Auslandseinsatz auf Lesbos: Die Arbeit mit den Flüchtlingen war kräftezehrend und ging unter die Haut

28. März 2016 at 18:48

Auslandseinsatz auf LesbosDer 53-jährige Kriminalhauptkommissar Ulrich Suhr verrichtet seinen Dienst eigentlich in Vechta (Niedersachsen). Dort gilt er als Fingerabdruck- und Screeningexperte und diese Qualifikation wurde bei der Überprüfung und Identifikation der Flüchtlinge benötigt.

Auch wenn diese Auslandseinsätze größtenteils von der Bundespolizei geleistet werden, hatte sich Suhr freiwillig beworben. Auslandserfahrung hatte er bereits, so war er zweimal im Kosovo eingesetzt und verbrachte 18 Monate im Auftrag der EU in Bosnien-Herzegowina, wo er unter anderem als Gastdozent für Kriminaltechnik tätig war.

Seine Entscheidung für die freiwillige Bewerbung für den Auslandseinsatz auf der griechischen Insel Lesbos, wo sehr viele Flüchtlinge stranden, die sich aus der Türkei in Richtung Europa auf den Weg machen, begründet Suhr so: “Ich beschäftige mich schon lange sehr intensiv mit der Flüchtlingssituation. Ich wollte einfach helfen und mir vor Ort selbst ein Bild machen.”

Vom 3. Januar bis zum 2. März 2016 war der Kriminalpolizist auf Lesbos eingesetzt und seine Aufgabe war es, sogenannte Gefährder zu identifizieren, gefälschte Ausweisdokumente zu erkennen und die Staatsangehörigkeit zu klären. Der Einsatz findet im Rahmen von Frontex (Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union) statt und Suhr war hier Gastbeamter der griechischen Küstenwache.

Am Anfang lief das Ganze noch mehr schlecht als recht, wie Suhr berichtet. Jeder Ausweislose musste eingehend geprüft werden und hierfür stand anfangs lediglich ein Computersystem in griechischer Sprache zur Verfügung. Die Probleme konnten aber ab dem Februar gelöst werden. War ein Ausweis auffällig oder eine Person, wurden diese der griechischen Polizei zur weiteren Entscheidung übergeben. Aber auch hier hakte es. Suhr kritisiert: “Mit anfänglich eher fragwürdigem Erfolg.”

Die Arbeit war kräftezehrend. Täglich kamen 1.500 bis 2.500 Flüchtlingen auf Lesbos an, zumeist Syrer. Suhr arbeitet 8 Stunden täglich im Dreischichtdienst, ohne große Pause.

Kollege Suhr erzählt: “Es war eine sehr kräftezehrende Arbeit. Wir wurden mit vielen menschlichen Tragödien konfrontiert. Insbesondere bei der Begegnung mit Überlebenden gesunkener Boote. Trotz meiner fast 35-jährigen Erfahrung als Polizeibeamter waren es insbesondere diese Momente, die mir tief unter die Haut gingen.”

Es gab allerdings keine Probleme in den Camps. Die Flüchtlinge zeigten sich diszipliniert, was nach der anstrengenden Reise verwundern könnte. Denn die teils stundenlange Warterei bei widrigen Witterungsbedingungen verlangten von diesen einiges ab. Auch hier zeigte sich, dass das Lächeln eines Polizisten den dankbaren Flüchtlingen viel bedeutete.

Zwei Monate auf Lesbos waren für Suhr im Rückblick nicht nur Leid, menschliche Tragödien und kraftraubende Arbeit, sondern auch Dankbarkeit und Herzlichkeit.

Ob Kollege Suhr sich noch einmal für diesen Einsatz freiwillig melden würde? Die Antwort ist ziemlich eindeutig: “Ich würde es wieder machen. Für mich war es eine sehr interessante Erfahrung”, sagt er.

Suhr hat auch eine Botschaft von seinem Auslandseinsatz mitgebracht: “Ich bin davon überzeugt, dass wir in Deutschland und Europa den Flüchtlingsstrom meistern können, wenn wir konsequent handeln und eine Willkommenskultur leben, anstatt Probleme im politischen Diskurs zu zerreden.”

http://www.nwzonline.de/vechta/auslandseinsatz-geht-tief-unter-die-haut_a_6,1,1212937762.html