Urteil: Statt versuchte Tötung gefährliche Körperverletzung – Unterbringung in Psychiatrie

19. März 2016 at 17:02

Statt versuchte Tötung gef. KörperverletzungVor fast einem Jahr berichteten wir über einen eskalierten Einsatz in Kallmünz (Bayern). Ein Mann griff zunächst seine Mutter, dann einen Arzt und später Polizisten an. Der insgesamt 10-stündige Einsatz, bei dem der Mann die Polizisten mit Säure und einem Flammenwerfer angriff, forderte fünf Verletzte.

Nun fand die Hauptverhandlung vor dem Regensburger Landgericht statt. Während der Beweisaufnahme wurde das Ausmaß der Gewaltbereitschaft des Angreifers vollständig bekannt. Grund für den Polizeieinsatz war der Angriff des 29jährigen Mannes auf seine eigene Mutter.

Die hatte er mit mehreren Schlägen gegen den Kopf verletzt. Die Mutter hatte daraufhin einen Arzt verständigt, der sie wegen des Verdachts auf einen Schlaganfall in eine Klinik einweisen wollte. Als der Sohn den Einweisungsschein sah, griff er den Arzt an.

Mit zahlreichen Faustschlägen und Fußtritten traktierte er den Arzt und würgte ihn anschließend bis zur Bewusstlosigkeit. Dann ging er auf die Straße und beschädigte ein dort geparktes Auto. Passanten verständigten die Polizei.

Die Streife, die als erste am Tatort eintraf, bespritzte der 29jährige, der über einen medizinischen Abschluss verfügt, mit einem Gemisch aus Ameisen- und Essigsäure. Beim späteren Zugriff des Spezialeinsatzkommandos griff er die Beamten mit einem selbst gebauten Flammenwerfer an.

Der Vorsitzende Richter Werner Ebner stellte hierbei fest: “Plötzlich kam die erste Feuerwalze. Der Polizist war vollkommen in den Flammen eingehüllt. Ein Schuss aus der Dienstpistole wäre wohl aus Notwehraspekten vertretbar gewesen.”

Die Polizisten, die mit der Säure angegriffen wurden, musste sich in einem Krankenhaus behandeln lassen. Ebenso die SEK-Kräfte, die durch Rauchgasintoxikation verletzt wurden. Der 29jährige Angreifer wurde bei dem Einsatz ebenfalls verletzt.

Dennoch musste der Richter eingestehen: “Nur glückliche Umstände und das besonnene Vorgehen der Polizei verhinderten, dass in dem Drama mehrere Personen den Tod fanden, darunter auch der Beschuldigte selbst.”

Bei der späteren Durchsuchung der Wohnung des 29jährigen fand die Polizei ein Samuraischwert, eine Machete, einen selbstgebauten Speer, eine Schutzweste und verschiedene Chemikalien, mit denen dieser ohne weiteres explosive Stoffe hätte herstellen können.

Das Urteil:

Da bei dem Angeklagten paranoide Schitzophrenie festgestellt wurde, konnte er wegen erwiesener gefährlicher Körperverletzung nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Er wird in einer Psychiatrie eingewiesen. Der Richter fasste das Verhalten des Angeklagten wie folgt zusammen: “Er sah sich als Opfer eines Komplotts aus Kirche, Staat, Universität, Polizei und Justiz.”

Dem Vorwurf der Staatsanwaltschaft wegen versuchten Totschlags folgte das Gericht allerdings nicht. Zur Begründung hieß es seitens des Gerichts, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass der Angreifer von seiner Tötungsabsicht zurück getreten sei.

Weitere Einzelheiten zur Urteilsfindung und der psychischen Erkrankung des Angreifers kann man den folgenden Links entnehmen:

http://www.br.de/nachrichten/oberpfalz/inhalt/sek-kallmuenz-apotheke-gericht-regensburg-100.html

http://www.mittelbayerische.de/region/regensburg-land-nachrichten/29-jaehriger-muss-in-psychiatrie-21364-art1355984.html

Die Begründung, warum das Gericht nur auf gefährliche Körperverletzung erkannte, mag rechtlich nachvollziehbar sein, wird den Opfern dieser Gewalteskalation allerdings nicht gerecht.

Wie wir erfahren haben, sind die Narben bei den Kollegen, die mit der Säure angegriffen wurden, heute noch sichtbar. Und auch der Kollege des SEK, der plötzlich von Flammen vollständig umhüllt war, dürfte in diesem Moment Todesangst erlitten haben.

Wenn selbst der Richter anerkennt, dass der Einsatz der Dienstwaffe gerechtfertigt gewesen wäre, dann aber nur von einer gefährlichen Körperverletzung ausgeht, weil der Angreifer evtl. von einer (offenbar vorhandenen) Tötungsabsicht nicht doch zurück getreten sein könnte, dann werden derlei Angriffe auf Polizisten herabgewürdigt.