Happy End mit Tränen… Lasst eure Hunde bitte registrieren!

19. Februar 2016 at 22:32

Happy End mit TränenAn einem Donnerstag fährt man frühmorgens aus dem Nachtdienst heim, Augen auf Halbmast und eigentlich ist man froh, wenn man heil zu Hause ankommt ohne irgendwo zu unkonzentriert zu sein…

Auf der Rastanlage beim Kollegen ausgestiegen und ins eigene Auto eingestiegen um die letzten Kilometer Richtung Heimat zurückzulegen. Man fährt los und guckt so verträumt aus der Seitenscheiben – und was sieht man?

Unter dem geparkten Sattelzug wuselt irgendetwas Kleines herum.

„Das kann doch nicht sein? Das ist jedenfalls kein Hase und auch keine Ratte – sieht eher aus wie ein kleiner Hund?“, denke ich beim Losfahren, das Gehirn eigentlich schon auf Sleep-Mode und halte an.
„Hm.“ Ich gucke: Weg ist es, das kleine Wusel-Ding.

Und schon melden sich nicht Engelchen und Teufelchen auf meiner Schulter, sondern Bettchen und das große Herz für ein kleines Hundchen: Links das Bett – welch verlockender Gedanke – nach 13 Stunden Nachtdienst endlich schlafen. Rechts der kleine Hund, aus traurigen Augen, zu verwirrt um zu denken und einfach voller Angst in der unbekannten Umgebung.

Okay! Das große Herz hat gewonnen…

Ich fahre zurück, parke mein Auto und steige aus. 4°C, kalter Wind, keine Jacke – wer rechnet auch damit auf dem Heimweg auf einer Rastanlage umher laufen zu müssen?

Es dauert vielleicht knappe 10 Minuten in denen ich einige Meter hin und her laufe und nichts Kleines, Wuseliges mehr sehe. Ich beginne an mir zu zweifeln und der Ruf meines auf der linken Schulter geparkten Bettes wird immer lauter.

Als ich zurück zu meinem Auto laufe und die Tür öffnen will riskiere ich einen letzten Rundum-Blick und: Da ist er – er rennt ziellos und verwirrt auf der asphaltierten Fahrbahn umher.

Ich habe auf der Arbeit schon einige Hunde versucht zu fangen, in den seltensten Fällen hat man Glück, weil diese Wesen vor lauter Verwirrung und Angst einfach nicht in der Lage sind, in diesen Momenten das notwendige Vertrauen zu einem fremden Menschen zu fassen.
Ich knie mich hin, mache mich klein und rufe den kleinen Hund.

Er guckt, bleibt stehen und kommt tatsächlich in meine Richtung gerannt!

Ich drehe mich weg und biete ihm meine Seite an um Kontakt zu mir aufzunehmen. Und er kommt – schnell, zurückhaltend, scheu – aber er kommt. Er streift meine ausgestreckt Hand, beim zweiten Mal kann ich ihm im Vorbeilaufen über den Rücken streicheln. Und beim dritten Mal kriege ich die Handvoll Hund zu fassen!

Ein Mini Yorkshire Terrier habe ich nun in der Hand. Er sieht zerrupft aus, zerzaust. Aber nicht abgemagert und im Bereich des Kopfes fast noch „ordentlich“. Ich denke er kann noch nicht lange unterwegs sein – was wohl passiert sein mag?

Ich gucke umher um kann niemanden sehen der ein kleines Hundchen sucht. Ein LKW-Fahrer steigt aus einem Sattelzug aus. Ich frage ihn, ob er etwas mitbekommen hat, aber er verneint. Kurz später steigt ein weiterer LKW-Fahrer aus. Dieser meint der kleine Hund sei schon seit ca. 05:00 Uhr auf der Rastanlage unterwegs. Ich gucke auf die Uhr: Kurz vor 07:00 Uhr.

Also beschließe ich das kleine Bündel einzupacken und erst mal mit Heim zu nehmen. Für ein paar Tage ist das kleine Ding sicher kein Problem. Daheim angekommen strahlt meine Frau und die Kinder freuen sich auch.

Im Hellen sieht man erstmal, dass der Kleine gar nicht so schlimm aussieht. Dafür kratzt er sich ununterbrochen. Über den Duft, den er ausgeströmt hat, will ich hier nicht referieren. 🙂

Also haben wir den Kleinen kurzerhand in die Wanne gestellt, halbwegs mal sauber gemacht und das Fell gerichtet und ihn dann trocken gefönt. Zum Dank bekommt man mit Mini Zunge die Hände geleckt.

Völlig erschöpft und fertig schläft der Kleine nach einem kleinen Snack in der Hundebox ein.
Was tun sprach Zeus?

Die Einsatzzentrale angerufen und denen in Kürze den Sachverhalt geschildert, falls sich jemand meldet der einen kleinen Yorkshire sucht. Dann die Kollegen von der zuständigen Autobahnpolizei angerufen und diese gebeten, mal bei der Rastanlage nachzufragen. Auch dort war nichts von einem vermissten Hund bekannt. Aber die nette Dame von der Rastanlage hat zugesagt einen Zettel auszuhängen.

Last, but not least in Facebook eine „Fundanzeige“ öffentlich gepostet – ist überhaupt nicht meine Art, dort öffentliche Dinge von mir zu geben!
Aber siehe da – innerhalb einer knappen Woche wird diese Anzeige über 4500 Mal!! geteilt!

