“Kommissarin Courage” im Ruhestand: Gina Graichen sorgte sich 33 Jahre lang um vernachlässigte Kinder

25. März 2017 at 10:05

Vorweg ein paar Worte von mir. Ich bin Polizist mit Leib und Seele, habe Bilder gesehen, die mich nicht los lassen. Aber man lernt damit zu leben. Ich werde bewusst in diesem Text auch die Stellen aus dem Zeitungsartikel, die einem definitiv an die Nieren gehen, zitieren. Selbst ich musste während des ersten Lesens und Schreibens mehrfach schlucken und gegen die Tränen kämpfen.

Aber es steckt auch eine Botschaft in diesem Text…

“Schaut bitte nicht weg, wenn es um unsere schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft geht…. Um Kinder”

Wem diese Worte schon reichen, sollte das folgende nicht mehr lesen❗️

Gina Graichen, eine Frau die sich mit dem wohl traurigsten Thema der Polizeiarbeit – Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern – am besten auskennt, geht nun nach 33 Jahren in ihren wohlverdienten Ruhestand. Sie war die dienstälteste Kommissarin in Berlin.

Bilder – man kann nicht hinsehen – man will wegsehen

Ein kleiner Junge, zwei Jahre alt. Ein Auge zugeschwollen, Bluterguss am Kopf, leerer Blick. Längst hat sich die kleine Seele verkapselt.

Nächstes Bild:

Yannick ein kleiner Junge in einer Pfütze – bisher nichts besonderes. Ein Stiefvater, der in der späteren Vernehmung mit Gina Graichen, dann aussagt, dass Yannick seinen eigenen Urin auflecken musste. Der Stiefvater hielt diese Szene in Bildern fest, als Erziehungsmaßnahme. Es war das letzte Bild von Yannick. Er starb in der Nacht, sein Schädel zerbrach an der Türzarge, weil er zu laut geweint hat.

Wie geht man mit diesen Bildern um? Wie verarbeitet man sie?
“Wir reden hier sehr viel miteinander”, sagt Gina Graichen. Wir – das ist das Team des einzigen deutschen Kommissariats für Delikte an Schutzbefohlenen in Berlin.

Seit 33 Jahren beschäftigt sie sich mit dem Unvorstellbaren, was Erwachsene Kindern antun können. Eine Frau vor der ich mehr als meinen Hut ziehe. Vor dem gesamten Team ziehe ich natürlich meinen Hut. Wer die Kommissarin bei ihrer Arbeit besucht, den holt sie in der hohen Halle des backsteinernen Kripobaus ab – eine kleine, energiegeladene Frau in tailliertem Sakko und Jeans – sie geht voraus, zügig treppauf, und je näher man ihrer Dienststelle kommt, desto mehr schieben sich die Welten übereinander

33 Jahre, die Opferzahlen überschlägt man besser nicht für diesen Zeitraum. Aber eine Zahl werfen wir trotzdem in den Raum, nur um eine Vorstellung zu haben… 2015 waren es 670 bekannte Fälle. Die Dunkelziffer liegt wohl deutlich höher, leider.

Die Zahlen in Berlin sind am höchsten auch im Verhältnis zu anderen deutschen Großstädten. Aber die Berliner sind nicht grausamer zu ihren Kindern als andere. Die hohe Zahl hat etwas mit der Arbeit von Gina Graichen zu tun: seit vielen Jahren versucht sie erfolgreich, die Gesellschaft zum Hinsehen zu zwingen. Denn Kinder, die misshandelt werden, gehen nicht selbst zur Polizei. Jemand muss auf sie aufmerksam werden, sonst bleiben sie im Dunkelfeld. Oft geht es ums nackte Überleben.

Die Jahre 2002 und 2003 waren die Schrecklichsten, alle paar Wochen wurde ein totgeschlagenes Kind gefunden. So auch im Januar 2002.

Die Beamten wurden nach Wilhelmsdorf gerufen, weil ein Nachbar sich über den Geruch, der aus einer anderen Wohnung kam, beschwert hatte. Der Geruch kam aus der Wohnung einer 22-Jährigen, die mit ihren zweieinhalbjährigen Kind dort wohnte. Von dem Kind war lange nichts mehr zu hören. Die Mutter wurde seit Tagen nicht gesehen. Ein Feuerwehrmann kletterte per Leiter auf den Balkon und brach die Tür auf.

“Der Müll lag kniehoch”, erinnert sich Gina Graichen. Überall, im Flur, in beiden Zimmern: 480 benutzte Windeln zählte sie und ihre Kollegen.

Die Beamten suchten die Wohnung ab, dann hinter der Tür zwischen einem Sessel und der Couch fanden sie, zusammengekauert, die Leiche des kleinen Jungen. Hierhin hatte sich das hungernde Kind zum Sterben verkrochen. “Es war eine Serie von Fällen, die uns zur Verzweiflung trieb, weil es an so vielen Stellen hätte anders, besser laufen müssen”, gibt Gina Graichen zu bedenken. Und auch jetzt noch, 15 Jahre später, hört man in dieser so sachlich klingenden Stimme eine dunklere Färbung.

