Leserbrief: “Warum möchte die Polizei nicht von (Fach-) Hochschulen und dem Arbeitsmarkt profitieren und durch gesenkte Eintrittsbarrieren für ausgebildete Spezialisten die Personalknappheit bekämpfen?”

16. Februar 2016 at 22:43

Ausgebildete Spezialisten schneller ausbilden?

In vielen Tageszeitungen wird derzeit thematisiert, was sich seit vielen Jahren bereits abzeichnet. Nach Angaben der Gewerkschaften DPolG und GdP ist die Polizei unterbesetzt und leidet unter steigender Arbeitsbelastung – alleine in Hessen z.B. fehlen aktuell rund 140 Stellen, um den normalen Dienstablauf zu gewährleisten.

Die Polizei bildet ihre Beamtinnen und Beamten selbst aus, ein Einsteiger durchläuft dabei ein 3 jähriges duales Bachelorstudium als Kommissaranwärter/in.

Scheinbar ideale Voraussetzungen für Bewerber, die sich direkt nach dem Abitur für die Polizeilaufbahn entscheiden und sich ein Leben lang binden wollen. Doch im Zuge steigender Flexibilität entscheiden sich immer weniger qualifizierte Abiturienten für den “sicheren” Beruf als Polizeibeamter/-beamtin, obwohl diese unbedingt benötigt werden – Tendenz steigend.

Wie könnte diese Lücke im System schnellstmöglich geschlossen werden?

Meiner Meinung nach sollte man sich im Zuge des Bewerbermanagements teilweise an betriebswirtschaftlichen Vorgaben orientieren und verstärkt in Humankapital investieren. Auch die Polizei benötigt Polizisten mit speziellen Qualifizierungen in allen denkbaren Bereichen (Psychologie, Betriebswirtschaft, Jura, IT, etc.)

Warum dann nicht parallel zum grundlegenden Studium vom hochqualifizierten Absolventenmarkt der Universitäten und Fachhochschulen profitieren und eigene Ausbildungskosten sparen?

Es gibt so viele Universitätsabsolventen, die direkt nach dem Masterstudium keine Anstellung finden, 50 bis 100 Bewerbungsanläufe in der Wirtschaft sind normal geworden.
Jedes Jahr machen rund 400.000 Absolventen ihren Abschluss an einer Fachhochschule oder staatlichen Universität, Tendenz steigend. Wieso sind die Bundesländer nicht gewillt, Synergien zwischen beiden Institutionen zu schaffen?

Ich bin mir sicher, dass viele Absolventen der benötigten Fachgebiete gerne bei der Polizei einsteigen würden, gerade weil sie aufgrund ihrer Lebenserfahrungen wieder soziale Faktoren stärker schätzen und sich engagieren wollen. Potential, dass der Polizei Semester für Semester verloren geht, weil keinerlei Anreize geschaffen werden. Dabei wäre eine höhere Einstiegsstufe für gesuchte Spezialisten direkt nach dem Polizeistudium schon viel Wert.

Oftmals sind die Masterabsolventen ebenso qualifiziert, wie die Dozenten bei der Polizei. Gerade im Studium lernt man, sich schnell in neue Aufgabengebiete einzuarbeiten. Aus Fachkreisen weiß ich, dass das Polizeimanagement die Problematik erkannt hat, jedoch gibt es derzeit keinen politischen und rechtlichen Spielraum für eine derartige Anpassung des Systems.
Dennoch ist es ein Prozedere, das bei Juraabsolventen für den höheren Dienst schon lange angeboten wird.

Eine verkürzte Laufbahn mit höheren Einstiegschancen. Warum nicht auch für den gehobenen Polizeidienst?

Aufgrund eigener Erfahrungen kann ich berichten, dass zudem bürokratische Hürden einen Einstellungsprozess erheblich erschweren. Vor 10 Jahren wurde ich dienstunfähig und wollte nach meinem Universitätsstudium der BWL (Unternehmensführungs- und Psychologiespezialisierung) wieder bei der Polizei einsteigen. Das Wiedereinstellungsverfahren dauerte dabei mehr als 1 Jahr, obwohl ich mich sehr kooperativ zeigte.

Doch teilweise erhielt ich monatelang nicht einmal eine Rückmeldung auf meine mehrfach schriftlich formulierte Bitte, den Vorgang doch endlich abzuschließen. So verpasste ich 2015 zwei Einstellungsphasen und wurde erst im Februar 2016 eingestellt. Dabei benötigte der eigentliche Einstellungsvorgang lediglich 4 Wochen.

Jetzt werde ich aufgefordert, das komplette Studium erneut zu absolvieren, obwohl mir ein sehr großer Teil an Modulen angerechnet werden könnte. Ich habe nicht nur das Polizeistudium knapp zur Hälfte durchlaufen, sondern auch eine Psychologiespezialisierung, Rechtsmodule, etc. an der Universität belegt.

Auch nach einer möglichen Anrechnung würde ich keinen zeitlichen Vorteil erhalten und müsste dennoch die gesamten 3 Jahre absolvieren.

Das Polizeimanagement selbst könnte eigeninitiativ tätig werden und Strukturen verändern, um flexibel auf Unterbesetzung und schwache Bewerberphasen reagieren zu können. Dabei ist es wichtig, den Schwerpunkt nicht nur auf Abiturienten zu legen, die intern viele lange Jahre ausgebildet werden müssen, bis sie spezielle Aufgaben übernehmen können.

Die Eintrittsbarrieren insbesondere für bereits ausgebildete Spezialisten müssen gesenkt werden und Anreize geschaffen werden.

Die Bundesländer wollen natürlich Kosten einsparen. Doch ein langfristig erfolgreicher Kosteneinspareffekt wird nur erzielt, wenn gleichzeitig das Wachstum der Organisation nicht gehemmt wird und klare und motivierende Strukturen geschaffen werden. Eine wachsende Organisation ist auf herausragende Mitarbeiter angewiesen, die langfristig die Unternehmensstrukturen kreativ entwickeln.

Warum also nicht von staatlichen Hochschulen und dem derzeitigen Arbeitsmarkt auch als Polizeiinstitution profitieren?

Die Menschen bei der Polizei arbeiten mit Leidenschaft und Motivation. Das sollte nicht durch Unterbesetzung, steigender Arbeitsbelastung und Bezahlung nach “Entwicklungsstufen” zerstört werden, denn dann bröckelt die Substanz.

Der Leserbrief gibt die persönliche Meinung des Autors wider. Der Autor ist uns bekannt, möchte jedoch anonym bleiben.