Leserbrief einer Polizistin: Von Unmenschlichkeit und Mitmenschlichkeit

1. Juli 2017 at 19:58

Leserbrief einer Polizistin: Von Unmenschlichkeit und MitmenschlichkeitAchtet mehr auf die Älteren!

Kürzlich unterhielten wir uns mit einer Kollegin über dies und das. Als wir ihr die Frage stellten, welcher Fall ihr nicht aus den Gedanken geht und sie emotional beeinflusst hat, schilderte sie uns folgende Geschichte.

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Wie soll man etwas erzählen was einen selbst nach Wochen noch beschäftigt? Es ist nicht leicht Worte zu finden. Ich versuche es so zu beschreiben wie ich es auch in meinem Bericht getan habe.

Wir fuhren durch die Einkaufsstraße der Stadt, die ich nicht nennen werde, weil sie nichts zur Sache tut und täglich irgendwo ähnliches geschieht. Wir hatten einige Platzverweise an die üblichen Klienten verteilt, als uns ein älterer Herr auffiel, der aufgeregt seine Tasche und seine Jacke durchsuchte.

Wir hielten an und gingen auf ihn zu und er kam auch sofort auf uns zu und erklärte uns aufgeregt, dass seine Geldbörse mit seiner gesamten Rente, die er von der Bank geholt hatte, weg sei. Wir nahmen den Mann auf die Wache mit und nahmen den Sachverhalt auf.

Das ganze dauerte eine Weile, weil der Herr sich nicht beruhigen konnte und wir ihn auch nicht so gehen lassen wollten. Keine Ahnung, wie es kam und von wem er kam, auf einmal ging in der Wache ein Briefumschlag herum wo jeder von den anwesenden Kollegen rein tat, was er bei sich hatte.

Auch wurde der Kühlschrank im Aufenthaltsraum geplündert, naja, viel war nicht drin… (die Kollegen unter uns werden jetzt grinsen). Also wurde kurzerhand dem Herrn angeboten ihn nach Hause zu fahren. Aber man müsse erst noch für die Wache einkaufen, sagten wir ihm.

Er war glücklich den weiten Weg nach Hause nicht laufen zu müssen und willige ein mit uns zu kommen. Lange Rede kurzer Sinn, wir kauften für ihn ein, so dass er die nächste Zeit über die Runden kommen würde und gaben ihm dann zu Hause den Umschlag mit dem Geld.

Seine Reaktion werde ich nicht schildern, weil sie so herzergreifend und liebevoll war, dass es nur uns Polizisten angeht, die daran beteiligt waren.

Warum erzähl ich Euch das? Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich hoffe, dass es anregt denen zu helfen die es wirklich brauchen. Wir werden alle mal alt und wir werden alle in diesem unserem Land leben müssen.

PS: Den Täter konnten wir später noch stellen, aber das Geld des Herrn war natürlich weg.

PPS: Achtet mehr auf die Älteren unter uns! Nicht, um sie zu bevormunden, aber sie brauchen manchmal die Hilfe von uns Jüngeren und ein wachsames Auge. Denn wir Polizisten können nicht immer überall sein…

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Die Autorin ist uns namentlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben.