Leserbrief von Reiner: Die Arbeit der Polizisten. Alles selbstverständlich?

10. Januar 2016 at 20:44

Selbstverständlich?

Das ich als Polizist einen Großteil meiner Freizeit per Amtseid abgegeben habe, war mir von Anfang an bewusst. Dass mein Dienstplan für Jahrzehnte keinen Samstag / Sonntag / Feiertag vorsieht auch. Dass ich zu Einsätzen fahren muss, die notwendig sind und ebenfalls oft an Wochenenden stattfinden auch.

Was ich aber nicht verstehe und was mich maßlos ärgert ist, mit welcher Selbstverständlichkeit “unsere” Politiker einen Einsatz “aller” Polizisten an solchen Tagen fordern und scheinbar in keinster Weise hinterfragen wer diese Einsätze eigentlich leistet.

Das sind nämlich nicht nur Polizisten, sondern auch Menschen, die, wenn sie ganz verrückt sind, sogar Frau und (noch wahnsinniger) auch Kinder haben. Einerseits sind auch wir nur im Rahmen des menschlich Möglichen belastbar (diese Grenzen werden bereits jetzt schon oft überschritten) und andererseits möchten auch Polizisten nur ein klein bisschen am normalen Leben teilhaben. Aber das wird ihnen seit Jahren größtenteils unmöglich gemacht.

Als hessischer Polizist kann ich nur für meinen Dienstort sprechen, aber spontan fallen mir da aus diesem Jahr folgende Beispiele ein. Nach der anstrengenden Weihnachtszeit (dazu später mehr) wird unser Dienstplan (der ja sowieso keinen Wochenenden kennt) durch folgende tolle Sachen ergänzt:

👉 An Allen Faschingstagen, speziell natürlich am Wochenende um Rosenmontag, SELBSTVERSTÄNDLICH Alkoholkontrollen am Tag, sowie in der Nacht.

👉 Am 1. Mai SELBSTVERSTÄNDLICH Einsatz an den Brennpunkten der Republik. Wo auch immer. Man hat ja an diesem Tag nichts weiter…

👉 Während Occupy SELBSTVERSTÄNDLICH Einsatz über mehrere Tage in Frankfurt/Main. Was dort so vorgefallen ist, brauche ich wohl niemandem erklären.

👉 Während Christi Himmelfahrt aufgrund der vermehrten Alkoholfahrten SELBSTVERSTÄNDLICH Alkoholkontrollen.

👉 Am Tag der Deutschen Einheit SELBSTVERSTÄNDLICH Einsatz an den Brennpunkten der Republik. Sie kennen das…

👉 An den Weihnachtsfeiertagen, und das ist ab diesem Jahr mehr oder weniger neu, angeordnete Schleierfahndung.
Nur mal so zum Verständnis: Man hat also als Polizist vielleicht mal einen der 3 Weihnachtstage laut Dienstplan frei, und dann werden an diesem Tag Fahndungsmaßnahmen in Bezug auf Terrorismus angeordnet. NACHTS. AN WEIHNACHTEN. Auf Autobahnen etc. stehen und Autos kontrollieren. Weil unser Klientel ja kein Weihnachten feiert und deshalb aktiv werden könnte. Warum also sollte ein Polizist auch Weihnachten feiern. Na ja.

👉 An Silvester SELBSTVERSTÄNDLICH, neben dem sowieso schon aufgestockten Dienstplan, Alkoholkontrollen. Wer feiert von den Polizisten denn schon Silvester?

👉 Neben den o.a. Einzelaktionen SELBSTVERSTÄNDLICH noch 2x in der Woche hessenweite Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern. Dienstzeiten Beginn: 01:00 Uhr, Ende ca. 08:00 Uhr. Sind ja nur ein paar Stündchen… Kann man doch an einem seiner freien Tage mal machen… Das dadurch 2 Tage völlig im A… sind, wen juckt`s?!

👉 Über das gesamt Jahr SELBSTVERSTÄNDLICH nebenbei noch Aktionen wie “Aktion Gurtpflicht”, Aktion “Handy am Steuer”, Aktion “Sicheres Fahrrad”, Aktion “Sicherer Schulweg”, Aktion “Pkw-Licht im Winter” etc, etc, etc….

👉 Und natürlich 2-3 mal im Jahr neue Auszubildende in der Dienstgruppe betreuen. Denn man soll es kaum glauben, es gibt immer noch junge Menschen, die sich für den Beruf des Polizeibeamten begeistern lassen.
Also betreut man jedesmal SELBSTVERSTÄNDLICH für ca. 3 Monate neben dem normalen Arbeitsalltag einen Praktikanten. Ich mache das wirklich gern, nicht falsch verstehen, aber das ist eben nochmal Arbeit neben der Arbeit. Aber hey, ist doch alles kein Problem…

Und all diese Dinge sind mir gerade ganz spontan eingefallen. Wer weiß, wie viele “Einsätze” ich noch vergessen habe. Wer also jetzt als Polizist noch mal irgendwann im Jahr einen Samstag auf einen Geburtstag eines Freundes / Verwandten eingeladen ist, oder gar seinen eigenen feiern möchte, hat ganz schlechte Karten. Aber egal… Ist ja alles SELBSTVERSTÄNDLICH.

Nun, ich persönlich habe meine Quittung gleich zu Beginn des neuen Jahres bekommen. Bandscheibenvorfall. Na ja, den muss ich mir wohl beim Faulenzen zu Hause geholt haben. Viel Sitzen und liegen soll ja ungesund sein. Ich bin jedenfalls erstmal raus.

Ich wünsche allen Kollegen bundesweit alles Gute im neuen Jahr und viel Kraft für die kommenden Aufgaben! Ihr werdet sie brauchen.

Der Autor ist uns namentlich bekannt. Der Leserbrief drückt die persönliche Meinung das Autors aus.