Gedanken eines Polizisten: Vergesst uns nicht

12. Dezember 2017 um 21:40 Uhr

Gedanken eines Polizisten: Vergesst uns nicht

“Ein Tag im Juni 2017. Einsatz der Alarmhundertschaft der Polizei. Irgendwo in Baden-Württemberg. Kontrollstelle. Aufklärung im Rockermilieu. 01.22 Uhr. Nichts passiert. 38 Minuten bis Einsatzende vor Ort. Das THW baut die Lichtmasten ab. Nieselregen. Langeweile. Ich schreibe…

Alle gemeinsam harren wir auf dieser Linie.
Auf dieser dünnen blauen Linie.
Harren der Dinge, die da kommen… oder auch nicht kommen.

Gott sei dank. Oder doch uns?

Nur weil nichts passiert sind wir nicht weniger da. Eben weil wir da sind passiert nichts. Deswegen, weil wir Tag und Nacht daran denken, was passieren könnte und so handeln, dass es bei diesen Gedanken bleibt.

Es scheint als existieren wir nicht. Ihr seht uns nicht. Es scheint es passiert nichts. Es scheint, als täten wir nichts, aber man sieht einfach nur nichts. Dabei passiert nie nichts. Dennoch bleibt das was passiert ungesehen.
Weil ihr nicht hinseht. Weil ihr eure Augen verschließt. Vor der Realität. Vor uns.

Ihr seht nur das, was ihr sehen wollt. Nicht das, was ist. Wir stehen dazwischen. Auf jener dünnen blauen Linie. Am Ende können wir nur verlieren. Passiert nichts, scheinen wir unnütz. Passiert etwas, scheinen wir untätig, gar schuldig.

Doch passiert etwas, dann sind wir da. Ohnehin immer da, werden wir sichtbar. Wir gehen nicht, bis wir am Ende sind. Bis wir fertig sind. Wir werden niemals gehen. Wenn wir gehen, dann aus diesem Leben. Für euer Leben.

Es gibt kein Ende. Wir werden niemals fertig sein. Jener Tag, welcher unser letzter sein wird… wird auch euer Letzter sein. Und auch wenn ihr uns vergesst und wir uns fast selbst vergessen. Jener Tag wird niemals kommen. Solange nur einige Wenige verstehen und zu uns stehen. Jene, die uns sehen.

Und auch wenn ihr uns nicht seht oder nicht sehen wollt. Wenn ihr die Realität nicht sehen wollt. Wir sind da. Real. Nur unsichtbar. Immer da. Wie ihr. Ihr, die ihr denkt ihr braucht uns nicht. Wozu auch, wenn nichs passiert? Ihr wisst es nicht besser und wir wissen, dass ihr es nicht besser wisst. Doch das hilft uns nicht.

Und schließlich ändert sich nichts. Ihr wisst auch weiterhin nichts. Ihr seht uns nicht, drum bleiben wir unsichtbar. Solange bis etwas passiert, dann werden wir sichtbar. Und so bleiben wir auf ewig… und auch unsichtbar… unabdingbar, unverzichtbar. Immer da. Und ihr. Undankbar.

Und schließlich harren wir weiterhin gemeinsam auf dieser Linie. Auf dieser dünnen blauen Linie. Unsichtbar.

Vergesst uns nicht… bevor wir uns selbst vergessen.

D.R.”

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Der Autor, von dem Text und Bild stammen, ist uns namentlich bekannt. Der Text gibt die persönliche Meinung des Autors wieder, die wir uns alleine durch die Veröffentlichung nicht zu eigen machen.