Verwaltet die Polizei die Kriminalität nur noch?

15. Oktober 2016 at 19:40

Verwaltet die Polizei die Kriminalität nur noch?Ein Blick in die polizeiliche Praxis (von Peter)

Kürzlich erschien bei der BZ Berlin eine Kolumne von Gunnar Schupelius, er äußert sich öfter zu politischen und auch polizeilichen Themen und liegt mit seinen Schlussfolgerungen oft richtig. Diese Kolumne beschäftigt sich mit der Anordnung des Polizeipräsidenten, dass Taschendiebstähle nur noch dann bearbeitet werden sollen, wenn die Ermittlungen erfolgversprechend sind.

Schupelius hat Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Anordnung und wirft die Frage auf, ob die Polizei die Kriminalität nur noch verwaltet. Dabei gibt Schupelius nicht einmal der Polizei die Schuld dafür, sondern der Politik:

“Dem Polizeipräsidenten kann man die Schuld vielleicht gar nicht geben. Er muss mit dem auskommen, was er hat. Die Politiker sind es, die die Polizei nicht anständig ausrüsten wollen. Innensenator Henkel hat sich an der SPD dabei die Zähne ausgebissen. Und jetzt wird es noch schlimmer.

Denn jetzt kommen Linke und Grüne zum Zuge. Bei denen steht die Sicherheit der Bürger ganz klein und weit hinten im Wahlprogramm. Sie beschäftigen sich hauptsächlich damit, wie man die Macht der Polizei einschränken könnte. Die Linken wollen den Einsatz von Pfefferspray erschweren und die Grünen die Polizeihunde abschaffen.”

Kollege Peter aus Berlin gibt Einblick in die polizeiliche Praxis und gibt Schupelius damit direkt eine Antwort auf die von ihm aufgeworfene Frage, ob die Polizei Straftaten nur noch verwaltet. Und das hier geschilderte ist nicht nur in Berlin so:

Ein paar Gedanken zur Kolumne von Schupelius

Im Raum steht der Vorwurf, dass Straftaten „nur“ noch verwaltet werden

In der Kolumne von Herrn Schupelius steht unterschwellig der Vorwurf, dass Taschendiebstähle nur noch verwaltet werden.

Ich plaudere mal wieder aus der Praxis …

Ein Nachmittag in Berlin, der Abschnitt 32, direkt neben dem Alexanderplatz. Der hotspot für Touristen schlechthin.

Meine Aufgabe für heute ist die Anzeigenaufnahme … und ich ahne, was mich erwartet, denn täglich grüßt der Pandabär (oder wer auch immer das war).

Dienstbeginn 10:00, ich komme also rechtzeitig an und sehe, dass der Gang zur Wache schon voll ist. Die Opfer unterhalten sich und mir ist klar, dass es ein Tag wird, an dem ich nur englisch sprechen werde, weil es einfach Touristen sind, die sich bestehlen lassen.

Das Standard Szenario …

Familie, als Touristen unterwegs, kommen zum Abschnitt, weil die Brieftasche gestohlen wurde. Das gesamte Gespräch erfolgt natürlich in englischer Sprache …

„Wann haben Sie den Diebstahl denn bemerkt?“

„Na hier, jetzt, am Alexanderplatz“

„Sind Sie mit der Bahn oder dem Bus hierher gefahren?“

„Mit der Bahn vom Zoo“

„Ok, wann sind sie denn gefahren und mit welchem Zug? Und in welchem Abteil?“

„Na, so zwischen 1 und 2 … irgendwo in der Mitte…“

Würde als bedeuten, dass Videomaterial von einer Stunde für 4 Waggons von 12 Zügen gesichtet werden müsste. Sofern der Diebstahl auch im Zug passiert wäre. 4 Waggons macht 8 Kameras mal 12 Züge und eine Stunde Auswertung pro Kamera … 96 Stunden Video schauen. Oder anders ausgedrückt, über zwei Wochen nichts anderes tun, als Videos schauen und hoffen, eine Tat zu erkennen, bei der ein anonymer Täter möglicherweise gesehen wird.

Macht echt Sinn ….insofern wird die Anzeige recht knapp geschrieben, weil draußen schon die nächsten vier Opfer warten.

Eine Anzeige, die von vornherein keine Aussicht auf Ermittlung der Täter hat.

Ein anderes Szenario…

Opfer kommt zum Abschnitt

„Mein Telefon ist weg“

(erster Gedanke von mir: dann pass doch drauf auf)

„Was ist passiert?“ (Ich bin ja schließlich Profi)

„Naja, da kamen diese Leute, die Spenden sammeln, haben mir irgendwas vor die Nase gehalten … und als die weg waren, hab ich gemerkt, dass mein iphone weg ist“

„Haben Sie die imei von dem Telefon?“

„Die was?“

„Die Seriennummer …“

„Nee, aber es war weiß“

„Wir sollen jetzt also in Berlin nach einem weißen iphone suchen?“

„Na, sie können das doch doch orten. Hab ich im Fernsehen gesehen, dass das geht“

(Selbstbeherrschung ist manchmal einfach wichtig)

Die nächste Anzeige, die keinerlei Anhaltspunkte auf Erfolg birgt.

Oder noch mal als topping …

Ein Opfer erscheint auf dem Abschnitt

„Die ham mein Rad geklaut“

„Wann und wo?“

„Na heute … hier am Alex“

„Hast die Rahmennummer griffbereit?“

„Die was?“

(schon leicht genervt)

„Die Rahmennummer!“

„Nee, aber ich kanns dir beschreiben …. ist schwarz, und hat ne Shimano xtr Ausstattung. Ich erkenn das Teil sofort wieder….“

Ok, ich schick jetzt also alle Wagen raus, um ein schwarzes Fahrrad mit ner xtr-Ausstattung zu suchen. Und wenn wir eins gefunden haben, rufen wir unser Opfer an, um zu schauen, ob es sein Fahrrad ist?

Herr Schupelius mokiert sich über die Situation und wirft uns vor, wir seien bei diesen Delikten „Blind und Taub“

Wie sollen aber solche Anzeigen effektiv weiterbearbeitet werden? Kein Täteranhalt, keine Seriennummer …

Letztendlich Anzeigen, die dazu verdammt sind, abgelegt zu werden.

Für die allerdings ein Kollege einen kompletten Tag eingebunden war.

Effizienz ist anders …