Gedanken von Sara: Polizisten – Menschen werden wegen ihrer Uniform entmenschlicht

14. August 2016 at 2:16

Polizisten - Menschen werden wegen ihrer Uniform entmenschlichtSara ist eine Außenstehende, sie ist keine Polizistin. Dennoch hat sie sich Gedanken darüber gemacht, warum Polizisten von manchen Menschen oder auch Gruppen entmenschlicht werden.

Entmenschlicht – was für ein unmenschliches Wort! Und dennoch trifft es die Sache auf den Punkt. Aber lest selbst:

Während meines Pädagogikstudiums fragte ich mich oft, wie es möglich sein kann, dass augenscheinlich ganz normale Menschen in Bezug auf Polizeibeamte plötzlich kein Mitgefühl mehr haben.

Wie kann man in jedem Bereich Pro-Mensch sein, den Menschen in Uniform aber aus dieser Moral ausnehmen? Eigentlich passt das überhaupt nicht zusammen. Es sei denn, der Mensch in Uniform wird entmenschlicht, in dem er auf das Instrument einer Institution reduziert wird.

Wer nämlich kein Mensch mehr ist, auf den kann man auch ohne schlechtes Gewissen einen Brandsatz werfen, und es ist vom Gefühl her bloß so etwas wie Sachbeschädigung, vielleicht aus einem Protest heraus, nichts Schlimmes. Danach können diese Menschen nach Hause gehen, und nett und anständig zu ihren Familien sein, obwohl sie gerade einen Mordversuch hinter sich haben, vielleicht sogar gegenüber einem Mitmenschen, der ebenfalls eine Familie hat.

Man könnte glauben, dass Menschen, die derartiges machen, einfach nur unbelehrbar kriminell sind, oder eben nicht über die nötige Intelligenz verfügen, doch es sind auch ganz normale Bürger, die eine aggressive Grundstimmung gegenüber Polizeibeamte in sich tragen, und bereit sind, diesen jegliche Menschenrechte abzusprechen.

Manch einer mag denken, dieses Thema ginge ihn nichts an, weil es nur Polizeibeamte betrifft, doch er vergisst, dass das systematische Entmenschlichen auch andere Gruppen treffen kann, und vielleicht eines Tages auch ihn selbst.

In einer ethisch aufgeklärten Gesellschaft dürfte es nicht salonfähig sein, Menschen in Uniform die Menschenrechte abzusprechen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass der Dialog mit dem Bürger gefördert wird. Es muss investiert werden, in alles, was kommuniziert, dass der Mensch in der Uniform kein Roboter einer Institution ist, den man beschimpfen und angreifen kann, als ob zwischenmenschliche Normen und Regeln plötzlich nicht mehr gelten.

Was macht das Entmenschlichen mit dem Menschen in Uniform?

Was macht jahrelanges Entmenschlichen mit diesem Menschen, und wer fängt all diese Gefühle auf?

Ich habe die Gewerkschaften kontaktiert, und gefragt, ob es Material dazu gibt, welche psychologischen Schutzmechanismen Polizeibeamte für sich selbst entwickeln, und wie es mit Sarkasmus aussieht, doch ich bekam die Antwort, dass es dazu kein Material gibt.
Eigentlich hätte ich gerne meine Magisterarbeit darüber geschrieben, doch ich hatte einfach nicht genug Quellen mit denen ich mich befassen konnte. Quellen, die explizit auf diese Problematik eingehen.

Dies bedeutet, dass der Staat selbst auch entmenschlicht, wenn es keine oder kaum Forschung gibt, mit dem Ziel diese Gefühle ernst zu nehmen, und zu helfen. Zerrüttete Familien, Depressionen, Alkoholismus, Suizid und Burnout kommen unter Polizeibeamten so häufig vor, dass es genug Gründe gibt, um zu erforschen, inwiefern das Entmenschlichen seitens vieler Bürger die Seele belastet, und nicht nur der Schichtdienst.

Wenn ich mich selbst frage, was es mit mir machen würde, eine Arbeit auszuüben, in der ich dauernd damit konfrontiert werde, dass mir meine Persönlichkeit und meine Emotionen abgesprochen werden, spüre ich sofort Beklemmung, denn das emotionale Grundbedürfnis eines jeden Menschen ist das Angenommenwerden.

Jeder Polizeibeamte muss als Mensch damit klarkommen, dass ihm das regelmäßig abgesprochen wird. Jahrzehntelang.

Alles was während des Dienstzeit geschieht, professionell zu nehmen, funktioniert nur bedingt, wenn man einer Tätigkeit nachgeht, die einen immer wieder vor neue Situationen stellt, die man nicht voraussehen kann. Also ist der Beruf eine knallharte emotionale Herausforderung, und der Mensch der ihn ausübt, verdient definitiv Anerkennung und Verständnis.

Sarkasmus ist bei vielen Polizeibeamten das unmittelbare Mittel, um sich selbst zu helfen, Distanz zum Geschehen zu bekommen. Es ist ein schneller Weg, wenn man keine Zeit dafür hat, in sich zu gehen, um zu verhindern, dass Situation, Angreifer oder Pöbler nicht zu tief in die Seele dringen.

Doch Sarkasmus als Distanzmittel ist leider auch tückisch, denn es ist kein echtes Verarbeiten, und zieht womöglich private Probleme nach sich, weil sich dieser Sarkasmus für die eigene Familie wie Hartherzigkeit anfühlt.

Vielleicht hört auch während einer Maßnahme ein Bürger einen sarkastischen Spruch, und empört sich, weil er “den Nachweis” glaubt zu haben, dass Polizisten tatsächlich emotionslos, also keine echten Menschen sind, und sich nun berechtigt fühlt, lautstark zu verkünden, wie sehr er auf gerade diese Polizeibeamten herabsieht. So wird das, was als Distanzhilfe dienen sollte, plötzlich zur Falle.

In anderen Berufsgruppen würde nicht einfach so akzeptiert werden, dass Mitarbeiter sich jahrzehntelang mit Entmenschlichung, und den daraus resultierenden Problemen auseinandersetzen müssen. Zumindest aber würde es deutlich thematisiert, und Maßnahmen ergriffen werden, um daran etwas zu ändern.

Dieses Thema betrifft schließlich nicht weniger als die Menschenrechte, und verdient auch in Bezug auf Polizeibeamte Priorität.

Wir danken Sara für diese wichtigen Überlegungen und hoffen, dass sie weite Verbreitung finden und den ein oder anderen in sich gehen lässt!