Man mag von Facebook halten was man mag, aber für solche Dinge ist es wirklich geeignet…

Am Nachmittag geht es ab zum Tierarzt, nach einem Chip suchen – vergeblich.
Dafür nehmen wir noch ein Mittelchen gegen Flöhe mit, denn der Kleine hat mit denen offenbar ordentlich zu kämpfen.

Es tut sich eine knappe Woche lang nichts, außer dass uns der kleine Racker daheim wirklich ans Herz wächst. Er ist einfach nur dankbar und lieb und ein völlig unproblematischer, kleiner Hund. Mit unseren anderen beiden Hunden versteht er sich auch binnen kurzer Zeit gut.

Wir taufen ihn Brutus – welcher „große“ Name würde besser zu einem 2,7 kg-Hundchen passen? 🙂

Dann – es ist Mittwoch – und ich liege wieder mal nach einem Nachtdienst im Bett, werde ich nach knappen 3 Stunden Schlaf durch mein Handy aus dem Schlaf gerissen. Natürlich könnte man es ausschalten. Aber letztlich wartet man ja doch noch irgendwie auf einen Anruf – auch wenn es einem mittlerweile fast lieber wäre wenn der Anruf nicht käme.

Es ist eine alte Bekannte, Kollegin aus ehemaligen Zeiten von der Autobahnpolizei. Sie sagt: „Du, ich habe einen Anruf bekommen von einer Frau, die ihren Hund vermisst. Sie ist LKW-Fahrerin und hat ihren Yorkshire auf der Rastanlage verloren.“

Ich lasse mir die Daten geben und versuche wieder weiter zu schlafen. Klappt aber nicht.

Mir geht im Kopf herum, ob es wohl die richtige Besitzerin von „unserem“ Brutus ist, hoffe dass es so ist, bange aber auch dass es so ist.

Kurz später kann ich sie erreichen und sie schildert mir wie das zustande gekommen ist:
Sie hat wohl Pause gemacht und den Kleinen (wie immer) ohne Leine und Halsband laufen lassen und „auf einmal war er weg“. Natürlich ist das zuvor noch nie vorgekommen.
Da es aber noch dunkel und er im Grünen verschwunden war und er auch keinen Laut von sich gibt, musste sie die Suche nach längerer Zeit erfolglos einstellen.

Ich stelle mir das schrecklich vor, wenn man – weil man wie in diesem Fall Terminfracht auf dem Sattelzug hat – seinen Hund irgendwo auf dieser Welt alleine lassen und sich selbst überlassen muss. Ich konnte ihre Freunde und Erleichterung am Telefon hören und mir traten die Tränen in die Augen.

Wir telefonieren und verabreden einen Termin, weil sie (natürlich) mit ihrem LKW in Deutschland unterwegs ist. Sie hat Fracht von Bayern aus und wird am nächsten Tag in der Nähe sein und vorbeikommen um den Kleinen wieder abzuholen.

Der Anruf kommt, der Termin kommt näher. Wir (meine beiden Kids und ich) gehen mit den Hunden eine Runde Gassi und laufen so zum vereinbarten Treffpunkt.

Die Freude über das Wiedersehen ist riesig! Frauchen freut sich unglaublich und auch der kleine Brutus (der eigentlich „Bobo“ heißt) freut sich augenscheinlich sehr, sein Frauchen zurück zu haben. (Noch mehr als er sich ohnehin über jeden Menschen gefreut hat.)

Wo sind nun die Tränen?

Um ehrlich zu sein, haben wir alle die eine oder andere Träne verdrücken müssen in Anbetracht des kommenden Abschieds. Schlimmer war es für meine kleine Tochter (9), die sich „live“ von Brutus verabschieden wollte und zur Übergabe mit ging.

Sie weinte sehr. Aber sie hat auch verstanden, dass wir dem kleinen Racker eine schöne Zeit bereitet haben und sie hat auch gesehen, dass sich sowohl Hundchen wie auch Frauchen sehr gefreut haben, sich wieder zu haben.

Und letztlich konnte die Vorstellung, einer unserer Hunde würde einmal weglaufen und gefunden werden, das Verständnis dafür wecken, dass dieser Abschied (wie auch die Rückkehr) viel mehr Freude als Leid bereitet. 🙂

Und:

Im Angesicht der Tränen eines kleinen Mädchens konnten wir dem Frauchen auch das Versprechen abnehmen, den kleinen Bobo für mögliche zukünftige Ausflüge chippen zu lassen – auch wenn sie nicht international unterwegs ist!

Ich möchte hiermit DANKE sagen an die motivierten Kollegen von der Einsatzzentrale, der Polizeiautobahnstation Südhessen, sowie der Tierklinik Bergstraße, Heppenheim​, die kostenneutral eine „kleine Inspektion“ an dem kleinen Kerl durchgeführt hat und allen, die die „Fundanzeige“ geteilt haben.

Und ein APPELL an alle Hundehalter:

Lasst Eure Hunde chippen oder zieht ihnen zumindest ein Halsband mit Namen und Telefonnummer an! Ihr möchtet nicht wissen, was diese armen Wesen in solchen Stunden (oder schlimmstenfalls auch Tagen oder Wochen) mitmachen!