G20-Einsatz aus zwei Blinkwinkeln (von Sven)

15. Juli 2017 at 20:55

G20-Gipfel aus zwei Blinkwinkeln (von Sven)

“When Worlds Collide (Happy Purge Day)”

 

 

Akt 1:

14 Uhr – ich stehe gerade auf, ganz entspannt, denn es wird ein langer Tag. Die Matratze am Boden war bequemer als zu Hause. Knöpfchen und Krümel sind schon wach, sitzen in der Küche und rauchen mein letztes Gras. Ich setze mich dazu und nehm’ ‘nen Zug.

Auf dem Tisch liegt nichts außer viele Zettel. Darauf Texte, die ich bis 15 Uhr noch lernen muss. Oder nehme ich sie einfach mit? Vielleicht zum spicken, wenn ich mal nicht weiter weiß…

Ich nehme das Papier und versuche es mir einzuprägen:
“A.C.A.B – Wir vergessen nie”
Das reimt sich ja sogar… Das lässt sich merken.
“Eure Kinder kaufen bei uns Gras”
Das kriege ich auch hin. Hat ja mit meiner Lieblingsbeschäftigung zu tun.
“Eure Kinder werden so wie wir”
Das ist ja fast wie der Satz vorher… Ist machbar.
“A-Anti-Antikapitalista”
Jetzt wird es schwer…ganz schön viele As. Aber ich krieg das hin.
“Wir sind friedlich. Was seid ihr?”
Das kann ich mir auch merken. Aber wird ‘seid’ nicht eigentlich mit ‘t’ geschrieben? Na egal.
“Ohne Schild und ohne Knüppel seid ihr nichts”
Ok…Das ist jetzt aber der letzte Spruch. Wer soll sich das denn alles merken?

Inzwischen ist der Joint tot. Ich steh auf, geh ins Bad, die Texte sitzen langsam, ich bin optimistisch. Ich bin fertig und geh zurück in die Küche. Meine Kollegen sehen mich an; los geht’s, was ist mit dir man? Ich sage “ja” und zieh mich an.

Das schwarze Shirt, die schwarze Jogginghose, dann die schwarzen Nike Air. Dazu noch ein schickes Tuch, der Pullover und die schwarze North Face Jacke. Ich stell mich vor den Spiegel. Jetzt ist es perfekt. Papa hat‘s bezahlt und jetzt fühle ich mich bereit. Bereit zur Demo gegen Kapitalismus, Staat und System.

Wir gehen vor die Tür, direkt im Schanzenviertel. Der Rest ist schon aktiv. Ich denke, wir sind zwar etwas spät, aber was soll‘s. Ich bücke mich, nehme einen Stein und dann drauf los.

Akt 2:

Es ist 12 Uhr – ich lege mich in ein Bett, das nicht meins ist. An dieser Stelle bin ich aber froh über jede Minute Schlaf. 4 Stunden später klingelt der Wecker. 4 Stunden, die zur Erholung reichen müssen.

Ich stehe auf und seh‘ mich um. Ich sehe meine Kollegen.
All jene, die heute wieder von 17-12 Uhr am Folgetag an meiner Seite stehen.
All jene, die genau wie ich ihren Arsch hinhalten.
All jene, deren Familien, genau wie meine, zu Hause sitzen und auf einen Anruf ihres Mannes, Vaters oder Kindes warten.

Ich ziehe mich an. Die Uniform, die mich in wenigen Minuten wieder zum Hassobjekt werden lässt.

Ich schnüre die Stiefel und, obwohl ich nicht gläubig bin, bete ich zu Gott, dass ich in 19 Stunden wieder in dieses unbequeme Hotelbett sinken kann, um die 4 Stunden Erholung so gut es geht zu nutzen, bevor eine neue Nacht, eine neue Schlacht, bevorsteht.

Auf geht’s im GruKW Richtung Pauli. Schlagschutz an, Arme und Beine mit dran und auch der Helm ist mit am Mann. Wir stehen zusammen in der Gruppe, halten noch kurz inne und schwören uns ein. Und kaum 5 Minuten später fliegt bereits der erste Stein.

Links und rechts stehen Pkw in Flammen, der Wasserwerfer vor uns fährt ohne Unterlass. Steine, Flaschen und Brandsätze fliegen und mit ihnen die Wut jener schwarzgekleideter Chaoten, die uns gegenüber stehen.

Neben mir bricht plötzlich ein Kollege zusammen. Wir versuchen ihm zu helfen und ziehen ihn aus der Gefahrenzone. Die Rettungskräfte arbeiten auch ohne Unterlass, um die Kollegen zu versorgen.

Und wenn ich dann am Ende frage, wo die Dankbarkeit und Rückendeckung der Politik bleibt, melden sich die Grünen mit ihrem täglichen Gelaber: Die Beamten sind selbst schuld, sie könnten wesentlich mehr deeskalieren. Bei solchen Worten könnte ich ganz ehrlich nur kotzen, aber da nicht mal Zeit zum Essen bleibt, ist selbst das an diesem Wochenende nicht möglich.

Akt 3:

Nachts um 3, der Tag war anstrengend und erwartet lang. Doch es hat sich gelohnt. Knöpfchen, Krümel und ich haben einiges geschafft. Autos brennen und Bullen sind verletzt. Was soll ich da sagen? G20… Das fetzt.

Gerade zurück auf dem Weg zu Krümel nach Haus, hält ein Bus neben uns und 5 Bullen steigen aus. Sie werfen uns zu Boden, ich schreie laut “Polizeigewalt”, schon merke ich die Stahlhandfessel und plötzlich wird mir kalt.

Sie setzen mich in den Streifenwagen und stellen mir bekloppte Fragen. Ich sage was von Polizeiwillkür und dass sie uns doch auch mal als Menschen sehen sollen. Wir wollten schließlich nur unseren Unmut kundtun.

Ein Polizist lacht und erklärt uns dann die vorläufige Festnahme. Ich denk nur: macht ihr halt. Es gibt von uns noch genug da draußen.

Akt 4:

Die Schicht ist halb vorbei, da sehen wir die drei. Die drei die zu Beginn der Schicht mit einer Gehwegplatte einen meiner Kollegen schwer verletzten.

Sofort halten wir an und krallen uns die drei Mann.

Einer von ihnen schreit “Polizeigewalt”, wovon wir uns nicht irritieren lassen. Kurz darauf sitzt er im Streifenwagen und klagt, die Handfesseln täten ihm weh. Er erzählte was von dem Menschen hinter den schwarzen Klamotten und dass wir doch ein Herz haben sollten.

Ein Herz für jene, die den Tod von Kollegen, von Freunden in Kauf nehmen? Es tut mir leid, aber für solche Kreaturen wird mein Herz ersetzt durch Strafprozessordnung und Strafgesetzbuch.

Wir fahren die drei direkt aufs Revier. Ich seh‘ auf die Uhr…Erst kurz nach 4.

Einmal tief durchatmen, für mehr bleibt keine Zeit. Und ab geht’s…Wir sind wieder bereit. Und so geht es Stund‘ um Stund‘ und alle von uns beten sekündlich: “Hoffentlich bleiben wir alle gesund!”.

Epilog:

In diesem Sinne hoffe ich, dass alle Kollegen und Freunde, die sich in Hamburg im Einsatz befanden gesund und wohlbehalten wieder zu ihren Familien zurückgekommen sind.

Den Kollegen, die von diesen kranken Psychopathen verletzt wurden, wünsche ich gute Besserung und viel Kraft!