Polizeieinsätze sind unberechenbar

9. November 2016 at 15:32

Polizeieinsätze sind unberechenbarDa unsere Personaldecke zur Zeit sehr dünn ist, war ich alleine unterwegs. Ich fuhr in die Innenstadt und stellte den Streifenwagen auf einem Parkplatz ab um zu Fuß durch die Fußgängerzone zu gehen. Einfach um etwas Präsenz zu zeigen. Nach ca. 5 Minuten erreichte mich ein Funkspruch, dass es eine Schlägerei oder eine laute Auseinandersetzung in einer Kneipe geben soll und der Wirt telefonisch um Unterstützung bat.

Da ich mich bereits in der Nähe dieser Kneipe befand meldete ich den Kollegen, dass ich einmal nachschauen würde. Kurz darauf erreichte ich die Kneipe, von einer Auseinandersetzung oder Schlägerei keine Spur. Nach Rücksprache mit dem Wirt hatte sich die Lage wieder beruhigt. Allerdings wollten die beiden Herren am Tresen nicht nach Hause gehen, eigentlich war deswegen auch die Sperrzeit schon überschritten.

Ich unterhielt mich mit den beiden, einer von ihnen bezahlte seine Zeche und ging daraufhin. Der andere wollte noch einen Schnaps und versprach danach auch sofort zu gehen. Der Wirt brachte ihm seinen Schnaps und kassierte den offenen Betrag des Herren.

Da ich sicher gehen wollte, dass er dann auch gleich die Kneipe verlässt, blieb ich und wir unterhielten uns noch ein wenig. Anschließend verließen wir die Kneipe und ich gab über Funk durch, das alles in Ordnung sei und sich der Vorfall erledigt hätte.

Da ich zurück zum Parkplatz wollte und der Mann den gleichen Weg hatte gingen wir noch gemütlich ein paar Schritte gemeinsam. An der Straßenecke verabschiedeten wir uns und er wünschte mir noch einen ruhigen Dienst und ich ihm einen guten nach Hause weg.

Ich drehte mich kurz um, der Mann war jetzt mit dem Rücken zu mir und plötzlich traf mich etwas im Nacken. Da es in diesem Bereich der Straße sehr dunkel war, konnte ich nicht viel erkennen. Ich griff an meinem Nacken und spürte das warme Blut. Kurz darauf war ich gangunsicher und fiel zu Boden.

Mein Funkgerät fiel mir vom Gürtel und rutsche in ungreifbare Nähe. Ich spürte Angst und versuchte aufzustehen. Ich sah den Mann, der mir noch eben einen ruhigen Dienst gewünscht hat, mit einem Messer vor mir stehen. Ich nahm alle meine Kraft zusammen um an das Messer zu gelangen, doch es gelang mir nicht.

Wieder spürte ich etwas in meinem Rücken. Als ich erneut zu Boden ging, machte der Mann Anstalten zu gehen. Ich nahm meine Schusswaffe zur Sicherheit aus dem Holster, denn mehr Kraft konnte ich nicht mehr aufbringen. Er kam zurück und ich gab Schüsse ab.

Nun ging auch er zu Boden. Ich versuchte mich mit letzter Kraft ihm zu näheren, um zu sehen ob er noch lebte. Das tat er. Ich brachte mich auf etwas Abstand und schaffte es gerade noch per Handy einen Notruf abzusetzen, bevor ich in Ohnmacht viel.

Die ersten Blicke danach erlangte ich wieder im Krankenhaus. Meine Frau saß an meinem Bett. Das war 12 Stunden nach diesem Vorfall. Ich musste notoperiert werden und hatte verdammt viel Glück. Auch mein Angreifer wurde operiert, ich hatte ihn am Bein getroffen.

Immer und immer wieder ging mir diese Situation durch den Kopf. War es richtig die Dienstwaffe einzusetzen? Die Schüsse hätten tödlich enden können. Was wäre dann gewesen? Ich hätte einen Menschen getötet…!

Diese Zweifel werden wohl immer bleiben.

Nach ein paar Monaten begann mein erster Dienst, mit sehr gemischten Gefühlen. Lange Zeit sah ich überall Gefahren und traute meinem eigenen Instinkt nicht mehr. Menschen die freundlich zu mir waren, misstraute ich. Es dauert sehr lange bis ich meinem eigenen Gefühl wieder vertrauen konnte, bis diese Bilder besonders Nachts und in den Träumen wieder verschwanden.

Dennoch ist eine gewisse Vorsicht bis heute geblieben. Auch meine Frau hat diesen „Besuch“ von den Kollegen noch nicht überwunden. Sie hat täglich noch mehr Angst um mich.

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Diese Geschichte ist zwar in seinen Einzelheiten frei erfunden, beruht aber auf einer wahren Begebenheit. Sie soll dazu dienen Einblicke in den Beruf zu geben und soll darstellen, was Menschen in Uniform in ihrem Dienst erleben und wie unberechenbar ein Einsatz enden kann. Zeilen die man nie in einer Pressemitteilung oder einer Schlagzeilen lesen würde.

Sie soll dazu anregen, einfach mal darüber nachzudenken.