Warum? – oder wenn ein Mensch keinen anderen Ausweg mehr sieht

21. Januar 2017 at 20:32

Warum?Einige reden über ihre Verzweiflung, über ihre Absichten und Wünsche, andere wiederum posten sie sogar, auch auf unserer Seite, und wieder anderen merkt man es nicht an. Sie haben diesen Gedanken und bewahren ihn für sich alleine auf.

Sie sind an einem Punkt angelangt an dem es keine Lösungen mehr zu geben scheint, jedenfalls in ihren Augen. Einige haben das Gefühl versagt zu haben und keine Kraft mehr zum Kämpfen zu haben. Einen neuen Tag zu beginnen bedeutet für sie neue Qualen erleben zu müssen und sich zu Fragen: Warum tue ich mir das noch an und wofür?

Ein Gedanke und die Hoffnung, dass dieser Schmerz endlich aufhören soll. Der Wille das zu ändern wird immer größer, er steigt. Er nimmt einen großen Platz ein, manchmal sind da noch Zweifel, doch auch diese werden weniger.

So oder so ähnlich geht es einigen Menschen in unserer Gesellschaft. Hinzu kommen noch Stress und viele weitere Faktoren, wie Mobbing, finanzielle Sorgen, Krankheiten, Einsamkeit … um mal ein paar zu nennen.

Dann gibt es da Berufe, die noch ein ganz anderes Bild zeigen. Polizisten, Rettungskräfte, Pflege- und Krankenhauspersonal usw., die täglich mit Menschen in Kontakt kommen und Bilder und Fälle erleben, die auch sie an ihre Grenzen kommen lässt.

Der Beruf eines Polizeibeamten hat einige Faktoren. Ein Polizist soll härter sein, er soll den Staat repräsentieren und eine Respektsperson darstellen und somit auch einen Teil seiner Menschlichkeit beiseite schieben. Er muss sich in Gefahren begeben, um uns zu schützen, wo andere sich schon lange versuchen in Sicherheit zu bringen. Er muss sich beleidigen und bespucken lassen und vieles an Gewalt ertragen, und muss dennoch weiter machen.

Es kommt zu Einsätzen, bei denen man Bilder sieht und Schicksale von Menschen kennenlernt, die man dann so einfach in eine Schublade ablegen können soll. Es kommt zu Situationen, für die man auch als Mensch gar keine Taschen hat, zu Einsätzen, wo man eine Waffe gegen einen Menschen richten muss und ihn verletzt oder sogar tötet. Aber das reicht alles noch nicht aus, hinzu kommt wenig bis keine Unterstützung, wenig Personal und Massen an Überstunden.

Familien zerbrechen, weil sich der Mensch verändert hat. So nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Bei diesen Schilderungen wurde eines deutlich, sie zeigen, dass es den Mensch in der Uniform nicht gibt, nicht geben darf/soll, denn er wird oft nicht mehr als Mensch gesehen, er hat zu funktionieren. Er muss sein eigene Menschlichkeit unterdrücken und in eine Rolle schlüpfen, die ihm zugedacht wurde, oder die er einnehmen muss, um seinen Job erledigen zu können.. Geführt wird er sowieso nur mit einen Nummer, Namen sind überflüssig.

Doch was passiert mit dem Menschen in Uniform, wenn er an seine Grenze stößt? Wenn er mit den Bildern aus Einsätzen oder den Geschehnissen nicht zurecht kommt? Er schweigt viel zu oft. Hilfe zu holen wird gern als ein Zeichen der Schwäche gewertet, was ja sozusagen den Verlust der Fähigkeit darstellt, diesen Job adäquat mit den nötigen Distanz auszuüben. Und dann? Etwas anderes hat man nicht gelernt, man hat sich aus einer Berufung heraus dafür entschieden.

Dies hat ebenfalls Konfliktpotential. Der Ausweg? Die Zeilen am Anfang dieses Berichtes?

Ja, es bleibt der Wunsch, dass dieser Schmerz, der Kummer und die Sorgen aufhören. Dass diese Bilder, die einen sogar nachts verfolgen, aufhören. Der Wunsch ist Erlösung. Ein Polizist trägt eine Waffe bei sich, er weiß was sie anrichten kann und setzt sie dann gezielt gegen sich selbst ein.

Nicht die Fragen nach dem Warum steht mehr im Mittelpunkt, sondern das Ende, die Erlösung, der Suizid. Die Frage nach dem Warum stellen dann die Angehörigen, die Freunde und Kollegen, die so gerne geholfen hätten, die sich Vorwürfe machen, weil sie den „Zustand“ nicht gespürt haben.

Die Frage nach dem Warum stellt sich eigentlich nicht und auch Vorwürfe an sich selbst sollten keinen Platz einnehmen. Jeder Mensch empfindet anders, geht anders mit Problemen um und auch mit Bildern, Sorgen und Problemen. Helfen kann man in solchen Fällen nur bedingt. Manchmal gibt es Hilferufe, dann kann man, ja man muss auch helfen.

Ein Suizid ist Ansichtssache, aber gewiss kein Zeichen von Schwäche. Unsere Leistungsgesellschaft tut sich immer noch schwer damit. Wenn man richtig überlegt, braucht man dazu eine gewisse Portion Mut und eine Hoffnung, dass danach alles besser wird.

Suizid sollte kein Tabu-Thema sein, auch nicht oder gerade nicht in diesen Berufen. Es sollte Zeit werden einmal umzudenken. Es sollte aufgehört werden, die Menschen so unter Druck zu setzten, sie an das Ende ihrer Kräfte zu treiben und sie auszunutzen. Es sollte zugelassen werden auch mal schwach zu sein zu können und Schwäche zeigen zu dürfen. Ihnen sollte Hilfe angeboten werden, ohne sie dafür zu verurteilen, erst dann wird sich etwas ändern.

Auch dieser begleitende Trauerspruch macht so manchen Gedanken dazu deutlich:

„Dein Herz hat aufgehört zu schlagen. Wolltest nicht mehr bei uns sein?
Offen bleiben uns so viele Fragen: Warum musste das so sein?
Dein Lebensweg ist nun zu Ende, still ruht dein müdes Herz,
still ruhen deine fleißigen und hilfsbereiten Hände,
erlöst bist Du von Verzweiflung und Schmerz,
Wir vermissen dich so sehr …..“

Viele Menschen sind betroffen und Trauern um Kollegen oder Menschen, die einen Suizid begannen haben. Bevor es dazu kommt und wenn Menschen/Kollegen sich in einer ähnlichen Lage befinden, holt euch bitte Hilfe!

Für Polizisten gibt es die Polizeiseelsorge oder auch andere Stellen, die zur Verschwiegenheit verpflichtet sind. Hilfe findet man aber auch bei der Telefonseelsorge. Diese kann man kostenlosen unter der Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erreichen, sie ist 24 Stunden am Tag besetzt.