„Verkehrsunfall eingeklemmte Person“

8. September 2016 at 1:36
„Verkehrsunfall eingeklemmte Person“

Bild: Matthias Böhl via Facebook

Nüchtern und steril klingt diese Meldung. Und doch ist sie viel mehr als das, viel mehr als nur eine Meldung. Was steckt hinter so einer „Meldung“? Insbesondere stecken Schicksale dahinter. Nicht nur die der Betroffenen Verkehrsteilnehmer, sondern auch pro Beteiligtem etwa 100 weitere. Die der Familien, der Arbeitskollegen, der Lebenspartnerinnen und –partner, der vielen, vielen Freunde, die der Vereinskollegen, der Nachbarn und Bekannten. Die der Schulkollegen, die des Jahrganges, der Dorfbevölkerung und die aller, die jetzt in dieser Aufzählung vergessen wurden.

Und es stecken nicht nur Schicksale dahinter, es steckt auch eine große, ineinander greifende Maschinerie dahinter, die versucht, die ihr anvertrauten Leben zu retten. Was bedeutet es, für jeden dieser „Beteiligten“, wenn diese nüchterne und sterile Meldung „Verkehrsunfall eingeklemmte Person“ geschrieben wird? Was geht dann in den Menschen vor?

Wo fängt der „Verkehrsunfall eingeklemmte Person“ an? Der beginnt natürlich bei den betroffenen Verkehrsteilnehmern.

Der Betroffene Verkehrsteilnehmer

Bei denen, die vielleicht merken, wie ihr Auto außer Kontrolle gerät, nach rechts auf den Randstreifen, oder in den Gegenverkehr. Es bleiben nur noch Bruchteile von Sekunden. Das, was in der Fahrschule gelernt wurde, unter Umständen vor vielen, vielen Jahren, muss nun abgerufen werden. Doch das funktioniert nicht immer. Oft zeugen meterlange Bremsspuren noch vom verzweifelten, oft hilflosen Versuch, die nahende Tragödie zu verhindern.

Was geht im Moment des Aufpralls und kurz danach in den Betroffenen vor? Jemand, der das Glück hat, noch nicht in einer solchen Situation gewesen zu sein, vermag sich das nicht vorzustellen. Und auch, wenn man von Berufswegen öfter mit solchen Themen konfrontiert ist, so fehlt doch oft die Vorstellungskraft, diese Frage adäquat beantworten zu können.

Der Ersthelfer

Was geht in den Menschen vor, die vor 20 oder 30 Jahren ihren Führerschein gemacht haben und seitdem auch nichts wieder von Erster Hilfe gehört haben? Die aber vielleicht noch gesehen haben, wie der Wagen eingeschlagen ist, und die jetzt – wenige Sekunden oder Minuten später – zum qualmenden Fahrzeug kommen? Vielleicht hören sie die Verletzten schreien, vor Schmerzen und in Todesangst. Vielleicht hören sie neben dem Zischen des Wassers, was auf den heißen Motor tropft auch gar nichts. Vielleicht herrscht auch Totenstille und es gibt überhaupt gar keine Geräusche. Vielleicht riecht es nach Kraftstoff, nach Öl und Benzin. Vielleicht qualmt das Fahrzeug. Vielleicht riecht es auch nach verbranntem Fleisch, geschmortem Kunststoff, oder nach erbrochenem Mageninhalt.

Weiß der erste hinzukommende Passant, was er jetzt tun muss? Soll er zuerst die Unfallstelle absichern? Soll er lieber erst den Notruf wählen? Soll er mit den Verletzten sprechen und an ihrer Seite bleiben? Wo ist sein Verbandkasten? Was passiert, wenn er nichts tut? Ist die Gefahr groß, etwas falsch zu machen? Wie lautet überhaupt die Notrufnummer? Vielleicht kennt der Ersthelfer die Beteiligten. Was soll er später den Angehörigen sagen, wenn sie ihn fragen werden? Muss er sich Sorgen machen, zu spät zur Arbeit zu kommen? In der heutigen Zeit gibt es tatsächlich Arbeitgeber, denen „Erste Hilfe bei einem Unfall geleistet“ nicht als Entschuldigung gilt.

Der Ersthelfer muss jetzt die Zeit bis zum Eintreffen professioneller Helfer überbrücken. Von ihm hängt nun viel ab, alles wird ihm abverlangt. Situationen, die völlig aus dem Ruder laufen, die er sonst im Normalfall nie geboten bekommt, muss er jetzt beherrschen.

