Leserbrief: Ich habe erlebt, wie die Polizistin angeschossen wurde und leide noch heute mit

28. Juli 2017 at 20:27

Leserbrief: Ich habe erlebt, wie die Polizistin angeschossen wurde und leide noch heute mitMitte des vergangenen Monats mussten wir über einen Vorfall aus Unterföhring berichten, bei dem eine 26-jährige Polizistin einen Kopfschuss erlitt und lebensgefährlich verletzt wurde. Unserer Kenntnis nach ist der Gesundheitszustand der Kollegin bis heute unverändert und sie liegt weiter im Koma.

Wir haben von einer jungen Frau die folgende Wortmeldung erhalten. Sie war zwar keine Augenzeugin, befand sich zum Tatzeitpunkt jedoch in unmittelbarer Nähe und hat die Schüsse gehört. Sie befindet sich bis heute unter dem Eindruck dieses Erlebnisses und leidet auch mit der Kollegin mit:

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Ich muss jetzt nicht ins Detail gehen, da jeder mittlerweile weiß, was in Unterföhring am Bahnhof passiert ist.

Ich war an diesem Tag zu dieser Zeit auch im Bahnhof. Zwar Gott sei Dank nicht im Gleisbereich, sondern oben im Hallenbereich und habe die Schüsse „nur“ gehört.

Man bekommt die Panik mit, weiß Anfangs die Situation nicht einzuschätzen, es keimt dennoch eine Angst in einem auf, die man bis zuvor, einfach nicht kannte. Es wirkte so irrational und man funktionierte einfach nur. Natürlich hat man bestimmte Gedanken im Kopf, gerade weil Tage zuvor London von Terroranschlägen heimgesucht wurde.

Mein Arbeitsplatz ist ca. 150m vom Bahnhof entfernt und es war ein absolut erleichterndes Gefühl am „sicheren“ Arbeitsplatz zu sein. Nur Minuten später kamen meine geschockten, traumatisierten Kollegen in der Arbeit an, die in dieser besagten S-Bahn saßen, als es passiert ist.

Als sie erzählt haben was sie gerade gesehen hatten und erleben mussten, war das ein zusätzlicher Schock für mich. Nun hatte ich zu den „Geräuschen“ und der Panik auch Bilder im Kopf.

Wir wussten zu diesem Zeitpunkt, dass es Verletzte und Schwerverletzte gab. Die Angst zuvor wich einfach nur purem Entsetzen. Die Emotionen, die man plötzlich spürt, sind sehr schnell überfordernd und reichen von Traurigkeit, Mitgefühl, Aggression, Angst bis hin zur Erleichterung, dass die Kollegen heil da rausgekommen sind. (Und man macht sich gleichzeitig Vorwürfe, wenn man so denkt, da man weiß, dass es Verletzte und Schwerverletzte gab.)

Kurz darauf durften wir das Gebäude nicht mehr verlassen, da der Täter flüchtig war. Was uns natürlich zusätzlich verunsichert hat. Man stand einfach nur unter Schock. Erst nach ein paar Stunden hat man realisiert, was da gerade passiert ist. Das KIT war dann auch vor Ort und hat sich um alle gekümmert, die Zeugen dieser schrecklichen Tat wurden.

Man liest oft von Verletzen, Schwerverletzten usw. Wenn man aber plötzlich Teil einer so schrecklichen Situation ist, dann wird das zu einer persönlichen Sache. Natürlich empfindet man Mitleid, wenn etwas Schlimmes passiert, aber wenn man Teil des Ganzen wird, bricht es einem das Herz zu wissen, dass eine junge Polizistin jetzt um ihr Leben kämpft.

Die tagtäglich auch bei uns in der Gegend ihren Dienst geleistet hat. Die da war, um andere Menschen (auch uns) zu schützen und bezahlt wohlmöglich mit ihrem eigenen. Das hat uns alle am meisten mitgenommen und das tut es immer noch.

Genauso beschäftigt einen, wie sich ihr Kollege fühlen muss. Das alles ist nach wie vor sehr präsent in meinem Kopf und dem meiner Kollegen. Man merkt, man ist nicht alleine mit diesen Gefühlen. Traumatisiert und unter Schock bleibt man also zurück und man merkt einmal mehr wie sehr man zusammenhalten muss.

Wir konnten untereinander über diesen Vorfall sprechen, was uns allen sichtlich gut getan hat und uns allen geholfen hat. Meine Gefühle stellte ich etwas zurück, um meinen Kollegen zu helfen, die es weitaus schlimmer getroffen hat.

Dennoch bleiben diese Emotionen. Das große Mitgefühl gegenüber der Polizistin und ihrer Familie, ihren Kollegen und vor allem ihrem Streifenpartner, meinen Kollegen, die alles mitansehen mussten, die Frage wieso so etwas überhaupt passiert. Da gibt es einfach keine Distanz mehr, wenn man mittendrin war.

Auch wenn mir diese Zeilen nicht leicht gefallen sind zu schreiben, zeigt es, dass nach so einer schrecklichen Situation am Ende der Mensch zurück bleibt, mit all seinen Emotionen und Empfindungen. Man muss erst lernen damit richtig umzugehen.

Ich hoffe einfach so sehr, dass die Polizistin es schafft! Und allen die dort, vor Ort, alles mitansehen mussten, einfach nur, dass sie diese Situation, soweit es geht, gut verarbeiten können!

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Die Autorin ist uns namentlich bekannt, möchte jedoch anonym bleiben.