Onlinewache: Immer mehr Anzeigen über das Internet

17. April 2016 at 17:53

OnlinewachePraktisch, aber…

Seit einigen Jahren gibt es in manchen Bundesländern in Deutschland die Möglichkeit, eine Anzeige über das Internet an die Polizei zu übermitteln. Aus Sicht des Anzeigeerstatters eine praktische Sache, zumindest dann, wenn die Polizei keine Sofortmaßnahmen ergreifen muss. Es gibt aber auch etwas zu bedenken, doch dazu später mehr.

Zunächst ein paar Zahlen: In den Ländern, in denen es eine Onlinewache und damit die Möglichkeit gibt, über das Internet eine Anzeige zu erstatten, haben sich in den vergangenen Jahren die Zahlen kontinuierlich erhöht. Das Angebot kommt also an.

In Nordrhein-Westfalen (NRW) nutzten in 2014 rund 7.000 Bürger die Möglichkeit, online eine Anzeige zu erstatten. Ein Jahr später waren es bereits 69.000 Anzeigen, die die Polizei über das Internet erreichte. In Berlin sieht es ähnlich aus: Waren es 2012 noch 62.325 Onlineanzeigen, erhöhte sich die Zahl im vergangenen Jahr auf 96.775. Eine Steigerung um rund 55 Prozent.

Vom LKA NRW, wo die Onlineanzeigen zentral eingehen und dann an die zuständige Dienststelle weitergeleitet werden, heißt es: “Ein Großteil der Bürger, die online Anzeige erstatten, hätte sich ohne dieses Angebot gar nicht an die Polizei gewandt.”

Der Vorteil aus Sicht des Anzeigeerstatters liegt auf der Hand. So braucht er sich nicht zu einer Dienststelle zu begeben und dort unter Umständen Wartezeiten in Kauf zu nehmen. Er kann bequem von zu Hause aus oder auch von unterwegs per Smartphone die Onlinewache aufsuchen und die Daten online übermitteln.

Dies ist auch erklärtes Ziel der Onlinewache. Die Hemmschwelle, eine Anzeige zu erstatten, soll damit gesenkt werden und die Polizei stellt sich so als moderner Dienstleister dar, der auch über das Internet erreichbar ist.

Die Sache hat aber auch eine Kehrseite. So manche Anzeige, die die Polizei auf diesem Wege erreicht, stellt zwar einen ärgerlichen Sachverhalt dar, erfüllt aber keinen Straftatbestand. Dennoch müssen sich Polizisten damit auseinandersetzen und gegebenenfalls dem Melder eine Rückmeldung geben, auch wenn es sich nicht um eine Straftat handelt.

Links zum Thema:

http://www.rp-online.de/nrw/panorama/internetwache-der-nrw-polizei-opfer-stellen-strafanzeige-per-smartphone-aid-1.5876538

http://www.rbb-online.de/panorama/beitrag/2016/04/internetwache-anzeigen-uebers-internet-zunahme.html

Unsere Notiz zum Thema Notruf und Onlinewache:

https://www.facebook.com/notes/polizei-mensch/wenn-ihr-dringend-hilfe-braucht-w%C3%A4hlt-den-notruf/988770154497740

Unsere Meinung zum Thema Onlinenanzeige:

Grundsätzlich erstattet sich eine Anzeige von der heimischen Couch aus, oder auch weil man z.B. im Zug sitzt und „man gerade Leerlauf hat“, einfacher als sich zur nächsten Polizeistation zu bemühen und dort wahrscheinlich sogar noch warten zu müssen bevor man beraten wird.

Allerdings geht diese Anzeige natürlich zuerst ungeprüft und ungefiltert in Richtung Behörde.

Dort hat dann ein Mitarbeiter die Aufgabe, die Umstände der Anzeige zu prüfen, also ob deren Erstattung gerechtfertigt ist, ob diese überhaupt in den Zuständigkeitsbereich der Polizei fällt oder vielleicht doch eher das Privat- oder Zivilrecht betrifft.

Dann wird – sofern eine Zuständigkeit und strafrechtliche Relevanz vorliegt – die Anzeige an einen Sachbearbeiter weitergeleitet, der diese dann bearbeiten „darf“ und ermittelnd tätig wird.

Was viele „Online-Anzeiger“ nicht bedenken und vielleicht auch nicht wissen (können):

Uns, als Polizei, ist ein persönlicher Kontakt immer lieber als „irgendein“ Schriftstück von „irgendjemandem“! Im Rahmen des üblicherweise, vor der eigentlichen Anzeige erfolgenden Sondierungsgespräches lassen sich viele Fragen schon klären und auch eine Zielrichtung bestimmen.

Unser Ziel ist es primär, dem Bürger helfend zur Hand zu gehen und diesen zu unterstützen. Das ist „nur“ mit einer Strafanzeige oftmals nicht getan, weil sie dem Bürger bei dem Erreichen seines eigentlich gedachten Zieles nicht unterstützt (wie z.B. nach einem Betrug oder einer Unterschlagung sein Geld zurück zu erhalten, was alleine durch die Erstattung einer Anzeige auch nicht passiert!).

Weiterhin entbehrt die „Online-Anzeige“ oftmals nicht der Notwendigkeit, den Anzeigenden dennoch persönlich zu sehen und dieser dann doch vorgeladen und zur Sache vernommen werden muss. Man kann schließlich vom Bürger nicht erwarten, dass er weiß, welche Angaben die Polizei benötigt, damit wir eine Straftat (sofern eine vorliegt) zweifelsfrei nachweisen können.

Auch die Möglichkeit des Stellens eines (evtl. notwendigen) Strafantrages ist nicht bei allen Möglichkeiten der Online-Anzeige vorgesehen.

Die Möglichkeit, online Anzeige zu erstatten ist sicherlich eine sinnvolle Ergänzung um einfache Sachverhalte an die entsprechenden Behörden weiterzuleiten. Sie entbehrt jedoch nicht der Mühe und Zeit (von beiden Seiten!), die notwendig ist, um eine qualifizierte Anzeigenaufnahme durchzuführen.

In einer Notlage gilt sowieso: Notruf wählen!