Der Leitstellendisponent

Meist viele Kilometer weiter sitzen Menschen an ihrem Arbeitsplatz, die jetzt den Hilferuf eines verzweifelten Ersthelfers entgegennehmen. Im Hintergrund ist es laut. Hektische Stimmen, Motorgeräusche vorbeifahrender Autos, Hupen, Schreien der Verletzten. Der Empfang am Telefon ist schlecht.

„Kommen Sie schnell, hier ist ein schwerer Unfall passiert“, hört der Disponent am Telefon. „Wo sind Sie?“, „Wie viele Verletze gibt es?“, „Brennt der Wagen?“, „Sind Menschen eingeklemmt?“, „Ist ein zweites Fahrzeug beteiligt?“; „Ist die Straße blockiert?“, „Laufen Öl und Benzin aus?“, so viele Fragen, die für den Disponenten und die Unfallbeteiligten absolut wichtig sind, bleiben unbeantwortet. Der Disponent muss nachhaken, um die richtigen Rettungsmittel alarmieren zu können.

„Reden Sie nicht so viel, kommen Sie endlich!“, ist die panische Antwort des Anrufers. Diskutieren kann der Disponent nicht. Das Auge an der Unfallstelle hat er nicht. Nur das Ohr am Telefon. Ihm sitzt die Zeit im Nacken. Rund 40 Sekunden – länger sollte seine Abfrage, die Alarmierung und das Ausrücken der ersten Kräfte nicht dauern. Zu der Zeit sitzt er schon viele Stunden an seinem Arbeitsplatz.

Der Notarzt

Der Internist war gerade im Krankenhaus beschäftigt. Nach einem schlechten Untersuchungsergebnis hat er gerade mit einem Patienten besprochen, dass es für ihn nur noch eine sehr schlechte Prognose gibt. Der Senior bräuchte den Arzt jetzt für so viele offene Fragen, ein ruhiges und aufklärendes Gespräch. Der Melder in der Kitteltasche hat Alarm geschlagen. Um dieses wichtige Gespräch schnell abzuschließen, hat der Arzt den Text gar nicht gelesen, nur den Melder bestätigt, damit er nicht erneut in der Tasche schrillt und die letzte Minute des viel zu knappen Gesprächs stört.

Einige Zeit wird der Rettungsassistent mit dem Notarzteinsatzfahrzeug bis zum Krankenhaus brauchen. Die kann der Arzt noch nutzen, seinem Patienten wenigstens halbwegs angemessen zu erklären, wie es nun weitergehen soll. Dann wird’s aber auch Zeit, an der großen Glasfront des Krankenhauses ist schon das Blitzen des Blaulichts vom NEF zu sehen, die Pressluftfanfaren des Rettungswagen bahnen sich bereits einen Weg durch den zähen Stadtverkehr.

Heizkisten“ mag der Arzt jetzt denken. Die Einsatzstiefel sind nicht auffindbar, keine Zeit. Muss so gehen. Jacke liegt im Auto. Der Arzt steigt zu. „Was liegt an“? ist die Frage an den Rettungsassistenten. „Verkehrsunfall eingeklemmte Person“, seine nüchterne, sterile Antwort. „Ein Traumapatient … ich bin Internist. Na, kriegen wir schon hin. Scheiße, jetzt keine Stiefel dabei“, sind die stummen Gedanken des Mediziners dazu.

Der Rettungsassistent im NEF

„Verkehrsunfall eingeklemmte Person“ liest er nüchtern und steril in seinem Melder. „Nicht schon wieder“, sagt er sich vor, während die Erinnerungen an den letzten Einsatz dieser Art hoch kommen, bei dem damals ein Mensch gestorben ist. „Jetzt aber schnell, dass wir da noch rechtzeitig kommen!“. Mit Blaulicht vors Krankenhaus. Wie immer ist die Zufahrt durch Privat Pkw zugestellt, die dort nichts zu suchen haben. Eine Minute gewartet.

„Wo bleibt der jetzt? Das gibt’s wohl nicht“, denkt der Assistent sich. Die Blaulichter blitzen. Heizkiste? Nein, rechtzeitig ankommen. Dann kommt der Arzt ins Auto. Nach der Frage des Einsatzgrundes wortlos. Mit Turnschuhen. Ein schlechter Arzt? Nein! Einer der besten, die es gibt.

Das Rettungsteam im RTW

Ähnliche Gedanken, wie beim NEF Assistenten. Sie werden wohl ersteintreffend sein. Die Algorithmen werden im Kopf durchgegangen. Das Team kennt sich noch nicht lange. Trotzdem muss es nun funktionieren. Ein Menschenleben hängt davon ab. Traumatasche, ABCDE-Schema, Sauerstoff – es darf nichts vergessen werden. Helme aufziehen, Jacken an. Auch bei 30 Grad. Eigenschutz.

