Leserbrief von Steffi: Für viele Juristen ist es überraschend, dass sich Mandanten in der Kanzlei anders verhalten als bei einer Kontrolle

6. Oktober 2017 at 20:03

Leserbrief von Steffi: Für viele Juristen ist es überraschend

“Für viele Juristen ist es leider noch immer vollkommen überraschend, dass sich Mandanten in der Kanzlei anders verhalten als bei der Verkehrskontrolle.

Wenn man den Mandanten nur nett kennt, hat das nichts zu heißen!! Dazu muss ich ein Beispiel aus meinem Praktikum loswerden…

Ich war nachts mit Polizisten auf Streife unterwegs und stand mit Schutzweste ausgerüstet im Hintergrund bei einer ganz normalen allgemeinen Verkehrskontrolle. Der betrunkene Beifahrer (!!) pöbelte die Polizisten an, das war nicht mehr erträglich.

Die Polizisten sind ruhig geblieben, der nüchternen Fahrerin war es schon peinlich genug. Nachdem der Typ mehrfach aufgefordert wurde, ins Auto zu steigen, zeigte er plötzlich schwankend auf mich und rief: “Warum darf die dann draußen rumstehen??? Die ist auch nicht von Euch!!”.

Der eine Polizist schaltete schnell und meinte trocken: “Ja wissen Sie, die Staatsanwaltschaft schickt auch ab und zu mal Leute, die sich das hier anschauen sollen, weil der Tonfall ja schon anders ist als vor Gericht…” Ich musste mir ein Lachen verkneifen, in Gedanken habe ich mich brüllend auf dem Bürgersteig gewälzt…

Stimmte vollkommen, das Praktikum lief über die Staatsanwaltschaft! Jedenfalls war der Pöbler von einer Sekunde auf die nächste stocknüchtern und verbeugte (!!) sich vor mir, der hat sich ja vielleicht zusammengerissen…. Er nuschelte noch etwas, was wohl ein Kompliment darstellen sollte, und sank dann auf dem Beifahrersitz zusammen, ganz klein mit Hut und einem hochroten Kopf.

Die Fahrerin rauschte erleichtert ab und zurück blieben zwei lachende Polizisten und eine schon fast tränenüberströmte Praktikantin (vor Lachen, weil ich mich so lange zusammenreißen musste…).

Ich werde die Begegnung nie vergessen, vor allem wenn die Mandanten erzählen, wie schlimm doch die bösen Polizisten waren… Dienstaufsichtsbeschwerden lehne ich grundsätzlich ab, aus Prinzip (aus Prinzip können nicht nur unangenehme Mandanten, sondern auch sture Anwältinnen), und als mich mal ein Mandant gefragt hat, ob ich denn kein Geld mehr mit ihm verdienen möchte, da habe ich schlichtweg “Nein” gesagt.

Ich vertrete lieber Polizisten bei Widerstandsdelikten oder Unfallsachen, und wenn das Mandanten nicht passt, dann müssen sie sich einen neuen Anwalt suchen. Auch ich bin menschlich und ganz sicher keine Marionette von Mandanten, die meinen, sie müssten “aus Prinzip” dem bösen Polizisten noch schnell was reindrücken.

Wenn man mal unterschiedlicher Meinung ist, dann diskutiert man sachlich, aber kein Mandant wird jemals von mir hören “typisch Polizei” oder “da hackt ja eine Krähe der anderen kein Auge aus” oder sonstiges.

So wie ich die Polizei kenne, gefällt mir ‘typisch Polizei’. Das Erlebnis hat es einmal wieder bestätigt 🙂”

——————-

Die Autorin ist uns namentlich bekannt.