Epileptischer Anfall oder sturzbesoffen?

24. Oktober 2017 at 21:23

Epileptischer Anfall oder sturzbesoffen?

Ein Leserbrief zum Nachdenken von Kollege Andreas

“In unserem Bezirk gibt es einen Mann, der bei uns mittlerweile bekannt ist. Nicht aufgrund von Straftaten, sondern aufgrund seiner Krankheit. Er hat Epilepsie.

Meist hat er die Beschwerden sehr gut unter Kontrolle, aber leider nicht immer.

So war es auch heute Morgen. Er hatte schlichtweg, aufgrund eines psychischen Ausnahmezustandes, vergessen seine Medikamente rechtzeitig zu nehmen. Dass die Aufregung natürlich noch ihr übriges tat, muss ich, glaube ich, nicht erklären.

Naja, es kam wie es kommen musste, er bekam einen Anfall. Aber was dann passiert ist, lässt mich zweifeln. Zweifeln an den Menschen.

Was war passiert?

Jeden Morgen läuft der junge Mann, er ist 24 Jahre alt, bei uns an der Wache vorbei. Seit über drei Jahren. Seit fast zwei Jahren schaut er immer wieder einfach nur herein und wünscht uns einen guten Morgen und einen stressfreien Dienst.

Heute Morgen, wir waren gerade im Begriff die Dienststelle zu verlassen um auf Streife zu gehen, hörten wir Hilferufe einer Frau. Sofort machten wir uns zu viert auf den Weg um nach der Person zu suchen. Einmal kurz um die Ecke und da war sie, über einen Mann gebeugt. Wir erkannten ihn direkt.

Ein Kollege rief sofort einen Notarzt zu Hilfe und wir kümmerten uns um ihn. Als erstes lief ein älteres Ehepaar vorbei, das meinte lapidar: “Bestimmt besoffen…” Ganz ehrlich, ich wollte erst dazu was sagen, aber unser “Patient” war wichtiger.

Als nächstes lief eine Frau mit ihrem Kind vorbei. Sie sagte zu ihrem Sohn: “Schau nicht hin, der ist betrunken! Wie widerlich…” Dies hörte ein Kollege und schrie der Frau förmlich nach: “Der Mann ist krank und nicht betrunken. Sie sind widerlich!”

Wieder laufen Passanten vorbei und es waren wirklich wenige dabei, die gefragt haben, ob sie etwas helfen können. Nein, die meisten mussten dumme Kommentare abgeben.

Als der Notarzt eingetroffen war und sich nun um den 24-Jährigen kümmern konnte, fiel uns ein Stein vom Herzen. Endlich war er in professionellen Händen.

Ich bin Polizist und selbst gerade mal 27 Jahre alt und wollte eigentlich irgendwann eine Familie gründen. Aber das überlege ich mir noch einmal reiflich. Wie kann ich einem Kind diese empathielose Menschheit antun? Ich war heute morgen einfach nur fassungslos, mal wieder.

Heute Nachmittag haben wir den Mann im Krankenhaus besucht und er war einfach froh darüber uns zu sehen. Ehrlich, wir waren auch froh ihn zu sehen und dass es ihm einigermaßen gut ging.

Es macht mich traurig, aber auch wütend, dass Menschen so reagieren können. Dann lieber schnell vorbei gehen und die Klappe halten, als solche Kommentare abzugeben!

Dieser Junge Mann hat eine Familie, hat Freunde, die sich große Sorgen um einen geliebten Menschen machen.

Man sollte nicht urteilen, wenn man denjenigen nicht kennt und nicht weiß was vorgefallen ist. Zumindest die Rettungskräfte und uns Polizisten informieren kann jeder.

Schaut nicht weg – – – > Helft!!!

Morgen könntet Ihr derjenige sein, der Hilfe braucht.”