Buchrezension: 110 Gründe, Polizist zu sein

23. April 2016 at 18:30

110 Gründe, Polizist zu seinWir haben auf unserer Seite schon mehrere Bücher von Kollegen vorgestellt, so unter anderem von Tania Kambouri, Cid Jonas Gutenrath und Dieter Schäfer. Vielleicht war das auch der Grund, warum uns vor einigen Wochen eine Email ins Haus flatterte, in dem der Buchverlag Schwarzkopf & Schwarzkopf uns im Auftrag der Autoren das Buch “110 Gründe, Polizist zu sein – Eine Hommage an den schönsten Beruf der Welt” zur Rezension anbot.

Ich als Admin dieser Seite habe das Angebot gerne angenommen und das Buch gelesen. Vorab möchte ich mich beim Verlag und den beiden Kollegen (Autoren) für die Übersendung des Buches bedanken. Auf der Homepage des Verlages heißt es: “Wir wollen keine unkritischen Lobhudeleien, sondern eine faire und gründliche Besprechung des Buches.”

Also dann, hier ist meine Rezension:

Zunächst möchte ich die beiden Autoren vorstellen. Ann-Kathrin Richter und Hanry Haack sind Polizisten in Nordrhein-Westfalen. Sie haben ihr Studium zum gehobenen Polizeidienst 2010 bzw. 2008 abgeschlossen und sind seit dem im Streifendienst tätig. Sie betreiben gemeinsam einen Blog über die Kuriositäten des Dienstalltags. Doch dazu später mehr.

Ziemlich jung, dachte ich zunächst. “Was können diese beiden jungen Kollegen schon in dieser kurzen Dienstzeit alles erlebt haben?”, war mein erster Gedanke, als ich das Buch in Händen hielt. Im Verlaufe des Buches wird man allerdings eines Besseren belehrt.

Wer die Bücher von Tania Kambouri und insbesondere von Cid Jonas Gutenrath kennt, geht mit einer gewissen Erwartungshaltung an ein solches Buch heran. Letzterer schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Demgegenüber schreiben Ann-Kathrin und Henry etwas wohlgefälliger, was mich zunächst etwas zweifeln lies. Erst im Laufe der gelesenen Kapitel wird klar, wie dieses Buch zu lesen ist und die 110 Gründe zu verstehen sind.

So verweisen die beiden Autoren in einem der späteren Kapitel darauf, dass dieses Buch mit “Selbstironie und Humor” verstanden werden möchte. Genau das scheint auch sehr gelungen. So heißt es z.B. im 108. Grund “Weil der Bürger einem seine Arbeit jeden Tag aufs Neue erklärt”:

“Ausnahmslos jeder Polizist und jede Polizistin sind Klugscheißer (…) Als wäre das aber noch nicht genug, werden wir Berufskorinthenkacker mit einem noch schlaueren Wesen konfrontiert – dem ‘Besserwisser’.”

Oh ja, denkt man da als Kollege und weiß genau, was damit gemeint ist. Und Klugscheißer sind wir, dafür werden wir schließlich bezahlt, Selbstironie pur 😉

Im 4. Kapitel “Der Mensch hinter der Uniform” (gefällt mir sehr gut!) heißt es im 31. Grund – und jetzt Jungs und Mädels müsst ihr ganz stark sein und nicht in Schnappatmung verfallen -: “Weil Polizisten die besseren Liebhaber sind”.

Natürlich sind wir Menschen in Uniform nicht besser und schlechter als andere Menschen, das gilt auch für unsere Liebhabereigenschaften. Was hingegen in diesem Kapitel deutlich wird, ist die Tatsache, dass wir Polizisten gerne zu Ende bringen, was wir anfangen. Wenn wir schützend und helfend tätig werden, dann möchten wir zu einem Abschluss kommen, der möglichst alle Seiten zufrieden stellt. Dass das oft nur unter den gegebenen Umständen mal schlechter, mal besser als erfolgreich angesehen werden kann, versteht sich von selbst.

Im Buch “110 Gründe, Polizist zu sein” lernt man sehr viel über den Polizeiberuf und die Polizisten selbst. So wird zum Beispiel erklärt, warum Polizisten oft ein “Affenkotelett” dabei haben und das man damit sogar Verbrecher fangen kann, dass Teamwork bei uns groß geschrieben wird, weil unser Leben davon abhängen kann und dass wir nicht ständig lächeln müssen, obwohl wir bei den vielen Protagonisten, mit denen wir es in unseren Einsätzen zu tun haben, oft am liebsten lauthals loslachen würden.

Man lernt etwas über die bei uns gebräuchlichen Abkürzungen, dass wir auch privat unser Polizist-Sein nicht ablegen können (“Du bist doch Polizist, ich hab da mal eine Frage”) oder wollen (wenn wir beim Einkaufen die abgelaufene Plakette am Auto erkennen oder gleich auf Anhieb sehen, dass der Typ am übernächsten Regal etwas im Schilde führt) und dass wir manchmal nach dem Dienst, wenn wir unseren Privat-Pkw in der Garage abstellen, Taste 2 auf dem Autoradio drücken. Ein lustiger Insider, den man als Nicht-Polizist nach dieser Buchlektüre verstehen wird.

