Leserbrief von Annette: Respekt? Gedanken einer Mittvierzigerin

14. November 2017 at 20:36

Leserbrief von Annette: Respekt? Gedanken einer Mittvierzigerin

“Gedanken einer Mittvierzigerin, die nicht so recht weiß, was in ihrem Land gerade geschieht…

Als ich klein war, wurde mir beigebracht, ältere Menschen zu grüßen und zu respektieren. Egal, ob man sie kannte, welche Religion sie hatten oder wer auch immer es war.
Es war einer der Grundwerte, mit denen ich aufwuchs – Respekt vor jedem, der älter war als ich. Und es war und ist für mich immer noch selbstverständlich.

Dass es heute leider normal ist, eher einen gebrechlichen alten Mann in der Bahn stehen zu lassen als ihm einen Sitzplatz anzubieten, kennt ihr alle. Mich erschüttert das.

Aber ich möchte euch von einem Vorfall erzählen, vor ein paar Tagen geschehen in einer “ganz normalen” süddeutschen, bekannten und im Regelfall auch ruhigen Stadt.

Mein Freund und ich beobachteten eine Szene, wessen derer ich recht schnell eine Streife rief, da ich Angst hatte, die Situation könnte eskalieren.

Ein älterer Herr ging auf dem Gehweg entlang und ihm kam ein junger Radfahrer entgegen. (Gegenüber der Hauptverkehrsstraße gibt es im Übrigen einen Radweg).

Dieser Herr wurde vom bereits zu Anfang recht aggressiven Radfahrer angegangen, er solle weg gehen und ihm Platz machen. Auf dem Gehweg wohlgemerkt. (Bitte bildlich vorstellen!) Die dazugehörigen unterirdischen Ausrufe lasse ich außen vor.

Wir beobachteten die Szene drei Minuten lang bis wir dazwischen gingen.

Es war mir unbegreiflich, sowohl der Mut des älteren Herrn, tatsächlich stehenzubleiben, vor einem jungen, ihm körperlich überlegenen Mann und sein Recht als Fußgänger zu behaupten, als auch diese bodenlose Respektlosigkeit, mit dem der Radfahrer diesem Mann entgegen trat.

Schließlich holte ich “euch”, wohl wissend, dass die Polizei durchaus andere Aufgaben hat, als ein Ordnungsgeld zu verhängen. Der junge Mann bekam ein doppeltes. Er war während der gesamten Zeit derart uneinsichtig und forderte uns drei immer wieder auf, weg zu gehen.

Ihm aus dem Weg zu gehen, auf einem öffentlichen Gehweg…

Er wurde immer aggressiver, drohte, wollte nichts von irgendeinem Gesetz oder Recht wissen und sprach nur von sich. Er dürfe das.
“Ey Alter! Ich komm aus XY! Ich darf das!”

Das einzig Humorvolle dabei waren die Beamten, die dem jungen Herrn erklärten, dass der Ausdruck “auf was für einem Trip bist du denn?” keine Beleidigung, sondern eine Frage sei und noch ein paar nette Einzelheiten, die ich an dieser Stelle nicht erwähnen möchte, aber die gezeigt haben, dass man als Polizist eins nie verlieren darf: seinen Humor.

Ja, es gibt äußerst humorvolle Polizisten! Dafür danke ich euch. Denn das nimmt Vielem den Schrecken.

Ich muss die Polizei rufen, weil ich Angst habe, ein alter Mann bekommt gleich – Entschuldigung – eine in die Fresse, weil er einfach seines Weges gehen möchte?

Ich muss euch Beamte davon abhalten, wirklich Wichtigeres zu tun als ein doppeltes Ordnungsgeld zu verhängen, nur, weil es Menschen gibt, die keinen Respekt kennen und vor allem nicht wahrhaben wollen, dass es in Deutschland eine StVO und noch andere Gesetze gibt?

Wo der junge Mann seine ethnischen Wurzeln hat, möchte ich nicht erwähnen, um keine unnötige Diskussion loszutreten.

Das Letzte, was mir noch auffiel, war die Uniform der Beamten.

Braucht ihr wirklich inzwischen solche Panzer? Fast hätte ich eure Kollegen gefragt, wie man sich in sowas überhaupt bewegen kann. Ich bin froh, dass ihr so ausgestattet seid –
aber was ist nur los hier?

Freundliche Grüße
Annette

PS: Übrigens, der Herr kam am nächsten Tag zu uns und hat sich bedankt. Er war sage und schreibe 76!!! Dieser Mut, einfach stehenzubleiben hat mich zutiefst beeindruckt.”

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