Freitod, wann wird das (Ver-) Schweigen endlich gebrochen?

9. Mai 2016 at 21:52

Freitod und das (Ver-) SchweigenEin zugegebener Maßen schwieriges Thema, welches immer noch mit Vorurteilen und Verurteilungen behaftet ist. Aber nichts ist schlimmer, als das Thema Tod durch die eigene Dienstwaffe zu verschweigen. Dass dies auch bei der Polizei so ist, zeigt sich auch bei der traurigen Nachricht, welche wir vergangene Woche bekannte geben mussten.

Noch in der Suchmeldung vom 29.04.2015 war von einem 51-jährigem, suizidgefährdetem Polizeibeamten die Rede:

In der Meldung vom 02.05.2016 wird nur noch eine vermisste Person erwähnt, deren Leiche gefunden wurde.

Erst wenn man die weiteren Zeitungsmeldungen studiert, wird klar, dass es sich bei der vermissten Person um den gesuchten Kollegen handelte, was eine Sprecherin der Polizei auf Anfrage der Presse auch so bestätigte. Ebenso die Meldung, dass er seine Dienstwaffe bei sich hatte, wird von der Polizei nicht erwähnt, bei der Presse schon. Lediglich der Hinweis, dass Fremdverschulden ausgeschlossen werden kann, findet Erwähnung.

Selbst wenn es bei der Erstmeldung noch unklar war, wurde die Pressemeldung auch nach der Feststellung, um wen es sich tatsächlich handelte, nicht korrigiert. Natürlich kann man sich seinen Teil zusammen reimen, wenn man recherchiert. Aber sind es die eigenen Kollegen nicht wert, erwähnt zu werden, selbst wenn sie den Freitod gewählt haben?

Wie gesagt, kein einfaches Thema und würde man bei der Polizei damit offener umgehen, dann würde man indirekt zugeben, dass es innerhalb der Polizei Probleme gibt, die manchen zu dieser folgenschweren Entscheidung veranlasst.

Doch wo gibt es keine Probleme? Und nicht jeder Polizist, der zur eigenen Waffe greift, hat Probleme im Dienst. Es gibt auch viele Dinge, die den privaten Menschen in der Uniform zur Verzweiflung treiben. Dazu gibt es auch ausreichende Schilderungen der Polizeiseelsorge. Es sind nun einmal Menschen in Uniform, die mit einigen Vorfällen, unter anderem auch einem dienstlichen Schusswaffengebrauch, an ihre eigenen Grenzen stoßen. Die anfangen, an sich und an diesem Beruf zu zweifeln. Die in Situationen geraten und keinen anderen Ausweg mehr sehen.

Das alles gehört zum Mensch in der Uniform und zur Polizei. Ein Schweigen, das gebrochen werden sollte, damit die Menschen keine Ängste mehr haben und offen damit umgehen können. Das würde sicher einigen helfen den Weg der Hilfe einzuschlagen und Unterstützung zu suchen oder überhaupt erst anzunehmen.

Und die zurück gebliebenen Kollegen, die sich Fragen stellen, müssten sich keine Vorwürfe mehr machen, ob sie die Anzeichen nicht erkannt haben.

Denn hier geht es nicht um eine Statistik oder um einen Ruf, den man eventuell verlieren könnte. Hier geht es um viel mehr. Es geht um einen Menschen, der den Suizid gewählt hat, weil er sein Leben für ausweglos hielt. Es geht um Angehörige, Familien, Kinder, Freunde und Kollegen, denen sich ein geschätzter Mensch selbst aus deren Mitte gerissen hat.

So mancher hat Probleme damit, wenn ein anderer den Freitod wählt. Vorwürfe werden laut, Wut kommt auf, und irgendwann kommen die Selbstzweifel. Aber keiner sollte jemanden deswegen verurteilen, denn solche Nachrichten, auch wenn man diese Form des Todes nicht versteht kann, lösen Trauer aus.

Es würde auch zum Teil eine gewisse Anerkennung sein und der Familie, den Angehörigen und Kollegen helfen, den Verlust zu verarbeiten, wenn nicht das (Ver-) Schweigen über den Freitod gelegt würde.

Es ist keine Schande Fehler zu machen und sie sich einzugestehen. Ebenso ist es keine Schande, bei gewissen Erlebnissen und Umständen nicht mehr weiter zu wissen, verzweifelt zu sein, Todessehnsucht zu verspüren. Viele meistern die Probleme und gehen gestärkt daraus hervor. Im Wissen dieser Umstände zollt man demjenigen vielleicht sogar Respekt, dass er es geschafft hat.

Aber es gehört ebenso dazu, zu scheitern, nicht mehr weiter zu wissen, (an sich selbst) zu verzweifeln. Es soll nicht der Eindruck entstehen, wir würden den Suizid gutheißen oder verharmlosen wollen. Dem ist nicht so! Ganz im Gegenteil sollte es zur Fehlerkultur, auch innerhalb der Polizei, dazu gehören, dass man mal verzweifelt ist und auch darüber sprechen darf, ohne gleich als Weichei da zu stehen.

Dann könnten viele Suizide verhindert werden, nicht alle, aber doch viele. Und wer diesen Weg dennoch wählt, weil die Probleme einfach zu quälend sind und kein Licht am Ende des Tunnels erkennbar ist, dann sollte dieser Mensch dennoch gewürdigt werden als das, was er war: ein Mensch, der eine Lebensleistung erbracht hat, der geliebt und respektiert wurde, der aber an etwas, an jemandem oder an sich selbst gescheitert glaubte.

Bei der Polizei bedeutet das, dass dieser Mensch auch nach seinem Freitod immer noch ein Polizist ist bzw. war und daher auch über seinen Tod hinaus zur Polizeifamilie gehört.

Die Trauer und die Anteilnahme so vieler Menschen in den Kommentaren zu oben genannter Meldung auf unserer Facebookseite sollte eigentlich ein Zeichen sein, dass hier ein Umdenken stattfinden sollte.

Wir sind es den Kollegen zwar nicht schuldig, aber sie sollten es uns wert sein.