Leserbrief von Sebastian: Manchmal sollte man die Geschichte hinter einer Person kennen, bevor man vorschnell urteilt

29. September 2017 at 20:26

Leserbrief von Sebastian: Manchmal sollte man die Geschichte hinter einer Person kennen, bevor man vorschnell urteiltFreud und Leid liegen nah beieinander, darüber haben uns die Kollegen schon öfter berichtet. Doch manchmal ist eine Situation nicht so, wie sie zu sein scheint. Dann lohnt es sich, hinter eine Person zu blicken, und es eröffnet sich eine ganz andere Sichtweise:

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“Gestern im Dienst, nach fast sechs Stunden Schicht, dachten wir das erste Mal daran, oder vielmehr hatten wir die Zeit dazu, uns was zu Essen und zu Trinken zu besorgen.

Also ab in den Supermarkt, eine Flasche Wasser und etwas zu Essen gegriffen und dann an die Kasse zum Bezahlen. Während wir dort so standen, drehten sich drei Kunden vor uns um und sahen uns an. Eine ältere Dame winkte uns und meinte, dass sie uns vorlassen möchte. Sie schenkte uns noch ein Lächeln und bedankte sich für unseren Dienst.

Tja, doch plötzlich ging die Meckerei in der kleinen Schlange vor der Kasse los. Der Mann, der vor uns an der Kasse war und einen sehr gut gefüllten Einkaufswagen hatte, machte sich seiner Wut Luft und beleidigte die ältere Dame und dann auch uns.

Wir forderten ihn auf seine Ausdrucksweise zu überdenken. Doch der Herr dachte gar nicht daran und steigerte sich immer mehr in seine Wut. Seine erst etwas blasse Hautfarbe wich einem fast schon Dunkelrot. Ich dachte ihm platzt gleich der Kopf.

Wir versuchten weiter ruhig auf den Mann einzuwirken, denn mit der ganzen Diskussion ging es auch nicht schneller. Nein, im Gegenteil, er hielt alle auf. Wir wären eigentlich schon längst fertig gewesen mit unserem Einkauf, da griff der ältere Herr plötzlich in seinen Einkaufswagen und bewaffnete sich mit seinen noch nicht bezahlten Lebensmitteln und fing an, uns und die ältere Dame damit zu bewerfen.

Uns blieb in diesem Fall nichts anderes übrig, als den Mann, nach dreimaliger Vorwarnung, von beiden Seiten so festzuhalten, dass er nichts mehr werfen konnte. Wir redeten nochmals in Ruhe auf den Herrn ein und konnten ihn so schließlich beruhigen.

Dann fing er plötzlich zu weinen an und sagte, er wäre einfach nur überfordert. Seine geliebte Frau war drei Tage zuvor gestorben und er war einfach nur mit den Nerven am Ende. Wir halfen ihm die geworfenen Lebensmittel einzusammeln. Dann bezahlten wir alle.

Draußen, vor dem Supermarkt, redeten wir noch eine Weile mit dem Mann. Wir sprachen ihm unser Beileid aus. Letztendlich entschuldigte er sich bei der Dame und bei uns. Ganz ehrlich, mir tat er nur noch leid. Es war schlimm zu sehen wie der Mann einfach nur fix und fertig war.

Man weiß nie warum Menschen gerade einfach nur mies drauf sind. Wir sind froh gewesen, dass der Herr sich uns gegenüber öffnen konnte. Wir klopften ihm auf die Schulter und wünschten ihm alles Gute und sagten zu ihm, wann immer er Hilfe brauche, wir sind da. Zum Schluss gaben wir uns noch die Hände und da lächelte er wenig.

Mein Kollege und ich unterhielten uns noch eine Weile über den Vorfall und beschlossen gemeinsam, dass wir am nöchsten Tag nach der Schicht bei dem Herrn vorbeischauen würden, um nach ihm zu sehen. Er tut uns einfach nur schrecklich leid. Einen geliebten Menschen zu verlieren ist mitunter das Schlimmste, was einem widerfahren kann.

Nachdem uns auch nach der letzten Schicht der Mann nicht aus dem Kopf ging, sind mein Kollege und ich heute nach dem Frühdienst bei dem Herrn vorbeigefahren und haben nach ihm geschaut.

Erst hatte er stutzig reagiert als er die Tür öffnete, aber als wir sagten, dass wir uns Sorgen um ihn gemacht haben und nach ihm schauen wollten, erhellte sich seine Miene und er lächelte. Er bat uns herein, bot uns Kaffee an und wir saßen dann eine Stunde bei ihm und redeten miteinander.

Es war uns beiden einfach ein Bedürfnis, da wir uns wirklich Sorgen machten.

Zum Abschied meinte der alte Herr zu uns: “Einen ganz lieben Gruß an alle ihre Kollegen da draußen, ihr seid mehr als Freunde und Helfer”, und er versprach uns, nie wieder zu motzen, wenn er mal von der Polizei kontrolliert wird. Er wollte sich bei jedem einzelnen Polizisten da draußen bedanken. Er hatte sich sehr darüber gefreut, dass wir nach ihm geschaut hatten.

Auch wir zogen mit einem sehr guten Gefühl ab. Wir sollten uns vielmehr um unserer Mitmenschen kümmern und nicht nur an uns selbst denken! Hier konnten wir helfen, das ist einfach nur schön. Und letzten Endes war alles ganz anders, als wir es zunächst vermutet hatten…”

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Der Autor ist uns namentlich bekannt. Man sollte eben auf beiden Seiten anerkennen, dass man es mit Menschen zu tun hat, die ihre eigene Geschichte und manchmal auch gute oder weniger schöne Gründe für ihr Handeln haben.