G20: Sei froh, dass du nicht dabei warst! (von Stefan)

11. Juli 2017 at 20:50

G20: Sei froh, dass du nicht dabei warst! (von Stefan)

“Die Worte ‘Sei froh, dass du nicht dabei warst!’ habe ich in den letzten Stunden immer wieder gesagt und geschrieben. Ja, ich meine es so wie ich es sage. Den Eifer derer, die zu Hause bleiben mussten (durften), in allen Ehren, aber ihr hattet Glück.

Ob ich diesen Brief schreiben soll, hat mich den ganzen Tag beschäftigt.

Ich rede nicht gern über den Dienst und es fällt mir auch jetzt wieder schwer, die richtigen Worte zu finden. Wie soll man Leuten erklären was man fühlt? Wie soll man Leuten klar machen, die in einem sicheren Umfeld leben, dass man Angst um sein Leben hatte? Ich bin ein großer starker Mann und ich bilde mir ein auch ein guter Polizist zu sein, trotzdem kam ich an meine Grenzen.

Die ganze Erfahrung ist weg gewischt, wenn du neben dir eine Kollegin zusammensacken siehst. Man will zu ihr hin und muss sich durch ein Knäul von Menschen kämpfen, die nach dir schlagen, dich schubsen. Du siehst einen zweiten Kollegen der ebenfalls zu ihr will und sie gerade noch unter einem gehobenen Bein raus zerrt.

Das geht an die Substanz, das kann ich dir sagen. Du schleppst das leblose Bündel irgendwo in Sicherheit und hörst das Gejohle und das Beifallklatschen der Leute am Rand. Sie jubeln dir aber nicht zu, nein, sie jubeln, weil Flaschen auf deinem Helm zerplatzen und du dich wie ein Hund weg duckst.

Du möchtest aufstehen und alles um dich rum zusammen schlagen. Jeden einzelnen mit ihrem dämlichen ‘Wir sind friedlich, was seid ihr’ in die Fresse hauen. Friedlich? Die kennen nicht einmal die Bedeutung dieses Wortes.

Ja ich bin ungerecht, es gibt sie die friedlichen Demonstranten, die vor Schreck vor meiner großen Gestalt und der dunklen Uniform sofort die Köpfe einziehen.

Du blickst dich noch einmal um und siehst wie Sanitäter die Kleine versorgen.

Ok, also weiter. Vorrücken!

Du hörst die Befehle im Kopfhörer: ‘Bleibt zusammen, lasst euch nicht trennen!’ Gut gesagt in dem Tumult. Du suchst in dem Haufen von Leuten deine Kollegen. Du siehst wie sie bedrängt werden. Dann hörst du das bekannte Geräusch und weißt sofort, verdammt, jetzt wird es nass – und genau so kommt es, die volle Ladung Wasser ins Kreuz.

Du könntest dem an der Wasserkanone ein paar Takte erzählen. Egal, ach, was kann der Kerl dafür, so genau kann man nicht zielen. Der ersten angenehmen Erfrischung weicht dem ekligen Gefühl nasser Klamotten auf der Haut. Die Uniform wird noch schwerer, der Helm und die Sturmmaske macht dich wahnsinnig und schränken dir die Sicht ein. Die Stiefel sind voll gelaufen, hmm, super Gefühl und das jetzt den ganzen Tag lang, denn die Dinger trocknen nicht von allein.

Im Kopfhörer hörst du ‘Stellungswechsel, kommt da und da hin. Sofort!’ Du rennst, du treibst die jungen Kollegen vor dir her. Sie wissen nicht wie ihnen geschieht, funktionieren noch nicht richtig. Was bleibt übrig? Du zerrst sie mit, brüllst sie an, dass sie sich bewegen sollen. Dieses Zögern kostet Zeit und deine Kraft.

Ich mache ihnen keinen Vorwurf, so etwas kann man noch so oft trainieren, hier in freier Wildbahn sieht alles anders aus. Wieder fliegen Steine, einer prallt am Schulterpanzer ab, Schwein gehabt!

Dann siehst du diese Typen mit ihren albernen Tüchern vorm Gesicht. Sie haben Verkehrsschilder aus dem Boden gerissen, schmeißen sie nach uns oder kommen damit auf uns zu gerannt. Dein Vordermann tritt dir auf die Füße. Du drückst ihn nach vorn. ‘Kein zurück weichen!’ Kette bilden, wieder den Wasserwerfer im Rücken.

Du musst die Augen überall haben. Wenn nur diese vielen Menschen auf der Straße nicht wären. Du denkst, du bist im falschen Film. Steht da wirklich einer mit der Bierflasche und johlt diesen Schwarzen zu? Wozu mache ich das eigentlich? Für die? Nein!

Wir stehen und warten, beobachten die Umgebung und bekommen viel mit. Vielleicht zu viel. Wir sehen das Eltern mit ihren Kindern an der Hand an der Straße stehen wo Barrikaden brennen und sich lebensgefährliche Szenen abspielen. Geht’s noch?

Gackernde Mädchen in kurzen Tops machen Selfies, werden laut wenn wir sie zur Seite schieben. Jaja, ‘Polizeigewalt’! Dumme Gören. Du unterdrückst diese ständig neu aufflackernde Wut in dir.

Ich habe mich gezwungen diesen Brief zu schreiben, aber ich werde Euch nicht in eurer Geilheit nach Sensationen bedienen.

Ihr habt genug im Fernsehen gesehen und Euch daran ergötzt.

Ihr denkt, dass jetzt ein Dankeschön reicht. Nein! Nicht mal ansatzweise…

Wir sind Eure Helden, Eure Polizei? Für wie lange?

Ihr vergesst zu schnell. Nur wir, wir können nicht so schnell vergessen, wie es auf uns einprasselt. Ist das das Land und die Leute für die ich mein Leben aufs Spiel setze?”

——————-

Der Autor ist uns namentlich bekannt.