Gedanken einer Staatsanwältin

20. August 2016 at 20:56

Gedanken einer Staatsanwältin

„Polizei und Staatsanwaltschaft Hand in Hand gegen das Verbrechen“. So stellt sich manch ein Zivilist die Strafverfolgung vor. Der Staatsanwalt und der Polizeibeamte, welche gemeinsam am Tisch sitzen und eine Strategie besprechen, wie sie dem Verbrecher das Handwerk legen können.

In Realität sieht es (leider) oft anders aus. Die Struktur der Polizei wie auch der Staatsanwaltschaft ist nach wie vor hierarchisch geprägt: Oben Staatsanwalt, unten Polizist. Vor allem die ältere Generation lässt sich nur schwer von diesem Gebilde abbringen.

Oft hört man im Büro der Staatsanwaltschaft „Warum wurde in der Einvernahme dies nicht gefragt“ oder „Warum hat man das nicht auch noch ermittelt“ (Ganz ehrlich, jeder, der schon mal eine Befragung durchgeführt hat weiss, dass kaum eine Befragung in Nachhinein durchgelesen wird, in welcher man sich nicht denkt: Ach, das wäre noch eine Anschlussfrage gewesen…).

Was dabei vergessen geht: Der Staatsanwalt erhält ein (so gut wie) fixfertiges Dossier. Er kennt den Geschehensablauf, er kennt die involvierten Personen sowie die Geschichten dazu.
Der Polizist vor Ort hat nichts davon. Er bekommt einen Funkspruch, rückt vor Ort aus und weiss zuerst mal nichts.

Das Adrenalin ist hoch, die Situation ungewiss, vielleicht muss man sich zuerst noch mit Streitereien zwischen den Parteien oder Beschimpfungen gegen die Polizei auseinandersetzen oder es kommt gar zu einem tätlichen Angriff, den man abwehren muss.

Die Entscheidungen, was man sagt, erfragt oder wie man reagiert müssen innert Sekunden gefällt werden – und zwar richtig, so dass nichts vergessen geht, keine Spuren beseitigt werden, niemand verletzt wird und alles dem Gesetz entspricht.

Ich arbeite selbst als Staatsanwältin. Mein Partner ist Polizeibeamter. Ich muss zugeben, anfangs ging es mir ähnlich. Ich hatte schlicht keine Ahnung, was der Polizeiberuf so mit sich bringt.

Ich dachte immer, die Polizei muss das wissen und das können, weil die sind ja ausgebildet. Dass je nach Situation Faktoren hinzukommen, welche man schlicht nicht trainieren kann, daran habe ich nie gedacht. Die „Erleuchtung“ kam dann durch die Beziehung zu meinem Partner.

Natürlich haben wir auch über die Arbeit gesprochen, und plötzlich öffneten sich mir neue Sichtweisen. Ich habe nun verstanden, dass gewisse Dinge in der Hitze des Gefechts untergehen können. Ich habe auch verstanden, dass in manchen Situationen die Strafprozessordnung zweitrangig und der Eigenschutz erstrangig ist.

Ich habe verstanden, dass der Polizeiberuf nicht immer nur spannend und aufregend ist, sondern dass der Spagat zwischen Menschlichkeit und Gesetz zum Teil schwierig ist.

Und ich habe vor allem verstanden, dass das Unverständnis zwischen der Polizei und der Staatsanwaltschaft grundsätzlich ziemlich leicht behoben werden könnte – nämlich durch Austausch. Austausch von Kritik, von Lob, von Informationen und von Wissen.

Ich möchte in keinster Weise der Staatsanwaltschaft (oder der Polizei) unterstellen, dass diese Kluft in böser Absicht erschaffen wurde und am Leben gehalten wird. Es ist schlicht und einfach so, dass die beiden Seiten sich zu wenig kennen (und da meine ich den „normalen“ Streifenpolizist und der Staatsanwalt) und sich zu wenig Gedanken über die Arbeit der anderen Behörde machen.

Deswegen ermuntere ich meine Kollegen sowie auch die Kollegen meines Partners, die Brücke zu schlagen und Sachen anzusprechen, was besser werden kann oder was nicht gut war. Nur so kann zum Umdenken angeregt werden. Und oft klären sich Missverständnisse (und Unverständnis) bereits durch die Frage wie „Kannst du mir das kurz erklären, das habe ich nicht ganz verstanden“.

Durch meine Beziehung zu einem Polizeibeamten probiere ich stets, auf einen besseren Austausch hinzuwirken. Es gelingt leider nicht immer, aber gut Ding will Weile haben. 🙂

Ich denke jedoch, eine gute Zusammenarbeit ist unumgänglich. Denn schlussendlich profitiert davon nur einer – und das ist der Delinquent.

Die Autorin ist uns namentlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben. Dieser Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autorin wider.

Wir möchten uns bei ihr für diese klaren Worte bedanken und hoffen, dass sie Anregung für beide Seiten sein können: Staatsanwaltschaft und Polizei.