Mit den Augen einer Mutter

30. März 2017 at 21:01

Mit den Augen einer Muttervon Michael Gödeke (Polizei-Poeten​)

Der tägliche Dienst ist von vielen Zufällen abhängig. Manche Begegnung wäre anders ausgegangen, wenn einer der Protagonisten ein anderer gewesen wäre. Das kann gut oder auch schlecht sein, denn die jeweils eigene (Lebens-) Erfahrung bestimmt entscheidend mit, wer wird sind und wo unsere Stärken und Schwächen liegen.

Eindeutig positiv war die Erfahrung des Kollegen in der folgenden (wahren) Begebenheit, die sich vor einigen Jahren zutrug und die der Kollege für die Polizei-Poeten niederschrieb. Hier war eindeutig der richtige Kollege zur richtigen Zeit am richtigen Ort:

Am 03.12.1977 wurde meine Tochter Carmen geboren. Mit meinen 24 Jahren war ich stolzer Vater und ließ es mir nicht nehmen, auch Pflichten zu übernehmen und meine Frau tatkräftig zu unterstützen. Dabei lernt man dann so einiges.

Es war irgendein Früh- oder Spätdienst Anfang 1978. Als Polizeihauptwachtmeister war ich mit meinem Streifenführer Gisbert unterwegs, als über die Leitstelle der Funkspruch kam:

Dringend ein Wagen zur soundso Straße. Dort sterbendes oder totes Kind. Notarzt ist unterwegs.

Wir waren vom Einsatzort keine 200 Meter weg. Also nahmen wir den Einsatz an und waren fast ein paar Sekunden später dort. Aus dem Hauseingang stürzte eine Frau mit einem kleinen Bündel auf uns zu und schrie immer wieder: „Mein Kind, mein Kind ist tot.“

Es ergab sich, dass ich als erster bei den beiden war und der Frau das Kind mehr oder weniger mit Gewalt aus dem Arm nahm, um mit Wiederbelebungsversuchen zu beginnen. Kaum hatte ich das Kind im Arm, fühlte ich, wie meine Hand ziemlich feucht wurde.

Einer inneren Eingebung folgend rief ich Gisbert zu, er solle sich um die Frau kümmern. Anschließend rannte ich mit dem Kind in die Wohnung und fand auch nach kurzer Suche den Wickeltisch. Hier zog ich dem Kind die nassen Windeln aus, nahm es an den Füßen hoch und klatschte mit der Hand ein paar Mal kräftig auf den Hintern.

Es folgte ein kleiner ‚Schlucker’ und dann ertönte ein mittelschweres Sirenengeschrei aus dem kleinen Mund. Na ja, Windeln, Puder und Creme standen bereit und ich machte mich ans Werk, das Kind trocken zu legen und frisch zu wickeln.

Eine Nachbarin, die den Vorfall mitbekommen hatte, stand auf einmal in der Tür, sah sich meine Tätigkeit an, ließ mich gewähren und sagte nur: „Das machen sie aber auch nicht das erste Mal.“
Frisch gewickelt verstummte das Geschrei und in dem kleinen Gesicht konnte ich ein wohliges Gefühl erkennen.

Ich wollte gerade gehen als der Notarzt mit Gefolge in das Zimmer stürmte. Ich präsentierte das Kleine und nach kurzer Untersuchung und meiner Schilderung meinte er, dass es genau richtig war. Babys schreien manchmal so, dass die Atmung aussetzt.

Mit dem Baby im Arm ging ich aus dem Haus und drückte es der Mutter in die Hand. Sie stellte fest, dass es ihrem Kind gut ging und blickte dann in meine Augen.

Keine noch so vielen Worte hätten das ausdrücken können, was ich dort gesehen habe.

Wir verließen den Einsatzort. Gisbert gab über Funk durch: Kind lebt, keine weiteren Maßnahmen. Es war und wurde für mich ein sehr schöner Tag.

PS. Ich weiß wirklich nicht mehr, ob es Junge oder Mädchen war.