Die Mutter, die ihr Kind bis zum Tod vernachlässigt hatte, war bereits als Jugendliche bekannt. Ihr erstes Kind gab sie zur Adoption frei. Als sie wieder schwanger wurde, war das Jugendamt überzeugt, dass die junge Frau dies schafft. Ein fataler Fehler.

Alle paar Wochen fanden die Beamten erschlagene, unterernährte oder erstochene Kinder.

Dann der Fall Marie… 16 Monate alt, mit Mullbinden ans Bettchen gefesselt. Versteckt hinter einem Schrank. Unterernährt, übersäht mit Biss- und Schlagwunden. “Sie weinte tonlos”, berichtet die Kommissarin. Marie überlebte. Aber die Ermittler sahen damals auch: Sie hätte viel früher gerettet werden müssen.

Ein Nachbar hörte das Kind immer wieder weinen. Irgendwann rief er dann beim Jugendamt an. Dreimal wurde er weiterverwiesen, bis er schließlich beim Sachbearbeiter landete. Der hatte den Anrufbeantworter geschaltet, weil sein Dienst um 14 Uhr endete. Der Nachbar sprach drauf. Und bekam nie einen Rückruf. Das Kind aber ließ ihn nicht los. Und so wählte er 14 Tage später die 110.

Gina Graichen und ihr Team entwarfen eine Plakatkampagne für den Notruf. Die Reaktion war gewaltig. “Es kam über uns wie ein Tsunami”, erinnert sich die Kommissarin. Die Zahl der angezeigten Fälle von Misshandlung und Vernachlässigung in Berlin stieg sprunghaft an, das Kommissariat erstickte in Arbeit.

Damit kamen auch die Schlagzeilen, mit denen sich Gina Graichen nicht nur Freunde machte: “Hauptstadt der Kindesmisshandlung.”

Dabei zeigt die Statistik vor allem eins: “Der Grund für die Zahlen ist, dass wir einen Spitzenplatz bei der Aufhellung des Dunkelfelds einnehmen.” Vielfach wurde Graichen inzwischen für ihre Arbeit geehrt – sie erhielt den Verdienstorden und den Prix Courage des TV-Magazins “ML Mona Lisa”.

“Kinder retten, das bedeutet Aufklärungsarbeit und Öffentlichkeitsarbeit“, so die Feststellung der Kommissarin Courage. “Und das machen wir, so viel wir können.”

Dazu brauchen wir, die Polizei, die Mitarbeit eines jeden Bürgers, der Ärzte, Jugendamtmitarbeiter, Kindergärtner, Lehrer…. Wir brauchen die Unterstützung um diesen Fällen nachzugehen. Wir brauchen Eure Hilfe um den schwächsten dieser Gesellschaft helfen zu können!

⚠️ Die Kinder brauchen Eure Hilfe! Schaut nicht weg!

“Irgendwann”, sagt Graichen, “hält man die Vorstellung nicht gut aus, nicht mehr hinzusehen.” Es ist unsere Verantwortung und Verpflichtung. Manchmal ist auch einer der Mitarbeiter den Tränen sehr nahe. Oder alle. “Bei Yannick war das so”, sagt die Polizistin.

Es geht manchmal nicht anders. Es tut weh.

Wer sind die Täter? Die nämlich sind Eltern, Stiefeltern, Verwandte – und sie kommen aus allen Schichten. “Meistens werden Fälle aus sozial schwächeren Familien bekannt”, weiß Gina Graichen zu berichten. “Aber wir haben auch Beamte, Lehrer, Manager als Täter.” Allerdings laufe Gewalt in wohlhabenderen Familien häufig subtiler ab, sei besser versteckt. “Menschen aus diesem Teil der Gesellschaft werden seltener angezeigt.”

Bitte schaut nicht weg!! Kinder sind das wertvollste was wir haben. Sie sind die Schwächsten unter uns und brauchen uns, die Erwachsenen. Lieber einmal den Notruf zu viel gewählt, als einmal zu wenig.

Sind so kleine Hände winzig Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.

Sind so kleine Füße mit so kleinen Zehen.
Darf man nie drauf treten, können sonst nicht gehen.

Sind so kleine Ohren scharf, und ihr erlaubt.
Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.

Sind so schöne Münder sprechen alles aus.
Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so klare Augen, die noch alles sehen.
Darf man nie verbinden, können sie nicht verstehen.

Sind so kleine Seelen offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen, gehen kaputt dabei.

Ist so’n kleines Rückgrat sieht man fast noch nicht.
Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.

Grade, klare Menschen wären ein schönes Ziel.
Leute ohne Rückgrat haben wir schon zuviel.

(Bettina Wegener)