Wortmeldung eines betroffenen Polizisten: Verraten, verkauft, denunziert. Berliner fahren nach Hause

29. Juni 2017 at 21:24

Wortmeldung eines betroffenen Polizisten: Verraten, verkauft, denunziert. Berliner fahren nach HauseEigentlich wollten wir dieses Thema gar nicht mehr aufgreifen, hätte uns diese Wortmeldung eines betroffenen Kollegen nicht erreicht. Viel ist über die beteiligten Kollegen geschrieben worden, auch erfunden worden. Von daher halten wir es für wichtig, dass auch diese Kollegen einmal Gehör bekommen.

Mit dieser Wortmeldung werden wir dieses Thema bis auf weiteres nicht mehr aufgreifen, da wir der Meinung sind, dass es die Kollegen verdient haben, dass nach all dem Wirbel endlich Ruhe einkehrt. Nicht nur die betroffenen Kollegen haben das verdient, alle Berliner Polizisten und auch die Polizei Berlin als Organisation. Wir hoffen, dass sich hier auch die Medien anschließen werden.

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“Hallo,

ich weiß noch nicht einmal für wen ich das schreibe.

Ich bin einfach nur enttäuscht, sauer, traurig. Weiß nicht mal welches Wort am besten passt.

Ich bin einer der Kollegen die aus Hamburg abreisen mussten.
Ich feiere angeblich Sexorgien, betrinke mich exzessiv bei voller Lautstärke und uriniere an einen Zaun.

Ich werde meinen Namen nicht nennen. Da mir meine Arbeit auf meiner Dienststelle unheimlichen Spaß macht, weiß ich, dass ich anschließend „freiwillig“ wo anders dienen werde.

Seit zwei Tagen liste ich auf zu welcher Uhrzeit ich was getrunken habe, wann ich urinieren war, wann ich schlafen gegangen bin, wann aufgestanden, wann mit Kollegen anderer Einheiten gesprochen habe.

In meiner Freizeit!

In welcher ich wach bleiben musste, um am Folgetag einen Nachtdienst zu absolvieren.

Seit zwei Tagen lese ich intensiv die Kommentare der Bevölkerung, für die „IchDaBin“ (Anmerkung: Werbeslogan der Berliner Polizei „Da für dich“). Keiner empfindet mein Verhalten anstößig bzw. sanktionswürdig, noch überhaupt wert, als Thema besprochen zu werden.

Und doch zerfleischt uns die Presse. Keiner wartet Ergebnisse ab. Es wird sofort vorverurteilt.

Und ich geh weiter auf die Straße und „BinDaFürDich“.

Allerdings lasse ich mich jetzt nicht mehr anspucken und beleidigen oder verletzen. Nein ich lasse mich jetzt auslachen: „Hey Willkommen, die Partypolizei ist da, pinkeln sie bitte nicht in die Büsche“…

Führungsschwäche wird mir vorgeworfen, weil ich zu wenige Kollegen in ihrer Freizeit maßregele.

Niemand verspricht mir die Aufklärung, ob der Sicherheitsdienst die Anweisung bekam uns in der Freizeit auszuspionieren. Ein Sicherheitsdienst, der von uns im Vorfeld Ansprechpartner und Telefonnummer bekommen hat, um sich zu melden, wenn es Probleme oder Beschwerden gibt.

Ich war oft in Containerdörfern untergebracht. Das prangere ich nichtmal an. Aber Aufenthaltsräume und Versorgung waren immer gestellt. Ich konnte zu jeder Zeit Essen oder Trinken empfangen.

Hier in Bad Segeberg nicht.

Nein, man quartiert noch eine auswärtige Einheit direkt neben unsere Container, wobei für ursprünglich in einem Hotel untergebracht werden sollten. Die Armen mussten in den Tagesdienst. Das tut mir Leid!

Auf dem Gelände war ausreichend Platz die Einheiten getrennt unterzubringen. So hätte sich niemand gestört gefühlt. Eine Recherche ergab auch, dass es keinerlei Anrufer bei der örtlichen Polizei gab, die sich beklagten.

Gespannt erwartete ich das rbb Spezial, freute mich über die ruhigen Worte des Polizeipräsidenten. Doch die ständigen Unterbrechungen des Moderatoren um immer wieder auf Schlägereien hinzuweisen und dass sowas gar nicht gehe, brachten mich zum kotzen. Nicht mal die regionale Presse schafft eine neutrale Berichterstattung.
Das ist deren verdammter Auftrag!

Nur Vorverurteilung. Anschließend Bilder aus den 80er und 90ern zu zeigen schlug dem Fass den Boden aus.

Wie, erklärt mir, wie soll ich jetzt nicht auf den Zug „Lügenpresse“ aufspringen?

Seit Tagen beobachte ich die Reaktion zu dem Heiko-Mass-Gesetz gegen Hass und Verleumdung im Internet.

Wer schützt mich davor?

Es gab keine Sexorgien! Es gab keine Schlägereien! Es gab gute Stimmung, Musik und Alkohol! In der Freizeit!

Ich erlebe Parteiveranstaltungen zur Wahl, ich erlebe Presseveranstaltungen die schlimmer sind. Aber ich bin „DaFürSie“.

Okay, manchmal schüttle ich schmunzelnd den Kopf, wenn ich die Betrunkenen sehe.

Wir fühlen uns alleine gelassen und als Schlachtvieh vorgeführt, in einem Streit, den ein Polizeiführer innerlich wohl nie verkraftet hat und ihn zum Politikum macht. Egal wie die Sache ausgeht. Eine Lachnummer bleiben wir, weil Dienstherr und Presse auf diese „Falle“ Hamburgs reingefallen sind.

Verraten, verkauft, denunziert.”

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Der Autor ist uns bekannt, möchte jedoch anonym bleiben. Die Wortmeldung gibt die persönliche Meinung des Autors wieder, die wir uns alleine durch die Veröffentlichung nicht zu eigen machen.

Anmerkungen:

  1. Das rbb Spezial, auf welches sich der Autor bezieht, kann man sich hier anschauen.
  2. Der im letzten Absatz angesprochene Streit ist bereits in den Medien ein Thema (2. Absatz).
  3. Es gab durchaus Medien, die differenzierter berichteten. Auch hat mancher Journalist einen Kommentar verfasst, der sich in die überwiegende Meinung von Bürgern und Kollegen einreiht: “Lasst sie doch feiern”. Von daher halten wir eine Schelte gegen die gesamte Medienlandschaft für unangebracht.
  4. Von den oft und gerne verwendeten Begriffen wie “Saufpolizisten” oder “Partypolizei” distanzieren wir uns ausdrücklich. Diese Begrifflichkeiten schaden, wie man sieht, nicht nur den unmittelbar betroffenen Kollegen, sondern allen Berliner Polizisten und auch der Polizei Berlin, seien sie noch so kumpelhaft ausgesprochen oder niedergeschrieben. Seiner Solidarität und Unterstützung kann man auch mit angenehmeren Begriffen Ausdruck verleihen.
  5. Für die Berliner Kollegen sind die Zeiten zwischen den Einsätzen in der Unterkunft bei einem Großeinsatz (auch fern der Heimat) tatsächlich als Freizeit anzusehen. Im Gegensatz zu manchen anderen Bundesländern erhalten die Kollegen für diese Zeit keine Vergütung, auch wenn sie jederzeit abrufbar sind.