Leserbrief eines Wachpolizisten: Wir sind keine Billigpolizei!

24. Februar 2016 at 0:45

Leserbrief WachpolizeiVergangene Woche berichteten wir über die bundesweiten Bestrebungen, durch Wachpolizisten fehlendes Personal bei der Polizei zu kompensieren. Wachpolizisten haben nicht ganz so viele Befugnisse wie “richtige” Polizisten, sind billiger (sie verdienen weniger) wie ihre Kollegen und haben eine viel kürzere Ausbildungszeit.

Unser Artikel missfiel einigen, dabei hatten wir lediglich die Stimmen aus den genannten Quellen widergegeben und nicht unsere eigene Meinung zu diesem Thema.

Nun erreichten uns die folgenden Zeilen eines Wachpolizisten. Er ist schon ein paar Jahre dabei und konnte daher aus seiner eigenen Erfahrung berichten:

Liebe Kollegen/innen,

als ich Euren Beitrag und die zahlreichen Kommentare zum Thema Wachpolizei gelesen hatte, war ich doch etwas irritiert und betroffen. Machen jetzt meine „eigenen Kollegen“ öffentlich Stimmung?

Ich bin seit etwa 3 Jahren Angestellter bei der hessischen Wachpolizei. Vorher war ich Zeitsoldat bei der Bundeswehr, dort habe ich auch an gefährlichen Auslandseinsätzen teilgenommen.

Nach meiner aktiven Zeit war ich als Führungskraft in der privaten Sicherheitswirtschaft tätig. In den zahlreichen Funktionen war ich für viele Mitarbeiter verantwortlich. Neben diversen Qualifikationen kann ich behaupten über sehr viel Lebenserfahrung zu verfügen.

Gute Voraussetzungen für den Dienst bei der (Wach)Polizei, wie ich finde.

Ich habe mich aus 2 Gründen für die Wachpolizei entschieden: Ich wollte nicht länger meine Lebenszeit damit zu verbringen, das Vermögen meiner Chefs zu maximieren. Ich wollte wieder meinem Land und dessen Bürger dienen, klingt zugegeben etwas pathetisch, trifft aber meine Einstellung sehr genau.

Für den Polizeivollzugsdienst war ich schlichtweg zu alt. Zudem stehe ich mit beiden Beinen fest im Leben, habe Familie und sicherlich nicht die Möglichkeit nochmal 3 Jahre zu studieren. Über den Seiteneinstieg bei der hessischen Polizei war ich sehr dankbar.

Leider musste ich schon in den ersten Tagen meiner Ausbildung erfahren, wie kontrovers die Thematik innerhalb der Polizei behandelt wird. Da gab es Ausbilder, die uns den Rat gaben nach der Ausbildung zu irgendeiner Ordnungsbehörde zu wechseln, weil dies ja viel Interessanter wäre. Oder grenzwertige Kommentare von Kommissaranwärtern in der Kantine.

Man bekam recht schnell ein frustrierendes Gefühl. Man zweifelte auch etwas an sich selbst. Hatte man doch ein Auswahlverfahren bestanden und war einer der 5 Personen, die sich gegenüber 370 Bewerbern behauptete.

Die 4-monatige Ausbildung war straff und alles andere als mal eben kurz angelernt. Man musste zahlreiche Prüfungen überstehen, geschenkt wurde einem wirklich nichts. Wir hatten in der Summe wirklich kompetente und erfahrene Ausbilder, die nicht müde wurden uns mit all ihrer langen Erfahrung als Polizeibeamter „auf der Straße“ für den Dienst vorzubereiten.

Ich fühle mich gut ausgebildet. Nur hätte ich mir nach der Ausbildung eine längere Einarbeitung in die Praxis gewünscht. Anders als bei den den Kollegen der Schutzpolizei, haben wir keine langen Praktika, in denen man unter Anleitung eines „Bärenführers“ sein Handwerk richtig lernt. Wir werden mehr oder weniger ins kalte Wasser geworfen.

Trotz all dieser Umstände habe ich den Wechsel zur Wachpolizei bisher nicht bereut, ganz im Gegenteil. Ich arbeite in einem spannenden Umfeld, habe eine interessante Dienststelle und gute Vorgesetzte. Wir werden gefördert und gefordert.

Viele meiner Kollegen sind seit der Einführung der hessischen Wachpolizei im Jahr 2000 dabei und leisten ihren Beitrag im „System“ Polizei. Es gibt nicht wenige Polizeibeamten, die im Dienstalltag froh sind, dass es uns gibt.

Wir unterstützen ihre Arbeit durch die Erbringung von Tätigkeiten, die eher lästig und zeitraubend sind. Zum Beispiel ED-Behandlungen, Gefangenentransporte und Objektschutzmaßnahmen. In Zeiten knapper Personalressourcen ein guter Weg.

Tatsächlich haben die lautesten Gegner der Institution Wachpolizei im dienstlichen Alltag keine Berührungspunkte mit uns. Wir erfüllen innerhalb unserer zugewiesenen Aufgaben unsere Pflicht. Viele Kollegen sind motiviert und lernwillig.

In einigen gefährlichen Situationen war ich froh das neben mir ein lebenserfahrener Wachpolizist war und nicht ein 21-Jähriger Jungkommissar, der im gutgehüteten Elternhaus zum Abitur kam und dann zur Polizei.

Mir missfällt die Art und Weise mit der momentan auf uns medial „eingeprügelt“ wird.

Man kann sicher über die Länge und Art der Ausbildung diskutieren. Von meinen Kollegen der Schutzpolizei erwarte ich aber eine gewisse Contenance. Es ist wenig konstruktiv mit Halbwahrheiten und angenommenen „Horrorszenarien“ den Schulterschluss mit der Presse zu suchen.

Es sind genau diese Medien, die aus einer völlig rechtmäßig durchgeführten Maßnahme die Überschrift …Polizeigewalt zaubern. Uns hilft es überhaupt nicht.

Der „ACAB-Fraktion“ auf der Straße wird so ein Gefühl suggeriert, dem Wachpolizisten nicht Folge leisten zu müssen. Was bis zu vermeidbaren und unnötigen Widerständen führt.

Wir sind keine Polizei Light, Billigpolizei etc. Wir sind Angestellte im Polizeivollzugsdienst mit einem klar geregelten Auftrag und mit klar geregelten Eingriffsbefugnissen.

Der Autor ist uns bekannt, er möchte anonym bleiben. Der Leserbrief gibt die persönliche Meinung des Autors wider.