Die Verkehrsteilnehmer wissen wie so oft nicht, wie sie sich bei Annäherung eines Rettungsfahrzeuges zu verhalten haben. Bleiben mitten auf der Straße stehen, biegen schnell noch ab. Rückstau. Bremsen. Anfahren. Blaulicht und Martinshorn laufen. Heizkisten? Nein, rechtzeitig ankommen.

Der Feuerwehrmann

War gerade beim Mittagessen mit der Ehefrau. Die hat heute Geburtstag. „Verkehrsunfall eingeklemmte Person“, war seine nüchterne und sterile Entschuldigung. Dann war er weg. Wie so oft. Viele Ehen sind daran schon zerbrochen. Aber hier ist ein Mensch in Lebensgefahr. Auf dem Weg zum Gerätehaus erkennt niemand, dass er schnell durch muss, um helfen zu können. Raser? Heizkiste? Nein, rechtzeitig ankommen.

Was wird vor Ort los sein? Brennt der Wagen? Laufen Betriebsmittel aus? Wie sind die Verletzen eingeklemmt? Tausend Fragen schießen dem Versicherungskaufmann, wie dem Maurer, dem Pfarrer und dem Fabrikarbeiter durch den Kopf. Sie alle haben jetzt die Aufgabe, das ihnen anvertraute Leben gemeinsam zu retten. In ihrer Freizeit. Neben dem Beruf. Mit Schere, Spreizer, Zylinder, Hebekissen und ihrem unglaublichen Fachwissen. Mit allem eben, was sie haben.

Der Hubschrauberpilot

Gerade im Dämmerschlaf gewesen, der Melder schrillt. Das Herz pocht, die Schläge sind am Hals spürbar. Nicht etwa, weil er aufgeregt ist. Sondern, weil der Melderton so durchdringend ist, wie man es sich kaum vorstellen kann. Jedes Mal aufs Neue. Raus an die Maschine, Triebwerk anlassen, Adresse ins GPS eingeben, während die komplexen Systeme hochfahren. Zusätzlich auf die Fliegerkarte schauen. Zur Sicherheit. Von wo kommt der Wind, wie ist das Wetter, wie viel Sprit haben wir, welche Kliniken können wir anfliegen, wie sieht die Örtlichkeit aus. Leitungen? Funkmasten? Windräder? Drohnen? Staubige Gegend? Straße gesperrt und breit genug? All das muss er nun abklopfen.

Dann sind die 70 Sekunden auch schon rum. Die Maschine ist warmgelaufen. Bereit, den Wettlauf mit dem Tod zu beginnen. Los geht’s – mit 280 Km/h.

Der Polizeibeamte

War gerade bei einer „unnötigen Laserkontrolle“. Dass überhöhte Geschwindigkeit die häufigste Ursache für schwere Verkehrsunfälle ist, ist eine Ausrede, um das Ego aufzubessern. Nach dem Einsatzbefehl durch die Leitstelle wird die Kontrollstelle blitzschnell abgebaut, als gerade ein Motorradfahrer mit rund 180 km/h über die Landstraße rast und hupt. Ihn hätten sie kriegen müssen. Aber geht nun nicht, sie werden jetzt dringend gebraucht.

Mit Blaulicht und Martinshorn überholen sie die Autos, die sie kurz vorher wegen zu schnellem Fahren angehalten hatten. Heizkisten, oder unverschämt? Nein, rechtzeitig ankommen. Sie müssen die Straße sperren, damit der so dringend benötigte Rettungshubschrauber landen kann. Außerdem steht ihnen gleich die schwere Aufgabe bevor, zu klären, wie es zu dem Unfall gekommen ist.

Und, noch viel schwerer: Sie müssen die Angehörigen benachrichtigen und im Unfallwrack die wichtigsten persönlichen Dinge der Unfallbeteiligten zusammensuchen. Im Blut wühlen, Einblick in intimste Lebensbereiche erhalten. Ungewollt. Stundenlange Rekonstruktionen und Absperrmaßnahmen schließen sich an. Überstunden an den Acht-Stunden Dienst.

Und schnell muss das gehen: Die Führung möchte alles schnell geschrieben haben. Keine Zeit für persönliche Gedanken, die rot-grüne Landesregierung spart weiterhin an der Polizei. Kein Platz für Gefühle, die passen nicht in den Zeitplan, der von ganz oben vordiktiert wird.

Trotzdem haben sie diese Gefühle und nehmen sich für jeden die Zeit, die gebraucht wird. Auf eigene Kappe.

——————–

Zitiert von Matthias Böhl via Facebook