Leserbrief von Michelle: Was mich am G20-Gipfel wütend macht sind Gewaltbereitschaft, mangelnder Respekt und die Presse

20. Juli 2017 at 21:03

Leserbrief von Michelle: Was mich am G20-Gipfel wütend macht sind Gewaltbereitschaft, mangelnder Respekt und die PresseBesudelt in jeder Hinsicht, nicht nur auf dem von uns gewählten Bild mit einem mit Bitumen beworfenen Streifenwagen. So sieht Michelle die Polizei beim G20-Einsatz und sie hat, obwohl sie laut eigenen Angaben 18 Jahre jung ist, einen recht differenzierten Blick auf das Thema:

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“Guten Abend liebes Polizist=Mensch Team

Vorweg: Ich habe die Polizist=Mensch Seite ein paar Tage vor dem Gipfel durch einen Link, welcher mich zum „Offenen Brief eines Polizisten – Gedanken zum G20-Gipfel in Hamburg“ geführt hat, gefunden und folgte euch die letzten Tage über per Facebook und der Hamburger Polizei per Twitter, da ich es schön finde, auch einmal eine andere Sichtweise, welche selten in dieser Form in den Printmedien Beachtung findet, sehen zu können.

Ich habe die letzten Tage bis tief in die Nacht die Ereignisse um den G20 Gipfel verfolgt. Zum einen, da mich das politische Geschehen interessiert, zum anderen, weil dort eine Freundin von mir wohnt und wenn ich mich an die Szenen, welche ich „nur“ auf YouTube, in Livetickern und im Fernsehen mitverfolgt habe, zurückerinnere, fehlen mir teilweise noch immer die Worte.

Ich war mir zwar von Anfang an sicher, dass es früher oder später zu Ausschreitungen kommen würde, doch mit dem, was tatsächlich passiert ist, habe ich bis dato nicht gerechnet. Der Brief „G20: Wie ich als im heimischen Revier gebliebene Kollegin die Bilder erlebt habe“ hat mich so berührt, dass ich mich dazu entschlossen habe meine Gedanken zu den letzten Tagen niederzuschreiben.

Schon nach kurzer Zeit, die Proteste waren noch nicht lange im Gange, kam mir die Stimmung geladen vor, was meine Freundin bestätigen konnte. Dann machte in meinem Freundeskreis ein Video die Runde. YouTube, gute acht Stunden lang. Ein Bürger warf einen Gegenstand, welcher wie ein Stein aussah, auf eine Gruppe von Polizisten. Sie rannten auf ihn zu und brachten ihn zu Boden, als eine Stimme aus einem Megafon verkündete, dass die Gewalt eindeutig von der Polizei ausginge. Der immer mehr mangelnde Respekt der Polizei und auch den Sanitätern gegenüber beschäftigt mich schon eine ganz weile.

Nicht weniger der Trend, dass es „cool“ bei einem großen Teil der Jugend ist, zu welcher ich selbst gehöre, die Polizei zu beschimpfen, ohne überhaupt in der Lage zu sein, ein faktisch gestütztes Argument zu formulieren. Ich denke in dem Moment, wo ich die Szene mit dem fliegenden Wurfobjekt gesehen habe, wurde mir klar, dass mit drastischen Ausschreitungen zu rechnen war. Welcome to Hell kam mir, nachdem eine Weile vergangen war, nicht nur wie ein bedrückender Slogan vor, sondern spiegelte bildlich immer mehr die Realität wieder.

Als schließlich parallel zu der immer mehr eskalierenden, ja schon fast kriegsähnlichen Situation, im Schulterblatt des Schanzenviertels in der Elbphilharmonie „Ode an die Freude“, welche Textpassagen wie „Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt, alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.“ beinhaltet, zum Besten gegeben wurde, hatte ich, man möge mir meinen zynischen Kommentar verzeihen, nur noch das Gefühl in einer schlechten Satire Sendung zu sein, welche krampfhaft versucht in einer Situation, in der die Gefühlswelt zwischen weinen und Wutausbruch pendelt, lustig zu sein.

Das war wirklich, in meinen Augen, der Gipfel (des Hohn).

Doch nicht weniger wütend machten mich die gegenseitigen Anfeindungen extremistischer Lager (insbesondere bei diversen Livestreams auf YouTube) und die Forderung einiger Nutzer auf Social Media Plattformen von Schusswaffen Gebrauch zu machen. Als wäre es eine x-beliebige Szene aus einem Film, wo man einem Charakter zuruft, dass er nun endlich handeln möge. Kam ihnen die Situation so unwirklich vor, dass sie nicht weiter gedacht haben? Hätten sie, wären sie vor Ort und nicht vor dem TV gewesen, das gleiche gefordert? In diesen Momenten frage ich mich ob solche Menschen je darüber nachgedacht haben, was es bedeutet eine (Schuss-) Waffe in Händen zu halten und was der gebrauch Jener für Denjenigen bedeutet, der damit auf Menschen zielen muss.

Wenn ich, sofern es sich anbietet, junge Erwachsene auf Themen wie den G20-Gipfel oder die Arbeit der Polizei anspreche und versuche auch mal eine andere Sichtweise aufzuzeigen, stoße ich nicht selten auf Unverständnis. Die Meisten blocken jedoch schlichtweg ab. Oft habe ich das Gefühl, als ob Einige nicht sehen wollen, dass sich in jeder Uniform ein Mensch befindet.

Denn umso weniger man sich mit einer Idee, einem Ideal oder in diesem Fall mit dem Gegenüber identifizieren kann, umso einfacher ist es blinden Hass und auch Gewalt auszuüben. Und umso einfacher ist es auch den Schaden, welchen man, egal in welchem Maße, anrichtet, zu ignorieren oder im schlimmsten Falle zu rechtfertigen, ja geradezu gutzuheißen.

Die Art und Weise wie die Presse nun mit dem Thema umgeht ist, meiner Meinung nach, auch (mal wieder) nicht das Gelbe vom Ei. Und das wäre noch die schön formulierte Version. Gerüchte und händeringende Schuldzuweisungen in der Öffentlichkeit, in welchen Jeder versucht, noch möglichst gut wegzukommen. Die ewig gleich klingende Leier. Es ist einfach nur noch traurig mit anzusehen.

Doch egal was die Berichterstattung die nächsten Tage noch veröffentlichen wird: Für mich seid ihr die wahren Helden des G20 Gipfels. Ich möchte mir nicht ausmalen, was ohne euch die letzten Tage passiert wäre.

Ihr habt meinen größten Respekt dafür, was ihr die letzten Tage geleistet habt. Dafür möchte ich mich einfach noch einmal mit einem großen DANKE bei jedem Einzelnen von euch bedanken. Ich wünsche allen Verletzen eine möglichst schnelle Genesung ohne bleibende Schäden und hoffe, dass ihr alle die vergangenen Tage auch psychisch aufarbeiten könnt.

Liebe Grüße aus dem Süden von Deutschlands

Michelle”

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Die Autorin ist uns namentlich bekannt. Der Leserbrief gibt die Meinung der Autorin wieder.

Die beiden Leserbrief, auf die die Autorin Bezug nimmt, könnt ihr hier nachlesen: