120er Puls (von Christiane)

1. April 2017 at 21:54

120er Puls (von Christiane)Nachdem wir euch heute zweimal in den April geschickt haben, wird es wieder Zeit in die Realität zurück zu kehren. Christiane ist Polizeidiensthundeführerin. In der folgenden Geschichte gibt sie uns einen sehr persönlichen Einblick in ihr Fühlen und Denken während eines brenzligen Einsatzes, und dass bei all den Wünschen eines wichtig ist:

 

 

Wir halten zusammen und lassen niemanden zurück!

Über Funk: Fahrt mal in die Y-Straße mit Eile, Unterstützung Feuerwehr, näheres kommt gleich… Zwei Funkwagen sind angesprochen, wir melden uns mit an. Auf der Anfahrt bin ich schon leicht aufgeregt, die Feuerwehr ist patent – wenn die Unterstützung brauchen ist schon was los…

Ich zieh also während der Fahrt meine Schutzweste an. Die hatte ich bisher ausgelassen, da ich Rückenschmerzen hab. Mein Kollege hat seine noch nicht mal mit. Wieder über Funk:

Die Berufsfeuerwehr steht auf dem Balkon und ruft um Hilfe!

Mein Puls steigt auf 100, da muss was Schlimmes los sein… Der Kollege drückt aufs Gas, wir sind beide angespannt. Ich sage zu ihm: „Wenn da Waffen im Spiel sind bleibst du hinter mir oder bringst dich in Sicherheit.“ Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Ich hab ein Pony und drei Hunde.
Wir erreichen die Straße. Direkt vor uns biegen aus einer Seitenstraße zwei Löschfahrzeuge der Feuerwehr in die Straße ein. Mit Blaulicht. Ich schau meinen Kollegen an, ok – wenn die BF jetzt erst kommt, steht wohl ‚Irgendjemand‘ auf dem Balkon und ruft um Hilfe. Puls runter auf 70. Wir erreichen die angegebene Hausnummer direkt hinter der BF.

Als wir halten springt ein Mann an mein Fenster. Rote Hosen, weißer Pulli. Ein Sanitäter. Als ich die Tür öffne ruft er: „Schnell, schnell! Die bringen uns um da oben!“

Puls 120.

Ich spring raus, reiße die Seitentür auf und hol meinen Hund raus. Dann renne ich dem Sani nach. Mein Kollege muss erst das Auto zu machen. Um mich herum sind Feuerwehr-Leute in ihrer Kluft, unterwegs zum Haus.

Sie lassen den Hund und mich vorbei. Ich glaube einen mit einer Axt gesehen zu haben, hab aber keine Zeit genauer hin zu schauen. Ich renne dem Sani hinter her. Im zweiten Stock rennen wir raus auf einen Außengang.

Quasi ein 30 m langer Balkon, von dem die Wohnungstüren ab gehen. Vor einer Tür stehen etwa 8 Personen. Frauen und Männer, eine rothaarige Frau schreit laut herum. Was sie schreit kann ich nicht verstehen. Der Sani rennt vor, zu einer offen stehenden Wohnungstür. Mir kommt eine Frau entgegen, die sich den Kopf hält. Blut läuft ihr über die Stirn.

Ich lasse sie vorbei gehen, ich kann ihr jetzt nicht helfen. Ich bin noch etwa 10 m von der offenen Tür entfernt. Der Sani kommt zurück gerannt. Er brüllt: „Da sind Hells Angels drin, ihr könnt da nicht rein – das ist ein SEK-Einsatz! Das SEK muss kommen!!“

Scheiße, verdammt! Was ist da los? Geiselnahme oder wird da jemand umgebracht?!

Ich will nach Hause. Einfach nur in mein Bett und in Sicherheit. Trotzdem ruf ich dem Sani die Frage zu, ob noch jemand von uns drin ist? „Ja, der Doktor!“ Na toll. Ich stehe mit meinem Hund auf dem Gang und zögere einen Moment.

Innerhalb einer Sekunde gehen mir tausend Gedanken durch den Kopf. 999 davon haben damit zu tun mich und meine Hündin in Sicherheit zu bringen. Wir verbringen so viel Zeit miteinander, ich will nicht, dass sie verletzt wird! Ich will das nicht! Und sie würde zuerst rein gehen um ihr Leben für meins zu opfern. Niemals, niemals kann ich das von ihr verlangen!

Aber der lauteste Gedanke ist: Wir lassen keinen zurück!

Puls gefühlte 180. Ok, der Sani wird ignoriert. Ich greife meinen Hund kürzer und stürme in die Wohnung. Dabei brülle ich laut ‚Polizei‘ um mich und den Hund zu motivieren. Wir federn durch die Haustür und der Schwung bringt uns ans Ende des drei Meter langen Flurs. Rechts und links gehen Türen zu Küche und Bad ab, beide leer zu unserem Glück.

Ich bleibe vor einem winzigen Wohnzimmer stehen, mein Hund an meiner Seite. Vor mir sehe ich einen Mann auf dem Bett liegen. Neben ihm sitzt ein Pumper-Typ mit Lederweste und sehr vielen Tätowierungen. 100-Kg Muskeln. Passend zu Hells-Angels. Ein weiterer Mann steht im Wohnzimmer, ein Südländer, schmal, ruhig.

Ich sehe weder Blut, noch Waffen. Aber ich sehe den Doc. Unverletzt und aufrecht stehend. Alle glotzen mich an. Ich glotz zurück. So geht das etwa 30 Sekunden lang.

Dann sagt der Doc: ‚Wir müssten den Mann dann jetzt mal ins Krankenhaus bringen.‘ Völlig entspannt. Öh.. Was? Ok. Ich frage etwas kleinlaut ‚Ist alles ruhig hier?‘ Der Doc bejaht. Ich komme mir grad total bescheuert vor. Deshalb sag ich ziemlich nachdrücklich ‚Das es jetzt aber auch ruhig bleibt!‘ und dreh mich um.

Ich sehe kein Licht in der offenen Wohnungstür vor mir. Sie wird blockiert von Feuerwehrmännern. Sie waren alle direkt hinter mir. Sie sind gekommen um ihren Kollegen zu helfen. Als ich mich entschlossen habe in die Wohnung zu gehen haben sie mich nicht allein gelassen. In diesem Moment rührt mich das unheimlich.

Ich murmle was von wegen „Die müssen hier jetzt mal durch“ und sie machen mir den Weg frei. Im Vorbeigehen legt mir einer der Feuerwehrmänner kurz die Hand auf die Schulter.

Puls 60.

Der Mann in der Wohnung hatte einen epileptischen Anfall. Der Sani wurde durch den aufgeregten Sohn des Mannes beiseite geschubst. Der Sohn hatte den Notarztwagen vor dem Haus gesehen und befürchtet, dass sein Vater nieder gestochen wurde. Er war in die Wohnung gestürmt und hat dabei gebrüllt: ‚Ich bring euch alle um‘. Dabei hat er die anwesenden beiseite geschubst und der vermeintlichen Täterin ins Gesicht geschlagen. In der winzigen Bude hat der Sani wahrscheinlich um sein Leben gefürchtet.