3 Wochen nach G20: Was für kaputte “Helden” wir doch sind

29. Juli 2017 at 20:49
Leserbrief: 3 Wochen nach G20: Was für kaputte "Helden" wir doch sind

Bildmaterial von Robin R.

…und dann das Spiel mit unserem Pflichtgefühl (Leserbrief von Chrissy)

Drei Wochen ist der G20-Einsatz nun her, in dem viele Kollegen weit über ihre Grenzen gegangen sind, bei dem es 709 verletzten Polizisten gab, bei dem viele Dinge gesehen und erlebt haben, die man sich nicht vorstellen mag.

Drei Wochen später ist wieder alles gut, der Alltag hat die Kollegen wieder, die Bilder verblassen? Wer die folgenden Zeilen von Chrissy liest, die in der Schanze eingesetzt war, wird zu einem anderen Schluss kommen:

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“Wieder eine Nacht wo ich nur 2-3 Stunden am Stück geschlafen hab. Ich laufe durch das Haus und versuche meine Gedanken zu ordnen und zu vergessen.

Am Tage, wenn ich beschäftigt bin, läuft alles. Wir sind alle müde, auch wenn wir es hinter lachen verstecken… Ich sehe es meinen Kollegen an. Ihnen geht es genau wie mir.

Die Gespräche im Pausenraum sind wie immer, oder doch nicht? Anekdoten werden erzählt und Witze gerissen, aber das sonst so unbeschwerte Lachen ist einem bitteren Gröhlen gewichen. Keiner schneidet das Thema Hamburg an. Ich bin die einzige die im Internet noch liest was geschrieben wird, die anderen wollen es sich nicht mehr antun.

Die ganzen „Spezialisten“ rollen alles wieder und wieder auf, jede noch so kleine Aktion gibt es haarklein dokumentiert bei Youtube zu sehen, leider immer nur geschnitten, nie die volle Wahrheit. Es ist so frustrierend, wir kennen die Wahrheit und winken nur ab.

Ich sehe meine Kollegen, meine Jungs, wie ich sie liebevoll nenne, über meine Kaffeetasse herüber an. Ihre Gesichter sind älter geworden, bei fast allen sitzen dicke Ränder unter den Augen, viele haben abgenommen. Man sieht es nicht sofort, aber ich sehe es, ich kenn sie alle so gut.

Zwei Trennungen gab es seit Hamburg, kurze Info, ein blöder Witz, weiter geht’s, wieder raus…

Zwei weitere größere Einsätze hatten wir, ansonsten normalen Dienst, ohne Pause funktionieren wir. Urlaub? Ein Fremdwort: „Keine Leute!!“, „Einsatzbereitschaft muss gegeben sein!!“, „Mensch Leute, ihr kennt doch das Spiel“… Jaja, wir kennen das Spiel, das Spiel mit unserer Loyalität, mit unserem Pflichtgefühl.

Die Bilder sitzen tief und vermischen sich mit anderen Bildern, die ich sehen musste. Man denkt man kann es verarbeiten, nein, man kann nur hoffen, dass irgendwas schönes die Bilder überdeckt.

Was für kaputte „Helden“ wir doch sind… Und ich? Ich wandere weiter durch das Haus und warte, dass mein Wecker klingelt und ich aufstehen muss…”

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Die Autorin ist uns namentlich bekannt. Der Leserbrief gibt die persönliche Meinung der Autorin wieder.

Wir wünschen ihr und auch allen anderen Kollegen, denen es so oder so ähnlich geht, dass sie diesen Einsatz bald hinter sich lassen können. Und wenn sie es selbst nicht schaffen, dass sie Hilfe annehmen und auch bekommen!