländerbehörde war in der Pflicht „den tatsächlichen aufenthaltsrechtlichen Status festzustellen und ggf aufenthaltsbeendende Maßnahmen einzuleiten“.

Rechtsstaat ändert sich …

Zurück zu den drei Ladendieben … drei Festgenommene in einem Funkwagen verbietet sich schon der Eigensicherung wegen, also einen Transporter anfordern. Gibts nicht … also noch einen Funkwagen in den Transport einbinden. Transport ist nach ner halben Stunde bis zu ner Stunde erledigt. In der Zeit fehlt der Wagen einfach wieder mal für diejenigen, die Hilfe brauchen.

In der Zwischenzeit lassen wir uns provozieren und auslachen. Die wichtigen Brocken Deutsch haben sie inzwischen drauf. Wer bringt ihnen eigentlich in drei Wochen bei, was „ich fick euch Deutsche“ oder „du bulle kannst mir gar nichts“ bedeutet?

Eigentlich zuckt die linke Gerade, aber wir sind Profis …. meistens.

Ich sitze jetzt also hier mit meinem Kollegen und schreibe …. schreibe ….. schreibe.

Wir wissen beide, dass alles, was wir jetzt an Zeit und Energie verplempern, sowas von für den Arsch ist … einfach hoffen, dass wir niemanden von ihnen morgen nicht schon wieder einsperren müssen.

Inzwischen sind zwei weitere Funkwagen von uns da, beide machen das gleiche, wie wir.

Ich prangere einfach mal an, dass die Behörde „Polizei“ offensichtlich nicht in der Lage ist, realistische Zahlen zu veröffentlichen, inwieweit sich die Statistik verändert hat.

Da ich es selber erlebe, kann ich den offiziellen Statistiken einfach nicht glauben. Ich muss sie aber glauben, da ich selber nicht abfragen darf, wie sich die Kriminalität entwickelt hat. Datenschutz und so.

Aber was ich definitiv sagen kann, ist, dass ich im letzten Jahr um diese Zeit weniger mit Flüchtlingen zu tun hatte … deutlich weniger.

Einer der Grundsätze unseres Systems war bis vor Kurzem, dass vor dem Gesetz alle gleich sind … stiehlst du allerdings in einer derartigen Höhe als jemand mit festem Wohnsitz und deutscher Staatsangehörigkeit, wirst Du im Schnellverfahren abgeurteilt. Als jemand mit ausgedachter Identität und illegal in Deutschland … denkt Euch, wie dieser Satz enden könnte.

Jetzt muss ich auf das WIR umspringen

WIR sind die, die wir unseren verdammten Arsch hinhalten, uns täglich beschimpfen, anspucken und provozieren lassen, von Menschen, die sowohl unser System, als auch unsere Kultur missachten. WIR sind der Puffer zwischen einer verfehlten Politik und dem wirklichen Leben. Letztendlich holen WIR die Kastanien aus dem Feuer und die Realität von denjenigen fern, die der Meinung sind

„Wir schaffen das“

und der Überzeugung sind, dass sich das Problem mit Verhaltensregeln für Frauen lösen lassen kann, anstatt der inneren Sicherheit den Stellenwert in den Etats zu geben, den die Menschen dieses Landes verdienen.

WIR (nicht Ihr an der abgeschirmten Spitze) müssen uns täglicher Gewalt aussetzen und sind froh, wenn WIR nach der Schicht zu unserer Familie nach Hause kommen. WIR werden nicht von Personenschützern abgeschirmt und unser Bild dessen was gerade passiert, begründet sich nicht auf Berichten, die durch viele Instanzen gegangen sind, und immer wieder schön geschrieben werden.

Ich mach den Job trotzdem weiter.

… to be continued

Peter veröffentlichte diese Gedanken bereits Anfang Januar, so dass die Zahlen der bekannt gewordenen Fälle in Köln nicht aktuell ist.

Diese und weitere Geschichten von Peter könnt ihr auf seiner Seite nachlesen: http://www.darksightberlin.com