Gedanken von Astrid Gawronska, Ehefrau eines Polizisten

3. Juli 2016 at 23:11

Gedanken von Astrid

Ist es möglich, für ein solches Attentat wie in Frankreich vergangenen Monat, die passenden Worte zu finden? Ich begebe mich auf den Weg der Suche…

Diese schockierenden Nachrichten bringen mich dazu, dass ich mich, wie aktuell bei dem Horror in Magnanville, frage, wie die Polizisten der RAID mit einem solchen Einsatz umgehen.

Umgehen müssen. Dagegen wehren geht ja wohl kaum…

Kurz nachdem ich diese Nachricht las, hatte ich wie jedesmal, die Bilder dazu im Kopf. Aber nicht etwa, weil ich Bilder bearbeite, sondern, weil ich die Frau eines Polizisten bin.

Die Vorstellung, dass meinem Mann während eines Einsatzes, etwas gesundheitlich Bedrohliches zustößt oder es nachts an meiner Wohnungstür klingelt, weil Kollegen mir „eine traurige Nachricht“ übermitteln müssen, krieg ich nicht aus dem Kopf, sobald mein Mann zum Dienst muss und mir sagt: „Ich geh’ dann mal wieder die Welt retten“.

Das ist ein besonderer Film, der im Kopf abläuft. Ich schaue dann jedesmal noch aus dem Fenster, um meinen Mann „losziehen“ zu sehen… wir grinsen uns immer an, wenn sich Peter nochmal umdreht und dann werfen wir uns einen Luftkuss zu. Immer.

Mein Mann hat mir mal erzählt..und er hat mir VIEL aus seinem Job erzählt… dass Du verlierst, wenn Dir jemand in 10 Meter Entfernung mit einem Messer gegenüber steht.

Verbale Deeskaltionsscheiße sollte man da eher lassen und einfach die Knarre ziehen. Und schießen. Du willst ja Deinen Job weitermachen. Also, musst Du Deinen Arsch retten.

Der Polizist in Magnanville konnte das nicht mehr. Ich stelle mir vor, dass mein Mann aus dem Dienst nach Hause kommt, über die grüne Wiese läuft und sich auf einen schönen Feierabend freut… und plötzlich springt jemand auf ihn zu, um ihn… niederzumetzeln… und ich sehe alles mit an, weil ich grad „zufällig“ am Küchenfenster stehe.

Keine 5 Minuten später wird meine Haustür aufgebrochen und ich kann wohl nur noch mein Leben in 3 Sekunden an mir vorüberziehen sehen, bevor mir das erste mal das Messer in den Bauch gerammt wird. Wenn ich „Glück“ habe, dann hat dieses Monster auch ‘ne Knarre dabei und bläst mir gleich das Licht aus. Schneller Tod. Besser so.

Wir haben Kinder. Keine gemeinsamen, aber es sind und bleiben UNSERE Kinder. Für sie gälte es, ein solches Schlachtfeld aufzuarbeiten, würde ein solcher Fall eintreten, genau wie das kleine, 3jährige Kind in Frankreich, dass alles miterleben musste.

Zurück zu den Einsatzkräften in Magnanville. Mir fällt jetzt… ganz spontan… die Textzeile aus einem Lied ein: „Wie kann ein Mensch das ertragen…“ Einen grausam ermordeten Kollegen vorzufinden…den Attentäter zu erschießen… um dann… weil es ja für die Psyche „noch nicht reicht“, auch die ermordete Ehefrau und ebenfalls Kollegin aufzufinden.

Von wo… BITTE SAGT ES MIR… WOHER kann man all diese Kraft nehmen, um DANN auch noch ein völlig verstörtes, womöglich brüllendes kleines Wesen zu beruhigen, dass den Tod der Eltern miterlebt hat?!

Wie „funktioniert“ das Familienleben nach einem solchen Einsatz…?! Ich bin mir sicher, dass es viele Polizisten und Polizistinnen gibt, die ein solches Ausmaß an gehäufter, psychischer Belastung, versuchen, mit sich selbst auszumachen und ich kann mir vorstellen, dass viele nach Jahren solcher Erlebnisse… an den Bildern, die eventuell irgendwann verblassen, aber nie verschwinden… daran zu Grunde gehen.

Im Job wird der Schalter „umgelegt“, dann läuft der Motor.

Zuhause ist es wichtig, dass man sich, wo auch immer, fallen lassen kann… zerbrechlich sein darf… und auch mal ne scheiß Laune an den Tag legen muss.