Digitalfunk: Wenn es nicht funktioniert und dadurch Polizisten zu Schaden kommen

4. Juli 2016 at 22:43

Wenn der Digitalfunk nicht funktioniert“In Niedersachsen funkts, oder auch nicht. Letzteres ist das Problem, wenn man im Einsatz dringend Hilfe benötigt und der Funk versagt.” Diese Einleitung schrieben wir im Oktober 2014, als bei einem Einsatz ein Polizist durch eine Messerattacke verletzt wurde und seine Kollegin verzweifelt Hilfe rufen wollte. Letztendlich musste sie mit dem Handy den Notruf wählen.

Genau diese Einleitung passt nun auch zu einem Vorfall in Schleswig-Holstein. Dieser ereignete sich bereits am 18. Juni, wurde aber erst jetzt öffentlich.

Ein Routineeinsatz, Jugendlich waren zu laut und störten die Nachbarschaft. Eine Streife begibt sich zum Einsatzort um für Ruhe zu sorgen. Doch dann eskaliert die Situation und die Beamten müssen einen der Jugendlichen festnehmen.

Hierbei werden sie von den anderen – etwa zehn – Jugendlichen attackiert. Die Polizisten müssen Pfefferspray einsetzen um sich selbst zu verteidigen. Doch nicht nur die Kollegen sind das Ziel der Attacke. Auch gegen den Streifenwagen wird getreten und einer versucht gar diesen zu entwenden.

Man stelle sich diese Situation vor. Zwei Polizisten gegen eine Horde Jugendlicher, denen Anstand und Respekt abhanden gekommen war und die nur eines im Sinn hatten: ihren Kumpel zu befreien und es den “Bullen” mal richtig zu zeigen.

Eines war klar, Verstärkung muss kommen. Doch der Funk versagte. Viermal versuchten die Polizisten die Regionalleitstelle Lübeck zu erreichen, um die dringend benötigte Unterstützung anzufordern. Vergebens. Erst beim fünften Mal kommt der Funkspruch durch.

Die Unterstützung kam zwar, aber viel zu spät. Folge der Verzögerung: einer der Beamten wurde am Knie verletzt, die Jugendlichen konnten flüchten und bei der anschließenden Fahndung auch nicht mehr aufgegriffen werden. Die Gewalttäter sind somit unbekannt und entkommen dadurch einer gerechten Bestrafung.

Spurensuche

Hatten die Handfunkgeräte der eingesetzten Beamten einen technischen Defekt? Dies wurde geprüft und ein Fehler konnte nicht festgestellt werden. Ausfall der Basisstation? Auch dies kann ausgeschlossen werden.

Also ein Anwenderfehler? Der Polizist berichtete, dass er zwar nicht die Notruftaste betätigt hatte, sondern mit der Sprechtaste einen “normalen” Funkruf absetzen wollte. Der Vorgang ist so oder so derselbe. Beides hätte nicht funktioniert.

Als erste Maßnahme wurde die Hörsprechgarnitur der eingesetzten Polizisten ausgetauscht, um dort den möglichen Fehler zu suchen und im Falle eines technischen Defekts auf Nummer sicher zu gehen.

Dieser Vorfall macht Landespolizeiamt und Innenministerium nervös, da diese für die Einführung des Digitalfunks verantwortlich sind.

Aus der Landtags-Opposition heißt es: “Beamte im Einsatz müssen sich gerade in Gefahrensituationen hundertprozentig auf ihre Technik verlassen können”. Anwendungsfehler und Ausbildungsmängel seien bislang nicht bekannt geworden, jedoch habe es zahlreiche Beschwerden wegen der mangelnden Zuverlässigkeit des Systems gegeben.

http://www.ln-online.de/Nachrichten/Norddeutschland/Funk-Probleme-Polizist-im-Einsatz-verletzt

So macht scheinbar jedes Bundesland seine eigenen Erfahrung mit der neuen Technik und die Kollegen müssen es mal wieder ausbaden. Und jedes Bundesland verfährt anders, verwendet teils andere Technik, andere Software, lässt mehr oder weniger Basisstationen aufbauen und garantiert entweder eine überwiegende, oder gar keine Funkversorgung in Gebäuden.

Insellösungen und Sparzwang, keine guten Voraussetzungen für eine Technik, auf die man sich im Ernstfall verlassen können sollte. Das Leben von uns Polizisten sollte der Politik schon etwas mehr wert sein!