Manche Äußerung der Kollegen in diesem Buch darf man auch kritisch sehen. So heißt Grund 50: “Weil Polizisten regelmäßig kostenlos vom Arzt durchgecheckt werden”. Nun, diesen kostenlosen Check beim Polizeiarzt gibt es nicht überall. Anhand eines konkreten Beispiels berichten die Autoren, warum dieser Check gut ist und in diesem Fall auch das Leben eines Kollegen gerettet hat.

Wie alles im Leben hat aber auch diese Medaille eine Kehrseite, über die wir auf unsere Seite bereits berichtet haben. So wurde dieser Gesundheitscheck in NRW ohne Rechtsgrundlage einfach beschlossen und die Kollegen wussten nicht, was z.B. mit der Blutprobe geschieht (Stichwort: Datenschutz). Der Check ist hier kein freiwilliges Angebot, sondern wird vom Dienstherrn gefordert. Kommt man dem nicht nach, kann die Fahrberechtigung für den Dienst entzogen werden.

Also ist das Buch doch nur Lobhudelei?

Nein, ganz im Gegenteil. Wer die Bücher anderer Kollegen kennt, liest oft von Gewalt, den negativen Seiten des Berufs und halbwegs lustige Einsätze werden eher sarkastisch aufbereitet oder in der uns Polizisten typischen Berichtsform dargestellt (die Bücher der Polizei-Poeten sind hier eine Ausnahme). Das Buch “110 Gründe, Polizist zu sein” ist, wie es im Buchtitel heißt, eine Hommage an diesen Beruf, und zwar im besten Sinne des Wortes.

Es ist eine wohltuend positive Sicht auf das Berufsbild im Allgemeinen und die Menschen in der Uniform im Speziellen. Auf ironische Art und Weise wird mit einem Augenzwinkern ein tiefer Blick in die Polizistenseele gewagt, und der zeichnet uns äußerst menschlich, so wie wir nun mal sind.

Dass die zunehmende Gewalt und Respektlosigkeit in unserem Beruf ein Problem darstellt, wird auch von den beiden Autoren nicht verschwiegen und sie widmen dieser unangenehmen Tatsache das Nachwort. Hier stellen sie auch fest, dass es sicher ebenso viele Gründe gegen diesen Beruf gibt, wie es welche dafür gibt, Polizist zu sein.

Dieses Buch hat es sich allerdings nicht zur Aufgabe gemacht, ein ernstes Bild vom Berufsbild Polizist zu zeichnen. Dem Selbstanspruch, mit Selbstironie und Humor das Thema aufzubereiten, wird es absolut gerecht. Und da man den Humor nie verlieren sollte, ist das auch gut so.

Für wen eignet sich dieses Buch?

Kurzum, für jeden, der sich mit dem Thema Polizei und dem Mensch hinter der Uniform beschäftigt oder auseinander setzen möchte.

Für Polizeibewerber

Dieses Buch eignet sich ganz besonders für jeden, der überlegt, sich bei der Polizei zu bewerben und alle Anwärter. Man bekommt einen tiefen Einblick in den polizeilichen Alltag, belegt mit zahlreichen Beispielen aus der polizeilichen Praxis, und lernt vor allem, warum Polizist zu sein nicht einfach nur ein Beruf ist, sondern Berufung. Abkürzungen und ihre Bedeutungen lernt man ebenso, wie praktische Dinge, die man beachten sollte, weil sie sich in der Praxis einfach bewährt haben, die man aber nicht in der Polizeischule lernt.

Für Bürger

Auch für den Bürger, der ansonsten nichts mit der Polizei zu tun hat, ist dieses Buch informativ. Es wird darauf hingewiesen, dass auch wir Polizisten nur Menschen sind, die vielleicht einen harten Tag mit schwierigen Einsätzen hatten und dann in diesem Moment, wo sie uns gegenüber stehen, nicht unbedingt Mister Charming in Uniform vorfinden. Sie lernen auch etwas über das richtige Verhalten bei einer Verkehrskontrolle, wenn sich ein Einsatzfahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn nähert und das es nichts bringt uns anzulügen, weil man sich damit oft noch weiter in die Bredouille bringt.

Für Polizisten

Zu guter Letzt ist dieses Buch auch unterhaltsam für alle Kolleginnen und Kollegen, die sich in vielen der Schilderungen wiederfinden oder ähnliche Einsätze erlebt haben. Mit einem Schmunzeln denkt man im entsprechenden Kapitel an seine ersten Blaulichtfahrten zurück und an den Adrenalinkick, den man dabei hatte. Oder an die Lügen, die man als Polizist oft aufgetischt bekommt und die demjenigen dann doch nicht halfen, weil wir diese durchschaut haben. Und man registriert wohlwollend, dass von der Marotte, sich am Privat-Telefon mit “Polizei XY…” zu melden oder seinen Status auch privat durchzugeben, auch andere Kollegen “infiziert” wurden. Einmal Polizist, immer Polizist!

Fazit: Absolute Kaufempfehlung!

Buchtitel: 110 Gründe, Polizist zu sein: Eine Hommage an den schönsten Beruf der Welt
Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf
Autoren: Ann-Kathrin Richter und Henry Haack
Seiten: 280
Preis: 9,99 Euro (Ebook nicht vorhanden)
ISBN-10: 3862653854
ISBN-13: 978-3862653850
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Rezension durch MV