Brandbrief einer Polizistin an den Innenminister Thüringens

13. November 2016 at 18:51

Brandbrief einer Polizistin an den Innenminister Thüringens

Sehr geehrter Herr Innenminister Dr. Poppenhäger,

wir wenden uns mit diesem Hilferuf in einem offenen Brief direkt an Sie, weil wir am Ende unserer Kraft sind. Wir sind die Dienstgruppe XY der Polizeiinspektion Unstrut-Hainich in Mühlhausen und Bad Langensalza. Aber wir denken, dass wir stellvertretend für viele Dienstgruppen, für viele Kollegen im Freistaat stehen.

Seit Jahren leiden wir unter dem Personalabbau bei der Thüringer Polizei. Wie atmeten wir auf, als im vergangenen Jahr seitens der Landesregierung angekündigt wurde, dass die Einstellungszahlen der Thüringer Polizei nicht weiter nach unten gehen sollen.

Gerade an uns im Nordthüringer Raum scheinen seit Jahren die Neuzugänge aus Bereitschaftspolizei oder der Verwaltungsfachhochschule vorbei zu gehen. Die jungen Kolleginnen und Kollegen kommen überall hin, aber die wenigsten nach Mühlhausen, Sondershausen oder Nordhausen.

Das Durchschnittsalter in unserer Dienstgruppe beträgt mehr als 48 Jahre. Nicht selten sitzen über 110 Jahre Lebenserfahrung in einem Funkwagen. Dass dies Folgen hat, ist nur selbstverständlich. Wir fragen uns manchmal, welches Bild der Bürger von uns haben muss, wenn wir mit unserer Fastpensionärstruppe anrücken. Bestimmt nicht das, was in den Werbebroschüren und im Internet von der Thüringer Polizei vermittelt wird.

Wir ziehen unseren Hut vor jedem Kollegen, der bis zur Pensionierung auf der Straße steht. Sind wir doch froh, dass wir sie haben, denn Alternativen gibt es nicht. Aber ist es nicht ein Armutszeugnis für ein Bundesland, das keine andere Verwendungsmöglichkeit für lang gediente, ältere Kollegen hat als den Streifeneinzeldienst?

Schämen sich die Verantwortlichen nicht ein wenig, wenn sie die Einstellungszahlen der benachbarten Bundesländer sehen, wie z.B. Niedersachsen 1100, Hessen 890, Sachsen-Anhalt 240. Und ganz zum Schluss kommt irgendwann Thüringen mit gigantischen 155 Neueinstellungen in diesem Jahr.

Inzwischen sind wir weiter dezimiert. Es geschah das, was alle realistisch denkenden Kollegen in unserer Dienststelle seit langem befürchtet hatten. Was passiert, wenn unsere fünf Kollegen einfach nicht reichen, um die polizeilichen Maßnahme durchzusetzen? Was passiert, wenn es in erster Linie nicht mehr um Strafverfolgung gehen kann, sondern nur noch darum mit einigermaßen heiler Haut aus einem Einsatz zurück zu kommen?

Was passiert, wenn die Verstärkung, die sofort gebraucht wird, aus Gotha oder Erfurt kommen muss? Was passiert, wenn sich die Polizeibeamten komplett hilflos einer Übermacht ausgesetzt sehen, derer sie nicht Herr werden? Was passiert, wenn sie dieses Gefühl der Hilflosigkeit, der nackten Angst, einfach nicht mehr loswerden?

Immer mehr Kollegen werden durch Widerstandshandlungen verletzt. Die Täter sind oft durch Drogen und/oder Alkohol so schmerzunempfindlich, dabei aber immens leistungsfähig und unberechenbar, dass oft mehr als eine Besatzung notwendig ist, um die polizeilichen Maßnahmen durchzuführen. Oft steht aber nur ein Funkwagen zur Verfügung. Was dann?

Das ist heute leider unser Alltag. Es ist richtig, dass wir alle gut ausgebildet sind, aber das allein reicht nicht aus. Gut ausgebildete Polizeibeamte konnten auch den zahlreichen Opfern am Kölner Dom in der Silvesternacht nicht helfen, weil es einfach zu wenig waren.

Die meisten Kollegen in unserer Dienststelle haben noch Dienststärken von über zwanzig Beamten pro Dienstschicht erlebt. Zwanzig, die tatsächlich zur gleichen Zeit allein in Mühlhausen im Dienst waren und nicht nur auf dem Papier standen. Unsere Mindeststärke liegt inzwischen von unter zehn für Bad Langensalza und Mühlhausen zusammen. Vor fünf Jahren mussten wir noch zwölf Beamte auf die Straße bringen. Schon diese Zahl ist heute utopisch.

Uns wundert es nicht, dass sich die Kolleginnen und Kollegen der Landeseinsatzzentrale zum Teil weigern die Zuständigkeit für den nördlichen Bereich von Thüringen zu übernehmen, wenn es doch wesentlich besser besetzte Regionen gibt.

Und nun fragen wir Sie: Haben sie selbst auch dieses Bild von Ihrer Polizei?

Ist das die Polizei, die Sie sich für Ihren Freistaat Thüringen vorstellen? Ist das die Polizei, die den Aufgaben der Zukunft gewachsen ist?

Wir jedenfalls sind froh, wenn wir gesund nach jeder Schicht nach Hause kommen. Und für die Zukunft der Thüringer Polizei sehen wir nur schwarz, wenn nicht endlich mehr als 155 Anwärter im Jahr eingestellt werden.

Der Brandbrief wurde auf der Internetseite der Gewerkschaft der Polizei Thüringen veröffentlicht.

Der Vollständigkeit halber möchten wir darauf hinweisen, dass sich Thomas Gubert, Leiter der Polizeiinspektion Unstrut-Hainich, zum Brandbrief gegenüber den Medien bereits geäußert hat und die Darstellung für übertrieben hält. Er erklärte, dass sich nicht jeder Kollege darüber beklage an seine Leistungsgrenzen gebracht zu werden, und dass ein Kollege im Dienst verletzt werde, sei nicht die Regel.

Hinsichtlich der Personalsituation gab er der Autorin des Brandbriefs allerdings Recht, in dem er bestätigte, dass die Polizei Thüringen angesichts gestiegener Aufgaben und abnehmenden Personals ein eklatantes Personalproblem habe. Dies sei jedoch nicht neu, sondern schon längere Zeit bekannt.

Resigniert hört sich folgende Aussage Guberts gegenüber dem MDR an: “Wir versuchen, mit dem verfügbaren Personal zu arbeiten.”