Wenn Polizisten selbst Hilfe brauchen

17. Februar 2016 at 22:11

Wenn Polizisten Hilfe brauchenIm Laufe des Berufslebens eines Polizisten ereignen sich viele Dinge, an die er sich, noch Jahre später, zurück erinnert wird. Manche Dinge werden ihm ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, andere werden ihm, selbst mit vielen Jahren Abstand, noch den Puls in die Höhe treiben und die Hände feucht werden lassen. Manches nicht nur die Hände…

Der Pressesprecher der Polizeidirektion Hochtaunus (Hessen), Siegfried Schlott, hat drei Schülerinnen der Feldbergschule in Oberursel Rede und Antwort gestanden, und dabei einen höchst persönlichen Einblick in das Dienst- und Gefühlsleben eines Polizisten gegeben.

Schlott war nicht schon immer Pressesprecher, er hat selbst 20 Jahre lang den Dienst auf der Straße geleistet und weiß wovon er spricht.

“Stellen Sie sich vor, Sie sind Polizist und sitzen nachts um halb drei auf der Wache. Das Telefon klingelt. Eine ältere Dame meldet sich, weil sie ihre Schildkröte vermisst.” Was so mancher belächeln würde oder als Marotte einer älteren alleinstehenden Dame ansehen würde, bekommt eine andere Bedeutung, wenn man erfährt, dass dieses Tier das einzige Bezugswesen für diesen Menschen in Not ist.

Hiermit muss der Polizist genauso gut umgehen können, wie mit dem hektischen Anruf einer Person, die gerade einen schlimmen Unfall beobachtet hat und über die fünf Menschen, die dort herum liegen sagt: “Es sieht aus, als wären sie tot.”

Aber mit diesem Anruf beginnt erst die Arbeit für die Polizisten. Es gilt den Anrufenden zu betreuen und die Möglichkeit zu geben sich mitzuteilen und ihn mit dem Erlebten nicht alleine zu lassen. Zumindest am Anfang, notfalls muss fachmännische Betreuung her. Aber auch der Unfall selbst muss abgearbeitet werden und was Polizisten dort manchmal zu sehen bekommen, kann das Gefühlsleben schon mal aus der Bahn werfen.

Die Dienstabläufe und die Art der Einsätze sind meist grundsätzlich gleich und unterscheiden sich oft nur in Einzelheiten. Das vereinfacht Polizisten den Dienst und gibt Sicherheit im Laufe der Zeit, eine gewisse Routine aufzubauen. Sie hilft nicht hektisch, sondern angemessen in bestimmten Situationen zu reagieren, sagt Pressesprecher Schlott.

Er spricht auch von gesundheitlicher Belastung, wenn er über den Polizeidienst berichtet. Der Schichtdienst sei nicht gerade gesund. Einerseits körperlich durch den unregelmäßigen Schlafrhythmus, andererseits psychisch durch die Belastungen bestimmter Ereignisse. Bei Verletzten zum Beispiel, oder wenn Kinder betroffen sind.

Schlott erzählt die Geschichte, die er selbst als junger Polizist erlebt hatte. Ein zweijähriger Junge war zu Hause in den Gartenteich gefallen. Die Einsatzkräfte retteten den ertrunkenen Jungen zwar aus dem Wasser und führten die Wiederbelebung durch, aber vergebens. Der Junge starb. “Das ist eine Geschichte, die mich sehr betroffen hat. Ich weiß, ich hätte ihm nicht mehr helfen können, aber dennoch sind das Begebenheiten, die man nicht vergisst”, erinnert sich Schlott.

Nach solchen Situationen ist es der “Freund und Helfer”, der dann selbst Hilfe benötigt. Oder nach einem Schusswaffengebrauch, der zum Glück nur selten vorkommt. Für die hessische Polizei gibt es hier den Zentralen Polizeipsychologischen Dienst (ZPD) in Wiesbaden.

Er steht allen hessischen Polizisten zur Verfügung. Jeder kann sich auf freiwilliger Basis an die speziell geschulten Kollegen wenden, manchmal kommen sie aber auch aktiv auf ihre Kollegen im Einsatz zu.

Im Polizeiberuf treten berufsbedingt vermehrt Gefahren auf. Sei es durch die beispielhaft geschilderten Erlebnisse, oder durch gewalttätige Randalierer, aber die hat es laut Schlott “immer gegeben und es wird sie auch immer geben”.

Auch nach den Silvesterereignissen in Köln werde, so Schlott, die Polizei noch als “Freund und Helfer” wahrgenommen. Allerdings geben es zu früheren Zeiten Unterschiede. Die ältere Generation begegne der Polizei überwiegend mit Respekt und Distanz, bei den Jüngeren finde dies aber mehr auf Augenhöhe statt. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Der Bericht der drei Schülerinnen in der TaunusZeitung endet dann auch mit dem folgenden Absatz:

“Aber völlig gleich, wie wir dem „Freund und Helfer“ in unserer Gesellschaft begegnen. Wir alle benötigen ihn und sind froh darüber, dass wir ihn rund um die Uhr erreichen können, wenn wir in Situationen kommen, in denen wir Hilfe brauchen. Auch im gesamtgesellschaftlichen Empfinden ist die Rolle der Polizei nicht mehr wegzudenken.”

http://www.taunus-zeitung.de/lokales/hochtaunus/vordertaunus/Menschen-wie-du-und-ich;art48711,1850992

Eines sollte jedoch klar sein: jeder Polizist hat als Bürger in Uniform ein Gefühlsleben und ist nur begrenzt belastbar. Bevor diese Grenze überschritten wird, sollte sich jeder darüber klar werden und nicht einfach alles überspielen.

Das Gespräch mit Kollegen oder fachmännische Hilfe, das Eingestehen am Rande der Belastungsgrenze zu stehen, sind keine Gefühlsduselei, sondern wichtige Schritte dahin, körperlich und seelisch wieder auf den Damm zu kommen, damit man anderen wieder helfen kann. Denn darum geht es im Polizeiberuf.