Der Tag, an dem ein Kollege meiner Dienststelle erschossen wurde (von Fritz)

9. April 2016 at 22:35

Der Tag, als Dick erschossen wurde

Es ist Mittwochabend, der 13. April 2011, also vor fast genau 5 Jahren. Es ist mein freier Tag, nach einer anstrengenden Woche voller Arbeit. Ich sitze gemütlich mit meiner Freundin auf dem Sofa und gucke Fernsehen. Auf einmal kommen mehrere WhatsApp- und SMS-Nachrichten auf meinem privaten und dem Diensthandy an.

Ich ging nachschauen, ob es etwas wichtiges ist. Während ich auf meine Handys zu laufe kommen im Sekundentakt neue Nachrichten rein. Ich sehe auf dem Display mehrere Nachrichten wie: “Wo bist du?”, “Wie geht es dir?”, “Bist du bei der Arbeit?”, die Nachrichten kommen von Verwandten und Freunden.

Ich rufe einige zurück, bis ich von meiner Cousine (selbst Polizistin) die schreckliche Nachricht erfahre:

Ein Polizist meiner Dienststelle wurde erschossen.

Ich überschütte sie mit einem Tsunami von Fragen. Aber sie kann mir auch nicht mehr sagen. Meine Frau kennt mich und sie wundert es nicht, dass ich direkt meine Sachen nehme und zur Dienststelle fahre.

Auf dem Weg zur Dienststelle schießen mir die Fragen durch den Kopf. Wer ist es?, Wie ist es passiert?, Wer war dabei? Ich bin so abgelenkt, dass ich nicht mal bemerke, dass ich mittlerweile schon an der Dienststelle angekommen bin und den Weg, den ich eben gefahren bin, schon vergessen hatte.

Auf der Dienststelle kommen mir zwei Kolleginnen entgegen, die gerade vom Tatort kamen. In Ihren Gesichtern sah ich Wut und Traurigkeit. Kurz und knapp erzählen sie mir was passiert war:

Es ging um die Festnahme eines 29-jährigen, der zuvor seine Freundin mit einem Feuerlöscher erschlagen hatte. Er war uns als gewalttätiger Stalker bekannt. Der Täter konnte am nächsten Morgen festgenommen werden.

Während wir sprachen kam noch eine Kollegin auf die Wache. Sie ist wie ich noch in Zivilkleidung. Sie hat auch von der schlechten Nachricht gehört und kam direkt auf die Dienststelle um zu helfen. Wir stehen im Innenhof bei den Fahrzeugen und reden über ihn, über Dick. Wir können uns einfach nicht vorstellen, das er gestorben sein soll.

Die Kollegin und ich beschließen unsere Uniformen anzuziehen und uns auszurüsten, um zum Tatort zu fahren. Unterwegs reden wir weiter über Dick, und wie wir vor ein paar Tagen noch mit ihm im Innenhof der Dienststelle eine geraucht haben.

Das ganze Dorf steht voller Polizei- und Rettungsfahrzeuge. Ich unterhielt mich kurz mit Kollegen und ging weiter zum Tatort. Am Straßenrand sehe ich einen Streifenwagen mit einer kaputten Scheibe, der mit Absperrband gesichert ist. Das Fahrzeug scheint in die Schießerei verwickelt gewesen zu sein.

Als ich weiter lief sah ich den leblosen Körper eines Motorradpolizisten. Es muss Dick sein, er liegt alleine auf dem Boden…

Niemand ist bei ihm. In diesem Moment überkommt mich Unverständnis und Wut. Warum ist niemand bei ihm? Warum macht keiner etwas? Warum liegt er noch da?

Ich will zu ihm hin… Allerdings siegen dann doch wieder die professionellen Gedanken und ich will auf keinem Fall Spuren vernichten.

Meine Kollegin und ich fragen den Einsatzleiter, was wir tun können. Er trägt ihr auf, am Tatort zu bleiben und mir zur Wohnung des ersten Opfers zu fahren und diese zu bewachen, bis die Kollegen der “Forensische Opspooring” (Kriminaltechnik) an der Wohnung ankommen.

Ich setze mich wieder in meinen Dienstwagen und fahre in Richtung der Wohnung des Opfers. Wenige hundert Meter weiter kommen mir Kollegen entgegen. Es scheinen Kollegen aus einem Nachbarrevier zu sein.

Bei der Wohnung des Opfers treffe ich ihre Leiche an. Ich hole das Absperrband aus dem Auto und fange an alles abzusperren. Dann sitze ich in meinem Wagen und bewache die Wohnung. Ständig überkommen mich fragen: Warum dies, warum das, WARUM?

Später kommt eine Nachbarin vorbei und bringt Donuts und Kaffee. Sie kann nicht schlafen und erzählt mir etwas über das Mordopfer. Etwas, was für uns sehr wichtig war, wie sich erst später herausstellen wird.

Zurück auf der Wache sehe ich viele Kollegen in Zivil. Es sind Kriminalbeamte und Kollegen ziviler Einheiten aus dem ganzen Land. Es war schön zu sehen, dass alle füreinander da sind, wie eine große Familie.

So sah es dann auch zu Dicks Beerdigung aus:

Rust Zacht, Dick
Ruhe in Frieden, Dick