“Sie haben meine Verachtung”: Offener Brief an Rota-Flora-Vertreter Andreas Blechschmidt

14. Juli 2017 at 21:20

Peter-Matthias Gaede war von 1994 bis 2014 Chefredakteur von GEO. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ließ er seinen offenen Brief abdrucken, welcher sich an den Rota-Flora-Vertreter Andreas Blechmschmidt richtet. Da es ein offener Brief ist, möchten wir diesen hier vollständig zitieren:

—————

Ich habe ein paar Fragen an Sie, Herr Blechschmidt.

„Wenn Gewalt gegen Demonstranten ausgeht, ist Gegengewalt legitim“, werden Sie zitiert. Ich nehme an, mit der Gewalt gegen Demonstranten meinen Sie den Wasserwerfer-Einsatz zu Beginn Ihres netten Willkommensgrußes in der Hölle. Dieser Einsatz hat sich ja bekanntlich gegen die Vermummung des Schwarzen Blocks gerichtet, weshalb es vielleicht noch einmal ganz hilfreich ist, daran zu erinnern, weshalb es das Vermummungsverbot überhaupt gibt. Es wurde beschlossen, nachdem aus einer anonymen, vermummten Menge heraus an der Startbahn West einst zwei Polizisten erschossen wurden. Also ermordet.

Der besagte Wasserwerfer-Einsatz hat nach Ihrer Meinung also legitimiert, dass Geschäfte geplündert wurden, Autos verbrannt worden sind, Scheiben eingeschmissen wurden, Polizisten mit Steinen, Stangen, Molotow-Cocktails, Stahlkugeln attackiert worden sind usw.?

Dass Sie vom staatlichen Gewaltmonopol nicht viel halten, ist eine Sache, wobei es interessant wäre, Ihre Theorie von einem idealen Staat kennenzulernen. Falls Sie eine haben.

Die andere Frage aber ist, ob Sie Menschen außerhalb der autonomen Szene tatsächlich für so bescheuert halten, zu glauben, ohne den ersten Wasserwerfer-Einsatz wäre alles ganz anders gekommen. Das wäre es nicht, und Sie wissen es. Die Polizei hätte Gummibärchen und Gänseblümchen verteilen können – gleichwohl wäre alles das geschehen, was geschehen ist. Denn der Schwarze Block wollte es so, dafür hat er die Steine in die Hand genommen, dafür ist er gekommen, dafür ist er, unbehelligt von der Polizei, also schon gar nicht in „legitimer Gegenwehr“, bereits frühmorgens marodierend durch die Straßen gezogen.

Oder wollen Sie uns weismachen, das „Willkommen in der Hölle“, das „Ganz Hamburg hasst die Polizei“, das „Fuck the cops“, das „Wir haben den Bullen u. Deutschland (muss sterben) dieser Tage kräftig eingeschenkt. Und das war gut so“ sowie das „Haut die Bullen platt wie Stullen“ auch am Rande von „G20 – not welcome” hätte sich ohne den ersten Wasserwerfer-Einsatz gegen Vermummte in eine Hippie-Veranstaltung verwandelt? Sie können zwar davon ausgehen, dass uns die Gewalt Ihrer Leute zwar leider ängstigt, aber nicht davon, dass wir blöd sind.

Eine weitere, eigentlich nicht ganz unwichtige Frage könnte einem in den Kopf kommen. Was wollen Sie, was wollen Ihre Leute eigentlich? Verstanden haben wir, und das war ja nicht zu schwer, da fast in Kleinkindgestammel gehalten, dass Sie “A-Anti-Antikapitalista-A“ sind. AA, Scheiße – wogegen Sie sind, ist also, nun ja, irgendwie klar.

Aber wofür sind Sie eigentlich? Die Systeme bieten uns da ja seit etwa dem 19. Jahrhundert nicht allzu viel Auswahl. Bakunins Anarchie ist Papier geblieben, die Münchner Räterepublik hatte eine kurze Lebensdauer. Dito der „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, wie die Prager wissen, die nicht nur Wasser abbekommen haben. Bleiben halt Kapitalismus oder Kommunismus, beides noch auf dem Markt; von Schweden einerseits bis Nordkorea andererseits.

„AAA”, kein Kapitalismus, kapiert. Also Kommunismus/Sozialismus? Welchen dann genau, bitte? Das Genickschuss-Rechtssystem der Kommunistischen Partei Chinas? Die Mauern der DDR? Den Hunger- und Korruptionssozialismus in Venezuela? Das kubanische Paradies der Meinungs- und Demonstrationsfreiheit? Den afrikanischen Sozialismus des Herrn Mugabe? Die grenzenlose Demokratie im Gegenentwurf zum Westen, also im Reich des Assad-Verbündeten Putin?

Es hätte ja einiges auf den Protestplakaten der Autonomen stehen können, wenn Sie denn hätten etwas ausdrücken wollen außer dem pompösen Postulat, dass „ganz“ Hamburg gegen die Polizei sei: gegen den Ego-Shooter Trump hätten Sie aufmarschieren können, gegen den in den Wahn gleitenden Erdogan, gegen Autokraten und Korrupte und nicht sonderlich demokratisch agierende Herren aus Südafrika, Indien, Saudi-Arabien, Indonesien, Brasilien. Stattdessen haben es Ihre Leute vorgezogen, die „Bullen“ zu bekämpfen und, tja, Kollateralschaden halt, ein paar Mittelklasse-Schuldigen die Sachen abzufackeln, auch auf dem Parkplatz eines Altenheims.

Haben Sie ein gutes Gefühl, dass Sie damit auch einige hundert oder tausend Voyeure begeistert haben? Dass auch Gisela und Trudi, die als Touristinnen nach Hamburg gekommen sind, „das mit dem Schwarzen Block irgendwie geil“ fanden? Sind das die revolutionären Massen, mit denen Sie eine bessere Gesellschaft schaffen wollen?

Man könnte ja trotzdem sagen, Sie haben einiges erreicht. Die fortschrittlichen Kräfte von CDU bis FDP fordern nun die Absetzung des Hamburger Bürgermeisters, die Medien würdigen Ihre brennenden Barrikaden und die zerdepperten Leihfahrräder zigmal mehr als etwa die Inhalte des alternativen G-20-Treffens, bei dem zum Beispiel afrikanische Bauern sehr klug gesprochen haben; die sowieso unterbezahlten Paketboten und kleinen Geschäfte hatten halt ein paar Tage gar keine Arbeit mehr, und die „Bullen” sind nun nach vielen 20-Stunden-Schichten ordentlich ausgelaugt. Die Solidarität mit den Werktätigen setzen wir im Falle der „Bullen” mal aus, gell?

Also bravo, Herr Blechschmidt! Sie haben es dem Kapitalismus mal wieder an genau den richtigen Stellen, wenn auch diesmal zum Unverständnis Ihres Kollegen Andreas Beuth noch nicht in Pöseldorf, so ordentlich gezeigt. Und Sie haben neue Verbündete. Nämlich die, die ein paar Stunden im Stau stehen mussten und nun von der anderen Seite her auf die Polizei schimpfen. Ihre Bewegung gegen „die da oben“ wächst. Und vielleicht tun Sie sich demnächst ja sogar mit den Schwarzen Blöcken auch der Rechten zusammen. Ihre Methoden ähneln sich bereits ganz hübsch, das intellektuelle Niveau ihrer Systemkritik tut es auch.

Sie haben meine Verachtung.